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24.09.2015

11:12 Uhr

ifo-Geschäftsklima-Index steigt

Das unkalkulierbare Risiko

VonAxel Schrinner

Der Ifo-Geschäftsklima-Index legt zu, die Stimmung der deutschen Wirtschaft steigt. Drei Dinge machen den Unternehmen gute Laune: der Ölpreis, die Zinsen und der Euro-Kurs. Doch eine Sache bleibt unkalkulierbar.

Der Skandal beim Autobauer könnte die deutsche Wirtschaft auf Dauer belasten. dpa

Volkswagen in Wolfsburg

Der Skandal beim Autobauer könnte die deutsche Wirtschaft auf Dauer belasten.

MünchenDie deutsche Wirtschaft ist immer für eine Überraschung gut. Entgegen aller Prognose stieg das Ifo-Geschäftsklima leicht um 0,1 auf 108,5 Punkte. Verantwortlich für den Anstieg war eine Verbesserung der Geschäftserwartungen (+1,1 auf 103,3 Punkte), die den Rückgang der aktuellen Geschäftslage (-0,8 auf 114,0 Punkte) überkompensiert hat. Sorgen vor der Zinswende in den USA, der schwächeren Konjunktur in China und dem anhaltenden Rückgang der Börsenkurse scheint die Mehrzahl der Firmen nicht zu haben – und das zu Recht.

Es sind vor allem drei Faktoren, die den aktuellen Aufschwung weiter befeuern werden: der Ölpreis, die Zinsen und der Euro-Kurs. Ein Fass Öl kostet heute in Dollar gerechnet nur etwa halb so viel wie vor einem Jahr. Das entlastet viele Unternehmen. Die Kosten für Vorprodukte, allen voran für Benzin, Treibstoffe, Chemikalien und Kunststoffe, sinken massiv. Gleichzeitig sparen die Verbraucher viel Geld an der Tankstelle, das sie für andere Konsumgüter verwenden können. Der private Verbrauch wird auch in den kommenden Jahren ein wichtiges Standbein des Aufschwungs sein.

Warum in China die Börse abstürzt

Wie tief fallen die Kurse noch?

Am 27. Juli erlebte Chinas Börse den größten Tageseinbruch seit acht Jahren. Wie weit es noch nach unten geht, kann niemand sagen. Doch der Einbruch wäre vermutlich noch schlimmer ausgefallen, wenn die Börsenaufsicht und die Zentralbank nicht neue Hilfen angekündigt hätten.

Welche Rolle spielt der Staat für die Entwicklung an den Börsen?

Indem die chinesische Regierung Privatanleger in Aktien drängt, versucht sie, das Finanzierungsproblem für Unternehmen zu lösen – und die Schwächen des Bankensektors zu vertuschen.

Welche Nachteile ergeben sich hieraus?

Einmal angefangen, kommt der Staat nun nicht mehr aus der Sache heraus: Damit die Strategie aufgeht, sich das Ersparte für Kleinanleger mehrt und Firmen an Geld kommen, müssen die Kurse oben bleiben. Einen Crash kann man sich schon wegen der Reputation im Grunde nicht leisten.

Warum greifen die staatlichen Maßnahmen nicht?

Die Hilfsprogramme der Regierung nutzen sich ab – oder besser: sie nützen nichts, wenn gleichzeitig immer mehr Anleger nicht mehr an die Börsen glauben.

Hat der Börsencrash in China Auswirkungen auf die Realwirtschaft?

Wenig. Der Aktienmarkt hat sich schon lange von der Realwirtschaft entkoppelt.

Wie hart trifft der Börsencrash die chinesischen Sparer?

Chinesen sind zwar emsige Sparer. Sie haben aber nur einen kleinen Teil ihres Geldes in Aktien investiert. Fünf Prozent der Ersparnisse stecken in Wertpapieren.

Welche deutschen Aktien geraten durch die Turbulenzen in China unter Druck?

Besonders exportorientierte deutsche Unternehmen. Für Volkswagen und Daimler ist China enorm wichtig. Auch Chemiekonzerne wie Bayer und BASF geraten unter Druck.

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr an den Börsen der Welt?

Lange Zeit durften Ausländer nicht an Chinas Börsen handeln. Peking hatte seine Finanzmärkte weitgehend abgeschottet. Dadurch schlagen Turbulenzen in China nur sehr abgeschwächt auf internationale Börsen durch.

Welche Rollen spielen ausländische Anleger bei dem Börsen-Crash?

Seit den Turbulenzen ziehen viele internationale Anleger ihr Geld über die Börse in Hongkong wieder aus dem chinesischen Festland ab. Bis Wochenanfang waren auf diesem Weg bereits mehr als sechs Milliarden US-Dollar abgeflossen.

Zudem sind viele deutsche Firmen sind Weltmarktführer; ihre Produkte werden keineswegs nur von Chinesen gekauft. Der wichtigste Kunde von Made in Germany sind die USA. Und die US-Konjunktur brummt. Ein Prozent mehr Wachstum in den USA kann ein etwas geringeres Wachstum in China aus Sicht der deutschen Wirtschaft womöglich mehr als kompensieren – wäre da nicht der VW-Skandal.

Ob und welche Langzeitfolgen die manipulierten Schadstoffwerte des deutschen Autobauers für das Image von deutscher Wertabhaben, ist derzeit unkalkulierbar. Das denkbare Spektrum der Folgen für die deutsche Konjunktur ist vielfältig: Es reicht von den unmittelbaren Einbußen im Exportgeschäft der Automobilindustrie über die Ausstrahleffekte auf andere Branchen bis hin zu einem Imageschaden für Produkte „Made in Germany“. Die Deka-Bank schätzt, dass einen Rückgang der Exporte der deutschen Automobilindustrie in die USA um 20 Prozent Deutschland etwa 0,3 Prozentpunkte Wachstum kosten könnte.

China: Konjunktur kühlt sich weiter ab

China

Konjunktur kühlt sich weiter ab

Wirtschaftsdaten aus China untermauern die Abkühlung der Konjunktur. Die stärkste Bremse ist der Immobiliensektor. Ökonomen rechnen nun mit zusätzlichen Schritten der Regierung zur Stützung des Wachstums.

Dem entgegen wirkt das zusätzliche Wachstum, das durch die Vielzahl von Flüchtlingen generiert wird. Allein die Tatsache, dass sie versorgt und untergebracht werden müssen, erhöht die Wirtschaftsleistung hierzulande, sofern das – meist vom Staat aufgebrachte – Geld nicht an anderer Stelle eingespart wird. Unterstellt man für 2016 eine Million Flüchtlinge, die im Schnitt ein halbes Jahr bleiben und deren Versorgung 1000 Euro pro Kopf und Monat kosten, kommt man auf ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) von sechs Milliarden Euro. Das entspricht 0,2 Prozent des BIP.

Entscheidend für den weiteren Konjunkturverlauf ist, dass die insgesamt gute Stimmung bei Verbrauchern und Wirtschaft anhält. Trotz vieler Unwägbarkeiten scheint die Konjunkturprognose von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) von 1,8 Prozent für 2016 auf recht stabilem Fundament zu stehen. Grund für eine nennenswerte Revision im kommenden Monat besteht nicht.

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