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15.12.2014

10:30 Uhr

Inflation

Preise steigen gefühlt nicht mehr

Erstmals seit fünf Jahren steigen die Preise in Deutschland in der Wahrnehmung der Verbraucher nicht mehr. Die offiziellen Daten sprechen eine andere Sprache. Wie sich die Berechnungen unterscheiden.

Die Kraftstoffpreise sind im November auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gesunken. dpa

Die Kraftstoffpreise sind im November auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gesunken.

BerlinDas gab es zuletzt während der Finanzkrise vor fünf Jahren: Die Preise in Deutschland steigen in der Wahrnehmung der Verbraucher nicht mehr. Die von der Großbank Unicredit ermittelte gefühlte Inflation rutschte im November auf 0,0 Prozent ab, während die offiziellen Daten des Statistischen Bundesamtes einen Anstieg von 0,6 Prozent ausweisen.

„Dahinter steckt der kräftige Einbruch der Ölpreise, in dessen Gefolge sich Kraftstoffe deutlich verbilligt haben“, sagte der Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit, Andreas Rees. Da Öl im Dezember nochmals deutlich günstiger geworden ist, dürfte die gefühlte Inflation am Jahresende sogar im negativen Bereich landen und auch Anfang 2015 dort bleiben.

„Das hat es seit dem Krisenjahr 2009 nicht mehr gegeben“, sagte Rees. Danach hatten stetig steigende Energie- und Lebensmittelpreise die zeitweise auf 5,0 Prozent getrieben. Der Unterschied zwischen gefühlter Inflation und amtlicher Teuerungsrate kommt zustande, weil Unicredit die Waren und Dienstleistungen nach Kaufhäufigkeit gewichtet.

Gefährliche Inflation

Was ist Inflation?

Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Sich-Aufblasen“. Der Begriff bezeichnet einen andauernden starken Anstieg des Preisniveaus: Waren- und Dienstleistungspreise steigen insgesamt an, blasen sich quasi auf. Die Kaufkraft des Geldes sinkt, da man weniger Waren und Dienstleistungen als zuvor für den gleichen Geldbetrag kaufen kann. Wenn die Preise nur einzelner Güter steigen, herrscht noch keine Inflation. Kennzeichnend für eine Inflation ist vielmehr, dass das Geld generell und fortlaufend an Kaufkraft verliert. Das Eurosystem hat definiert, dass eine jährliche Inflationsrate von unter zwei Prozent noch mit dem Ziel der Preisstabilität vereinbar ist.

Quelle: Deutsche Bundesbank, Bundeszentrale für politische Bildung.

Wie wird die Inflation gemessen?

Am häufigsten wird zur Messung der Inflation der Verbraucherpreisindex (früher Preisindex für die Lebenshaltung) als Maßstab für Preisveränderungen herangezogen. Der Verbraucherpreisindex wird anhand eines Verbrauchsschemas, des sogenannten Warenkorbs, berechnet, der alle Güter und Dienstleistungen enthält, die den typischen Verbrauchsgewohnheiten eines Durchschnittshaushalts entsprechen. Dazu gehören Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Bekleidung oder Mieten und langlebige Gebrauchsgüter wie Kraftfahrzeuge oder Möbel genauso wie Dienstleistungen (z. B. Friseurbesuche oder Versicherungen). In der Regel wird der Warenkorb ungefähr alle fünf Jahre neu festgesetzt, weil sich die Konsumgewohnheiten der Verbraucher verändern oder neue Waren und Dienstleistungen angeboten werden. Die Berechnung der Preisveränderung für die Lebenshaltung erfolgt durch die Ermittlung der Preise für die einzelnen Güter des Warenkorbes. Diese Preise werden dann als Indexzahl, bezogen auf ein Basisjahr (derzeit Preisbasis 2005 = 100), ausgedrückt.

Wann spricht man von Hyperinflation?

Eine Hyperinflation ist eine Inflation mit gigantischen Preissteigerungen. Die Inflationsraten liegen mindestens bei 50 Prozent, meist sogar höher. Ist eine Hyperinflation im Gange, nimmt die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ständig zu. Das liegt daran, dass jeder sein Geld möglichst sofort ausgibt, um weiteren Preissteigerungen zuvorzukommen. Die Folge ist eine immer schnellere Nachfrage und immer schnellere Preissteigerungen, bis schließlich das Vertrauen der Bevölkerung in die inländische Währung total verloren geht. Spätestens in dieser Situation weicht die Bevölkerung auf wertbeständiges ausländisches Geld oder auf knappe Sachgüter als Ersatzwährung aus (z. B. amerikanische Zigaretten nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland), um sich auf dem Schwarzmarkt mit notwendigen Gütern zu versorgen.

Schützen Immobilien vor Inflation?

Dass Stein und Beton gegen die Geldentwertung helfen stimmt nur bedingt. Denn die Preise von Eigentumswohnungen und Häusern steigen vor allem in Metropolen. Der Maklerverband IVD hat festgestellt, dass die Preise für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser von 1977 bis 2010 stärker gestiegen sind als die Inflation, aber vor allem in Metropolen und nicht in Kleinstädten oder auf dem Land.

Schützt Gold vor einer Inflation?

Gold gilt als besonders sicher, weshalb Anleger gerade aus Furcht vor fallenden Börsenkursen und Angst vor steigender Inflation hier zugreifen. Allerdings raten Verbraucherschützer regelmäßig zur Vorsicht: Denn die künftige Entwicklung des Goldpreises ist reine Spekulation. Zwar spricht aus ihrer Sicht nichts dagegen, in Gold zu investieren. Allerdings gibt es einiges zu beachten: Da Gold in Dollar gehandelt wird, besteht ein Währungsrisiko. Wer Goldbestände aus Sicherheitsgründen nicht daheim lagern will, muss zudem Kosten für ein Schließfach einkalkulieren.

Schützen Aktien vor einer Inflation?

Neben Immobilien und Edelmetallen gelten auch Aktien als verlässlicher Schutz. Die Idee dahinter: Steigt das allgemeine Preisniveau, schlägt sich das früher oder später auch in den Preisen und Kursen realer Vermögenswerte nieder. Einigkeit herrscht unter Experten aber auch darin, dass dieser Zusammenhang erstens nur tendenziell gilt und zweitens vor allem langfristig.

Benzin und mehr noch Obst, Gemüse sowie andere Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke gehören zum fast sprichwörtlichen täglichen Einkauf. Dadurch fallen Verbrauchern die Preisveränderungen hier viel stärker auf als bei selten gekauften Gütern wie Spülmaschinen oder Computer.

In die Unicredit-Berechnung fließen die Kraftstoffpreise mit zehn Prozent und Nahrungsmittel mit 27 Prozent ein, in die amtliche Statistik nur mit rund vier Prozent beziehungsweise gut zehn Prozent. Auch Nahrungsmittel dämpfen die Inflation derzeit: Sie kosteten im November im Schnitt genauso viel wie ein Jahr zuvor.

Rees geht davon aus, dass der private Konsum durch die niedrige Inflation einen zusätzlichen Schub bekommt: „Wir sehen einen vielversprechenden Dreiklang aus steigender Beschäftigung, höheren Löhnen und niedriger Inflation.“ Verbraucher und Unternehmen würden durch das billigere Öl um etwa 30 Milliarden Euro im Jahr entlastet. „Das stärkt die Kaufkraft.“

Die Gefahr einer Deflation – ein Preisrückgang auf breiter Front mit Umsatzeinbrüchen in der Wirtschaft – sieht Rees nicht. Der Ölpreisrückgang sei etwas Positives. „Er ist nicht ausgelöst worden durch eine schwächere Nachfrage aufgrund einer weltweiten Konjunkturkrise, sondern er ist Ausdruck einer gestiegenen Ölproduktion.“

Mittelfristig spreche das für wieder steigende Inflationsraten, weil durch die Kostenentlastung von Unternehmen wie Verbrauchern das Wirtschaftswachstum gestärkt werde. Das kurbele die Nachfrage an, was wiederum die Preise treiben könne. Die Kraftstoffpreise sind im November auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gesunken. Dem Automobilclub ADAC zufolge kostete ein Liter Super E10 im Monatsdurchschnitt 1,430 Euro.

Von

rtr

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

15.12.2014, 11:42 Uhr

Preise steigen gefühlt nicht mehr ? ... soviel Blödsinn kann auch nur eine Bank quatschen. Die Leute haben immer weniger in der Tasche ...

Herr Old Harold

15.12.2014, 13:19 Uhr

Die Inflationsrate wird seit Jahrzehnten schön gerechnet.

Tatsache ist, dass vor 50 Jahren 1 g Gold 1 US-$ gekostet hat.

Heute kostet 1 g Gold 38 US-$.

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