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12.01.2011

13:00 Uhr

Ifo-Chef Sinn

"Die Konjunktur brummt wegen der Krise"

VonKonrad Handschuch, Malte Fischer
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Die deutsche Wirtschaft ist 2010 um 3,6 Prozent gewachsen. "Wenn überhaupt ein Land ohne größere Verwerfungen aus dem Euro-Raum austreten kann, dann ist es Deutschland", sagt Hans-Werner Sinn. Im Interview erklärt der Leiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung warum Deutschland boomt - und der Euro am meisten unter dem Versuch seiner Rettung leidet.

Hans-Werner Sinn: "Wegen Lehman kann sich der Lehman-Gau nicht wiederholen." DAPD

Hans-Werner Sinn: "Wegen Lehman kann sich der Lehman-Gau nicht wiederholen."

Herr Professor Sinn, die Euro-Krise spitzt sich zu, die Angst vor Staatspleiten wächst - gleichzeitig brummt die Konjunktur. Wie passt das zusammen?

Sinn: Die Konjunktur brummt wegen der Krise.

Das müssen Sie uns erklären.

Nach Einführung des Euro haben Banken und Versicherungen die Ersparnis der Deutschen der inländischen Verwendung entzogen und ins Ausland getragen. Dort hofften sie, höhere Renditen erzielen zu können. Diese Phase ist vorbei. Wer jetzt Geld im Ausland anlegt, muss Angst haben, es nicht wiederzubekommen. Der Markt für griechische Staatsanleihen ist genauso pulverisiert wie der für strukturierte amerikanische Immobilienpapiere. Da die Kapitalanleger wieder deutsche Anlagen suchen, geht bei uns jetzt die Post ab.

Waren die Klagen der vergangenen Jahre über die Standortnachteile Deutschlands übertrieben?

Nein, weiß Gott nicht. Von 2002 bis 2010 exportierte Deutschland insgesamt 1 050 Milliarden Euro Kapital ins Ausland, das waren ziemlich genau zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis. Dieser Kapitalabfluss hat Deutschland in die Flaute getrieben, die Löhne gedrückt und das Land einer Zerreißprobe ausgesetzt. Hätten wir dieses Geld in dieser Zeit in Deutschland investiert, wäre ein proper Land entstanden.

Aber haben wir nicht wegen unserer Exportüberschüsse am meisten vom Euro profitiert? Das sagen die französische Finanzministerin Christine Lagarde und auch Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Beide verkennen, dass der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands nicht nur definitorisch dem Kapitalexport gleich ist, sondern in den letzten Jahren tatsächlich durch den Kapitalexport bewirkt wurde. Der Kapitalabfluss brachte die Flaute. Er drückte die Nettoinvestitionen auf das niedrigste Niveau aller OECD-Staaten und machte uns neben Italien zum Schlusslicht beim Wachstum. Die Flaute hielt die Importe zurück. Außerdem reduzierte sie die Lohn- und Preissteigerungsraten, was uns im Verhältnis zum Ausland immer billiger machte und die Exporte beflügelte. Der Exportüberschuss folgte aus der Standortschwäche.

Hat nicht die Stärke unserer Exportwirtschaft der Flaute ein Ende gemacht?

Der Güterexport hat geholfen, die für die Kapitalexporte nötigen Überschüsse in der Leistungsbilanz zu erzeugen. Hätte die ganze Anpassung über die Importe laufen müssen, wäre die Flaute noch viel stärker ausgefallen. Auch im jetzigen Boom hilft uns der Güterexport. Der Außenhandel ist aber weniger wichtig, als viele denken. Die deutsche Wirtschaft wuchs 2010 um 3,6 Prozent. Diese Zahl wird nur zu einem Viertel vom Außenhandel erklärt, der ganze Rest ist Binnennachfrage, vor allem nach Investitionsgütern. Die Banken sind heute wieder bereit, mehr Kredite im Inland zu vergeben, weil sie die Risiken im Ausland höher einschätzen.

Kommentare (22)

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Mondego

12.01.2011, 14:37 Uhr

Sinn-Krise:

Zum ersten Mal musste ich beim Lesen eines interviews mit diesem Herrn so richtig laut loslachen:
Wir sind also stark, weil wir vorher so schwach waren !
Ein X ist ein U und an Weihnachten kommt demnächst der Osterhase.
Jetzt wundert es auch nicht mehr, dass Herr Sinn diese Krise nicht vorhersehen konnte. Und nach diesen Äußerungen stört es sogar nicht einmal mehr !

Wenigstens hat der Mann jetzt Unterhaltungswert.

Kräftemangel

12.01.2011, 15:01 Uhr

bernard Madoff würde heute noch Schneebälle formen, wenn es die Lehmann-Pleite nicht gegeben hätte. Die Lehmann-Pleite war richtig und notwendig, auch wenn viele Kleinanleger mitgerissen wurden. Aber eben auch Madoff und seine Kunden. Nun wird aber bail-out solange betrieben, bis sich alle anderen Madoff's dieser Welt auf Kosten der Steuerzahler, Rentenfonds und Kleinanleger weitestgehend zurückziehen können. Die Stunde der Wahrheit wird kömmen, Herr Sinn hat in diesem Punkt recht. Einen schönen Tag.

Alfons Wöhrl

12.01.2011, 15:07 Uhr

Prof. Sinn stellt in dem interview die Situation Deutschlands im Euroraum der EU realistisch und dar.

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