Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.08.2016

11:40 Uhr

Ifo-Index

„Ein Schuss vor den Bug der deutschen Wirtschaft“

Die Stimmung der deutschen Manager hat sich im August überraschend eingetrübt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel deutlich von 108,3 Zählern auf 106,2 Punkte. Volkswirte führen den Rückgang auf das Brexit-Votum zurück.

Das Ifo-Institut hat am Donnerstag sein aktuelles Wirtschafts-Barometer vorgestellt. dpa

Kräne in Berlin

Das Ifo-Institut hat am Donnerstag sein aktuelles Wirtschafts-Barometer vorgestellt.

BerlinDie Stimmung der deutschen Manager hat sich nach dem Brexit-Schock den zweiten Monat in Folge eingetrübt. Das entsprechende Barometer für das Geschäftsklima fiel im August deutlich um 2,1 auf 106,2 Punkte, wie das Münchner Ifo-Institut am Donnerstag zu seiner Umfrage unter 7000 Führungskräften bekanntgab. Das ist der schlechteste Wert seit einem halben Jahr. Von Reuters befragte Ökonomen hatten dagegen einen Anstieg des wichtigen Frühindikators auf 108,5 Zähler erwartet. „Die deutsche Konjunktur fällt in ein Sommerloch“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Experten führen das unerwartete Minus auf den Anti-EU-Entscheid der Briten von Ende Juni zurück. „Der Brexit hat sich jetzt etwas stärker ausgewirkt“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe zur Nachrichtenagentur Reuters. „Der Brexit-Schock ist den Unternehmen doch auf den Magen geschlagen“, pflichtete Ökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe bei.

Was Ökonomen zum Ifo-Index sagen

Viola Julien (Helaba)

„Der Ifo-Index, der sich im vergangenen Monat relativ unbeeindruckt von dem Brexit-Votum im Juni zeigte, ist unerwartet auf den niedrigsten Wert seit Dezember 2014 gesunken. Vor allem im Groß- und Einzelhandel hat sich laut Ifo-Institut das Geschäftsklima verschlechtert. Angesichts des hohen Niveaus sind Wachstumszweifel zwar nicht angebracht, eine Zunahme der konjunkturellen Dynamik ist aber ebenso wenig zu konstatieren.“

Holger Sandte (Nordea Bank)

„Man muss bis zur Staatsschuldenkrise im Frühjahr 2012 zurückgehen, um einen Rückgang des Ifo-Index von über zwei Punkten zu finden. Der naheliegende Grund für eingetrübte Erwartungen dürfte der Brexit und die damit verbundene Unsicherheit sein. Erstmal ist nur die Stimmung im Sommerloch, aber ein weiterer Rückgang im September wäre ein deutlicher Hinweis auf langsameres Wachstum im zweiten Halbjahr.“

Bernd Krampen (NordLB)

„Das Umfeld globaler Unsicherheit geht auch an den deutschen Unternehmen nicht spurlos vorbei. Bemerkenswert ist vor allem, dass die befragten Unternehmenslenker sowohl die aktuelle Lage als auch den zukünftigen Ausblick pessimistischer bewerten. Beim Blick auf die Details fällt auf, dass allein im Baugewerbe keine Eintrübung zu verzeichnen ist - ein Schuss vor den Bug der bisher gut laufenden deutschen Wirtschaft.“

Jörg Zeuner (KfW)

„Der Gegenwind des Brexit-Votums vom Juni bremst die bis zuletzt vor Kraft strotzende Wirtschaft nun etwas. Die Stimmung in Deutschlands Firmen trübt sich erstmals seit dem holprigen Jahresauftakt spürbar ein. Offenbar können die gute Dynamik bei privatem Konsum und in der Baubranche Dämpfer bei Unternehmensinvestitionen und Außenhandel derzeit nur noch teilweise abfedern. Wir sind dennoch zuversichtlich, dass die deutsche Wirtschaft auf Wachstumskurs bleibt und rechnen mit einer BIP-Zunahme von 1,8 Prozent in 2016.“

Alexander Krüger (Bankhaus Lampe)

„Der Brexit-Schock ist den Unternehmen doch auf den Magen geschlagen. Anders ist die deutliche Eintrübung des Ifo-Geschäftsklimas nicht zu erklären. Alles in allem bleibt die Stimmung dennoch gut, mit Blick auf die lediglich verhalten wachsende Weltwirtschaft ist sie unseres Erachtens sogar besser als die Produktions-Realität.“

Bereits im Juli war der Ifo-Index nach dem Brexit-Votum gefallen. Die Briten hatten Ende Juni entschieden, dass ihr Land die Europäische Union verlassen soll. Experten fürchten, dass Großbritannien dadurch in eine Rezession rutschen könnte. Auch die deutschen Exporteure müssen dann mit Geschäftseinbußen rechnen, ist das Land doch einer ihrer wichtigsten Kunden.

Der Putschversuch in der Türkei hat sich Wohlrabe zufolge dagegen kaum auf die Stimmung in den Chefetagen ausgewirkt. Ebenso hätten die Anschläge in Deutschland die Konsumstimmung nicht belastet. Bei den Börsianern sorgte der Ifo-Rückgang für Verunsicherung: Der Dax weitete seine Verluste aus und lag zuletzt 1,2 Prozent im Minus.

Die Unternehmenschefs beurteilten sowohl die Geschäftsaussichten für die kommenden sechs Monate als auch die aktuelle Lage schlechter. Die Stimmung trübte sich im Groß- und Einzelhandel sowie in der Industrie ein. „Vor allem der Auftragseingang war rückläufig“, sagte Fuest mit Blick auf das Verarbeitende Gewerbe. „Das Geschäftsklima gab in nahezu allen Branchen nach, am deutlichsten in der Chemie- und Elektroindustrie.“ Bei den Dienstleistern hellte sich das Klima hingeben auf, in der Baubranche blieb es auf Rekordniveau.

NordLB-Volkswirt Bernd Krampen erklärte, dass „das Umfeld globaler Unsicherheit“ auch an den deutschen Unternehmen „nicht spurlos“ vorbeigehe. „Bemerkenswert ist vor allem, dass die befragten Unternehmenslenker sowohl die aktuelle Lage als auch den zukünftigen Ausblick pessimistischer bewerten.“ Nur im Baugewerbe habe es keine Eintrübung gegeben. Das sei „ein Schuss vor den Bug der bisher gut laufenden deutschen Wirtschaft.“

Holger Sandte, Volkswirt der Nordea Bank, warnte: „Erstmal ist nur die Stimmung im Sommerloch, aber ein weiterer Rückgang im September wäre ein deutlicher Hinweis auf langsameres Wachstum im zweiten Halbjahr.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×