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24.04.2013

10:59 Uhr

Ifo-Geschäftsklimaindex

Stimmung in Chefetagen trübt sich deutlich ein

Der ifo-Geschäftsklimaindex ist im April gesunken: Das wichtigste Stimmungsbarometer für die deutsche Wirtschaft gab von 106,7 auf 104,4 Punkte nach. Bereits im Vormonat war der Index gefallen. Mut macht die Baubranche.

Ein Stopfensetzer steht in der Werkshalle eines Herstellers von Stahlrohren. dapd

Ein Stopfensetzer steht in der Werkshalle eines Herstellers von Stahlrohren.

MünchenDie Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft hat sich im April überraschend deutlich abgekühlt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel auf 104,4 von 106,7 Punkten im Vormonat, teilte das Münchner Ifo-Institut am Mittwoch mit. Damit fiel der Index den zweiten Monat in Folge.

„Die deutsche Konjunktur legt eine Verschnaufpause ein“, sagte ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen. Zwar bewerteten die Firmen ihre aktuelle Lage nach wie vor als gut, dennoch herrsche in den Chefetagen mehr Zurückhaltung. „Auch die Erwartungen an den zukünftigen Geschäftsverlauf sind nochmals zurückgenommen worden.“

Fachleute hatten angesichts des Ärgers rund um die Rettung von Zypern, der Regierungskrise in Italien und vieler weiterer ungelöster Probleme in der Euro-Zone mit einem leichten Rückgang bei dem wichtigsten Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft gerechnet.

Im März war der Index überraschend gefallen, nachdem er seit November unablässig gestiegen war. Erst bei drei Veränderungen in die gleiche Richtung nacheinander sprechen Fachleute von einer Trendwende. Noch hält sich der ifo-Index auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Insbesondere am Bau könnte das Geschäft nach der langen Frostperiode jetzt im Frühjahr anziehen: „Der Bau hat volle Auftragsbücher, die können jetzt abgearbeitet werden“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe.

Was Volkswirte zum Ifo-Index im April sagen

Jörg Zeuner (KfW):

„Der zweite Rückgang des Geschäftsklimas in Folge ist ein Warnsignal. Die Chance zur Erholung ist aber weiterhin da. Europa muss gemeinsam seine Anstrengungen verstärken, damit die Reformländer endlich aus der Rezession finden. Nur dann kann sich der Investitionsstau in Deutschland durchgreifend lösen. Die USA und Ostasien sehen wir trotz jüngst etwas schwächerer Indikatoren dagegen weiter auf Wachstumskurs. Das gibt dem Export wichtige Impulse.“

Ulrike Rondorf (Commerzbank):

„Der Rückgang ist überraschend deutlich. Er zeigt zusammen mit dem Einkaufsmanagerindex, dass sich der Ausblick für die deutsche Wirtschaft verschlechtert hat. Es besteht das Risiko, dass das Wachstum geringer ausfällt als zuletzt erwartet. Viele Probleme im Euroraum sind nach wie vor ungelöst, Reformen stehen noch aus. Zudem kommen weltweit schwächere Wachstumsimpulse.“

Andreas Scheuerle (Dekabank):

„Nun als doch! Die Stimmung der Unternehmen hat spürbar nachgegeben, die Euphorie von Anfang des Jahres ist verflogen. Zu verdanken ist das wieder einmal in erster Linie der Entwicklung in Europa: Erst die politische Lähmung Italiens, dann die verkorkste Zypernrettung und zuletzt die Nachricht, dass Teile des portugiesischen Sparpakets nicht verfassungkonform seien. In guten Zeiten hätte die Weltwirtschaft dem etwas entgegenzuhalten gehabt, doch im zweiten Quartal kamen auch von den wachstumsstärkeren Märkten keine guten Nachrichten: Das chinesische Wachstum hat sich verlangsamt, aus Nordkorea kommt Kriegsgeschrei und die US-Frühindikatoren waren zuletzt schwach. Kein Wunder, dass den Unternehmen zuletzt die Phantasie für eine dynamische Erholung wieder verloren gegangen ist.“

Thomas Gitzel (VP Bank):

„Der Ifo-Index zeigt einmal mehr: Die Bäume wachsen für die deutsche Wirtschaft derzeit nicht in den Himmel. Die exportgetriebene deutsche Volkswirtschaft leidet unter der schleppenden weltwirtschaftlichen Entwicklung. Da derzeit auch die asiatischen Volkswirtschaften, insbesondere China, mit angezogener Handbremse unterwegs sind, fehlen auch wichtige Impulse aus Fernost. Anstatt Hoffnungen auf einen Aufschwung im Jahr 2014 zu wecken, sollte sich unter Volkswirten die Erkenntnis durchsetzen, dass das wirtschaftliche Umfeld bis auf weiteres schwierig bleibt. Die einfache Botschaft lautet: Einen deutlichen wirtschaftlichen Einbruch braucht die deutsche Volkswirtschaft nicht zu fürchten, aber für ein schnelleres Expansionstempo fehlt derzeit die globale Unterstützung.“

Der Ifo-Index gilt als wichtigster Frühindikator für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Lange bevor sich das Auf und Ab in amtlichen Zahlen niederschlägt, bildet der seit Jahrzehnten erhobene Wert recht zuverlässig die Lage ab. Dafür befragen die Wirtschaftsforscher des Münchner Ifo Instituts einmal pro Monat rund 7000 Firmen – von kleinen Geschäften bis hin zu großen Konzernen mit tausenden Beschäftigten.

Rund ein Dutzend Fragen werden zur Einschätzung der aktuellen Lage und zu Erwartungen für die nächsten sechs Monate gestellt. Aus den Antworten werden die drei Indizes zum Geschäftsklima, zur Lage und zu den Erwartungen erstellt.

Die neuen Wachstumsmärkte der deutschen Exporteure

Malaysia

Fast fünf Prozent Wachstum jährlich werden dem aufstrebenden Land bis 2025 vorausgesagt. Im gleichen Zeitraum könnte sich das Bruttoinlandsprodukt verdoppeln. Ein Grund dafür ist die wachsende Wettbewerbsfähigkeit. Im internationalen Standort-Vergleich des World Economic Forum belegt Malaysia Platz 25, knapp hinter Deutschlands wichtigstem Handelspartner Frankreich (21), aber noch vor China (29) und Italien (42). "Malaysia ist eine der offensten Volkswirtschaften der Welt", lobt das Prognos-Institut.

Indonesien

Das muslimisch geprägte Land lockt mit einem riesigen Binnenmarkt: Indonesien ist gemessen an der Bevölkerung die Nummer vier der Welt. 240 Millionen Einwohner leben hier. Bis 2060 wird Indonesien zur sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt aufrücken und Deutschland überholen, sagt die Industriestaaten-Organisation OECD voraus. "Das rohstoff- und bevölkerungsreiche Land wird 2012 und 2013 um mehr als sechs Prozent wachsen", prognostiziert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Die Wirtschaft des Inselreichs profitiert von niedrigen Zinsen und einer niedrigen Inflation."

Kolumbien

Reiche Rohstoffvorkommen von Kohle über Öl und Gold bis zu Seltenen Erden, die Öffnung der Volkswirtschaft und nicht zuletzt eine deutlich verbesserte Sicherheitslage durch die Friedensgespräche mit den marxistischen FARC-Rebellen lassen auch hier ein jährliches Wirtschaftswachstum um die fünf Prozent erwarten. Für die Weltbank zählt Kolumbien zur Spitzengruppe in den lateinamerikanischen Staaten, wenn es um den Schutz geistigen Eigentums und Regulierung geht. "Das Land wird damit für ausländische Investoren interessanter", so der DIHK. Zusätzliche Impulse kommen von dem in Kraft getretenen Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union. Der DIHK hält deshalb sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten Steigerungsraten von mehr als 20 Prozent für möglich.

Peru

Noch mehr Wachstum wird Peru vorausgesagt: Sechs Prozent kann die Wirtschaftsleistung dort pro Jahr zulegen. Auch Peru hat ein Freihandelsabkommen mit der EU unterzeichnet und verfügt über viele Rohstoffe. Der DIHK hält deshalb ein Ausweitung des Handels um mehr als 20 Prozent für möglich. Besonders gefragt sein dürften Fahrzeuge. Dieser Markt lockt dem Prognos-Institut zufolge mit jährlichen Steigerungsraten von sieben Prozent.

Tunesien

Das World Economic Forum hält Tunesien, wo der arabische Frühling begann, für das wettbewerbsfähigste Land Afrikas. "Zu den größten Pluspunkten gehören die geografische Nähe zu Europa, eine belastbare Infrastruktur sowie die günstigen Lohnkosten", betont das Prognos-Institut. "Das Bildungssystem ist im regionalen Vergleich gut ausgebaut. Zudem haben zahlreiche Tunesier im Ausland studiert."

Vietnam

Schon jetzt zählt das asiatische Land mehr Einwohner als Deutschland, 2025 sollen es fast 100 Millionen sein. "Die konsumfreudige und zunehmend kaufkräftige Bevölkerung verspricht ein gewaltiges Absatzpotenzial: In kaum einem anderen Land Asiens wächst die Mittelschicht schneller als in Vietnam", so das Prognos-Institut. Mehr als sechs Prozent jährlich soll das Bruttoinlandsprodukt zulegen. Vietnam verfügt über unzählige billige Arbeitskräfte. Viele Unternehmen haben ihre Produktion deshalb schon aus dem teurer werdenden China in das Nachbarland verlagert.

Mit der getrübten Stimmung in den Chefetagen kommt rund eine Woche vor der nächsten Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) eine weitere schlechte Nachricht aus dem konjunkturellen Musterland der Euro-Zone: Bereits zuvor hatte eine Umfrage unter Einkaufsmanagern ergeben, dass die deutsche Konjunktur zum Start des zweiten Quartals überraschend an Fahrt verloren hat. Der Schwächeanfall des Zugpferds könnte den Währungshütern in Frankfurt weitere Argumente liefern, den Leitzins um 25 Basispunkte auf 0,5 Prozent zu senken und damit die Rezession in vielen Euro-Ländern noch stärker anzugehen.

Das Ifo-Institut rechnet jedoch nicht damit, dass die Zinsen sinken werden: „Das hätte keine größeren Effekte für die deutsche Wirtschaft, und auch für die anderen Euro-Länder wären sie nur marginal“, sagte Wohlrabe.

Bei den europäischen Verbrauchern in Europa ist die Stimmung laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens GfK derzeit zweigeteilt. „Wir haben momentan eine gewisse Polarisierung innerhalb Europas. Wir haben vor allem im Zentrum – teils auch in Osteuropa – Staaten, in denen ist die Stimmung relativ gut“, sagte GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl mit Blick auf das erste Quartal 2013. Vor allem im Mittelmeergebiet und im Westen sei die Stimmung jedoch von der Rezession beeinflusst. Während die nördlichen und östlichen Länder auf eine Erholung zusteuerten, stehe den Krisenländern ein weiteres hartes Jahr bevor.


Kommentare (9)

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Account gelöscht!

24.04.2013, 10:12 Uhr

der gestrige dax-anstieg also ungerechtfertigt?!

völlig überkauft gestern!

Michael

24.04.2013, 10:17 Uhr

"überraschend"

Für wen?

"Das wichtigste Stimmungsbarometer für die deutsche Wirtschaft"

Auch hier: für wen wichtig?
Börse offenbar nicht. Unternehmen wohl auch nicht. Politik auch nicht, höchstens wenn es steigt, dass man's wieder frohlockend herausposaunen kann.
Also für wen? dpa, dpd, Reuters?

Kartenhaus

24.04.2013, 10:28 Uhr

Da werden die gefeierten Anstiege einfach pulverisiert.
Dem Domino-Effekt kann die deutsche Wirtschaft nicht entkommen. Es gibt eben nicht nur Global-Player.

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