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29.01.2010

10:13 Uhr

Indien

Zentralbank strafft die geldpolitischen Zügel

Indien zieht wegen der rapide steigenden Inflation die Zügel der Geldpolitik stärker an als erwartet. Die Reserve Bank of India (RBI) beschloss, den Mindestreservesatz für die Banken um 0,75 Prozentpunkte auf 5,75 Prozent anzuheben. Vor allem die Nahrungsmittelpreise steigen derzeit rasant.

In Bihar protestieren die Menschen gegen die hohen Lebensmittelpreise. ap

In Bihar protestieren die Menschen gegen die hohen Lebensmittelpreise.

NEU-DELHI. Der Mindestreservesatz legt fest, wie viel Kapital die Geschäftsbanken bei der Zentralbank zurücklegen müssen. Analysten hatten mit einer Erhöhung um 0,5 Prozentpunkte gerechnet. Die Leitzinsen ließ die RBI unverändert. Die Entscheidung der indischen Notenbank unterstreicht die zunehmende Sorge in Asiens Schwellenländern, dass ihre schnelle Erholung von der Wirtschaftskrise die Inflation anheizen und zu spekulativen Blasen auf den Kapitalmärkten führen könnte. Vor zwei Wochen hatte bereits China den Mindestreservesatz für die Banken angehoben. Am Donnerstag erhöhten die Philippinen den Leitzins für kurzfristige Kredite.

In Indien sind vor allem die Nahrungsmittelpreise rasant gestiegen. Mitte Januar lag das Plus bei 17,4 Prozent. Die RBI hob ihre Prognose für Indiens maßgeblichen Inflationsindex, die Großhandelspreise, auf 8,5 Prozent von bisher 6,5 Prozent zum Ende des Fiskaljahrs am 31. März an. Volkswirte befürchten zum Teil sogar einen Anstieg der Großhandelspreise um zehn Prozent.

Die RBI wird den Mindestreservesatz in zwei Schritten erhöhen: Am 13. Februar um 50 Basispunkte und am 27. Februar um weitere 25 Basispunkte. Zentralbankchef Duvvuri Subbarao begründete die straffere Geldpolitik mit dem wachsenden Tempo von Indiens wirtschaftlicher Erholung und dem dadurch steigenden Inflationsdruck. Im Dezemberquartal hat das Bruttoinlandsprodukt um 7,9 Prozent zum Vorjahr zugelegt. Das ist der stärkste Anstieg seit 18 Monaten. Die RBI korrigierte am Freitag ihre Wachstumsprognose für das Fiskaljahr bis Ende März um 1,5 Prozentpunkte auf 7,5 Prozent nach oben.

Doch Indiens arme Bevölkerung bekommt von diesem Aufschwung kaum etwas mit sondern leidet vor allem unter den explodierenden Lebensmittelpreisen. Sie sind ein Politikum ersten Ranges in dem Land, in dem rund zwei Drittel der 1,2 Mrd. Einwohner nach Schätzungen der Weltbank von weniger als zwei Dollar am Tag leben.

In Bihar, einem der ärmsten indischen Bundesstaaten, war es am Donnerstag zu gewalttätigen Protesten gegen die rapide Verteuerung wichtiger Grundnahrungsmittel gekommen. Wütende Menschen bewarfen Züge mit Steinen, errichteten Straßensperren aus brennenden Reifen und zwangen Händler zur Schließung ihrer Läden. Mindestens zwölf Personen wurden verletzt. Grund für die hohen Preise ist eine schlechte Ernte infolge des schwächsten Monsunregens seit 37 Jahren im vergangenen Sommer. Die Regierung hatte unlängst den subventionierten Verkauf von Reis und Weizen aus staatlichen Lagern angekündigt, um die Lage zu beruhigen.

„Obwohl der Inflationsdruck bisher überwiegend von der Angebotsseite kommt steigt angesichts der zunehmenden Wirtschaftserholung das Risiko eines breiteren Inflationsprozesses“, warnte RBI-Chef Subbarao. Unternehmen berichten bereits von deutlich höheren Lohnforderungen. Die Inflationsrate im produzierenden Gewerbe stieg zuletzt rasant von 1,6 Prozent im Oktober auf 5,2 Prozent im Dezember.

Dass Indiens Zentralbank trotzdem die Leitzinsen unverändert gelassen hat, liegt womöglich auch an dem Widerstand der Regierung. Sie lehnt mit dem Argument, die wirtschaftliche Erholung sei noch nicht genügend gefestigt, eine Zinserhöhung entschieden ab.

Die RBI hatte nach Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 ihre beiden zentralen Leitzinssätze in mehreren Schritten stark gesenkt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Der Zinssatz für die sogenannte Repo-Rate, zu der sich die Geschäftsbanken Geld bei der RBI leihen können, liegt bei 4,25 Prozent, der Satz für sogenannte Reverse-Repo-Geschäfte bei 2,75 Prozent. Dabei verkauft die Zentralbank Aktiva, zum Beispiel Staatsanleihen, an die Banken und kauft sie später zu einem etwas höheren Preis wieder zurück. Analysten erwarten mehrheitlich eine Leitzinserhöhung durch die RBI im April, wenn turnusgemäß die nächste geldpolitische Entscheidung ansteht.

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