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17.01.2011

12:48 Uhr

Inflation

Wie Gefühle den Aufschwung bedrohen

Dass sich mit der Euro-Einführung das Teuro-Gefühl breit machte und sich entsprechend negativ auf den Konsum auswirkte, kennt jeder. Nun scheint auch der von der Bundesregierung vorhergesagte Konsumboom durch ein Gefühl bedroht. Grund ist der Preisschub bei Waren des täglichen Bedarfs – und nicht die faktische, sondern die gefühlte Inflation, die die Bürger umtreibt.

Frau mit Einkaufstüten: die gefühlte Inflation schadet dem Aufschwung. Quelle: dpa

Frau mit Einkaufstüten: die gefühlte Inflation schadet dem Aufschwung.

HB BERLIN. Die von den deutschen Verbrauchern gefühlte Inflation lag nach Berechnungen des Schweizer Forschungszentrums für Wirtschaftsstatistik Fribourg im Dezember bei 5,2 Prozent. Sie ist damit mehr als dreimal so hoch wie die vom Statistischen Bundesamt ermittelte offizielle Teuerungsrate von 1,7 Prozent. „Dieses Niveau konnten wir bisher nur in den Monaten um die Euro-Einführung und in der Hochinflationsphase 2007/08 beobachten“, sagte der Fribourger Statistikprofessor Hans Wolfgang Brachinger am Montag zu Reuters. „Deshalb steht die Einschätzung, dass die Konjunktur zunehmend vom privaten Konsum getragen sein wird, auf wackeligen Beinen.“

Im Unterschied zum Statistikamt gewichten die Fribourger Experten die untersuchten Waren nach ihrer Kaufhäufigkeit. Da Benzin und Grundnahrungsmittel wie frisches Obst, Gemüse und Wurst regelmäßig gekauft werden, fallen den Verbrauchern die Preiserhöhungen hier besonders stark auf - zumal diese im Dezember sehr deutlich ausfielen: Tomaten, Paprika, Gurken und andere Gemüsesorten verteuerten sich binnen eines Jahres um bis zu 52 Prozent. Für die Konsumnachfrage spiele diese gefühlte Inflation eine viel größere Rolle als die offizielle Teuerungsrate, in die auch sehr selten gekaufte Waren wie TV-Geräte, Pkw-Reifen und Skier einfließen, sagte Brachinger.

Besonders Gering- und Durchschnittsverdiener könne der kräftige Preisanstieg die Kauflaune verderben, weil sie einen Großteil ihres Einkommens für Waren des täglichen Bedarfs ausgeben. „Die Konsumenten haben eine feinere Nase als die amtliche Statistik“, sagte der aus Deutschland stammende Ökonom. „Die Kluft zwischen amtlicher Teuerungsrate und Inflationswahrnehmung der Konsumenten geht wieder wie zu Zeiten des "Teuro-Gefühls" auseinander.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, versteht die Inflationsängste nicht. „In den letzten zwölf Jahren lag die durchschnittliche Teuerungsrate im Euro-Raum bei 1,97 Prozent, in Deutschland sogar nur bei 1,5 Prozent“, sagte Trichet der „Bild“- Zeitung am Wochenende. „Das sind bessere Zahlen als in den gesamten 50 Jahren vor dem Euro.“ Die Gemeinschaftswährung sei auch angesichts der Schuldenkrise „glaubwürdig und stabil“. Das Defizit der Staatsfinanzen im Euro-Raum sei 2011 nur halb so hoch wie das der USA oder Japan. Alle Industrieländer hätten Probleme mit ihren Haushalten. „Diese Tatsache wird häufig vergessen.“

zuvor hatte noch der jüngste Anstieg der Teuerung in der Euro-Zone die EZB in Alarmbereitschaft versetzt. Zwar gehen Fachleute weiterhin nicht davon aus, dass die EZB schon bald an der Zinsschraube drehen wird, sondern glauben eher an eine Art Warnschuss der Hüter des Euro. Die Gemeinschaftswährung stieg am Donnerstag nach überraschend unverhohlenen Äußerungen von Notenbank-Präsident Trichet dennoch zeitweise auf deutlich mehr als 1,33 Dollar.

Die Teuerungsrate in der Europäischen Währungsunion war vor dem Jahreswechsel auf 2,2 Prozent geklettert und hatte damit zum ersten Mal seit rund zwei Jahren das Inflationsziel der EZB übersprungen. Die Notenbank sieht bei einer Rate von „knapp unter zwei Prozent“ Preisstabilität gegeben. Trichet betonte, die EZB sei trotz anderer Probleme wie zum Beispiel der andauernden Schuldenkrise der Euro-Zone in erster Linie der Sicherung stabiler Preise verpflichtet. Sie könne und werde deshalb im Zweifelsfall handeln. „Wir sind niemals vorab darauf festgelegt, dass wir die Zinsen nicht bewegen.“

Kommentare (9)

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Margrit Steer

17.01.2011, 15:25 Uhr

....Dass sich mit der Euro-Einführung das Teuro-Gefühl breit machte

Das war kein Teuro-Gefühl, sondern eine Tatsache, die bis heute so ist.
Es wurden bei Einführung des Euro lediglich die Preisschilder ausgewechselt, aus DM wurde €, jedoch der Preis blieb.
Was vormals 29 DM kostete, kostet jetzt 29 €.
Unsere Gehälter, Renten etc. wurden aber exakt um die Hälfte gekürzt. Also normal umgerechnet.
D. h. wir alle haben seit der Euro-Einführung nur noch das halbe Geld, müssen aber nach wie vor quasi die DM-Preise zahlen.
1/2 Pfund butter zu DM-Zeiten zwischen 0,90 und 1,25 DM
Heute zwischen 1,05 bis 1,39 € das sind 2,80
1 Tasse Kaffe ca. 2,50 bis 3 € das sind 6 DM
Der Euro war eine 100%ige Preiserhöhung und für die Wirtschaft eine enorme Einnahme.
Also dies immer abzustreiten, ist schon abenteuerlich.
Hinzu kommt, dass gerade bei Renten die Euroeinführung eine ca. 30%ige Rentenkürzung bedeutete
Denn auffalland war und ist ja bis heute, dass mit Einführung des Euro der binnenmarkt zusammenbrach.
Dies sollte doch Wisenschaftlern zu denken geben.
Experten und Wissenschaft müssen sich wieder aus der Politk lösen und seriöse Studien liefern.

Peter L.

17.01.2011, 17:32 Uhr

Die Halbierung der Kaufkraft ist mit 2% jährlicher offizieller inflation nicht erklärbar, worauf ich mich auf die Suche nach der wahren inflationsrate machte. Diese läßt sich ganz nüchtern berechnen und ist die Differenz aus Wachstum der Geldmenge M3 und dem Wachstum der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ( biP ). Diese dürfte seit den letzten paar Jahren bei wenigstens 8% liegen.

Skyjumper

17.01.2011, 18:34 Uhr

Der arme Monsieur Trichet, er kann es nicht verstehen. Nun, wenn dem tatsächlich so wäre, dann wird es wohl dringend Zeit ihn in einem guten Heim mit umfassender betreuung unterzubringen. Wollen mal hoffen, dass er es doch versteht und uns nur wie üblich ein "x" für ein "u" verkaufen möchte.

Das die von den offiziellen statistischen Erhebungsstellen ermittelten sogenannten Teuerungsraten mittlerweile extrem verfälscht wurden sollte, bzw. ist nun wirklich dem letzten bürger klar geworden. Die offizielle Teuerungsrate hat mit der tatsächlichen inflation ungefähr so viel gemeinsam wie ein Homo Sapiens mit einem Neandertaler.

Doch nach vielen Jahren stagnierender bis sinkender Reallöhne (offiziel) stellen eben immer mehr Menschen fest, dass bei unveränderten Kaufverhalten am Ende des Geldes immer mehr Monat übrig bleibt. Und im Gegensatz zu den Traumtänzern in berlin haben die meisten bürger auch nicht die Möglichkeit mal eben ne Milliarde über Neuverschuldung zu generieren um dann weiter zu machen wie bisher.

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