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23.01.2008

16:13 Uhr

Interview mit Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff

„Viele Banken werden nicht überleben“

VonIngo Narat

ExklusivHarvard-Professor Kenneth Rogoff sieht kein schnelles Ende der Finanzkrise. Der Ex-IWF-Chefökonom rechnet zwar fest schon in der kommenden Woche mit einem weiteren drastischen Zinsschritt der Fed. Dennoch sieht er den Dow Jones am Jahresende weit unter seinem aktuellen Stand notieren und fürchtet, dass mindestens eine Großbank in Schieflage geraten wird. Warum er die EZB für den Gewinner der Krise hält und was er den Euro-Anlegern empfiehlt.

Kenneth Rogoff ist Professor für Public Policy an der Harvard-Universität. Von 2001 bis 2003 war er zusätzlich Chefökonom des Iinternationalen Währungsfonds IWF. Foto: ap ap

Kenneth Rogoff ist Professor für Public Policy an der Harvard-Universität. Von 2001 bis 2003 war er zusätzlich Chefökonom des Iinternationalen Währungsfonds IWF. Foto: ap

Frage: Professor Rogoff, der amerikanische Aktienmarkt hat auf den historisch einmaligen Zinsschritt der US-Notenbank am Dienstag am gleichen Tag mit Verlusten reagiert. Wie ist das zu interpretieren?

Rogoff: Die Börsianer treibt immer mehr die Sorge über eine tiefe Rezession um. Und sie verlieren das Vertrauen in die Theorie einer wirtschaftlichen Abkopplung der Restwelt von den USA. Das wird die Aktienkurse weiter drücken. Den Dow-Jones-Index sehe ich am Jahresende bei 10 000 bis 11 000 Punkten. Wall Street wird am stärksten leiden. Der chinesische Aktienmarkt und auch die Emerging Markets sind nach ihrem fulminanten Bullenmarkt während der vergangenen Jahre extrem anfällig. Besser dürften sich dagegen die europäischen Aktienmärkte halten.

Welchen Perspektiven hat denn vor dem Hintergrund des Rezessionsszenarios der Dollar?

Der handelsgewichtete Dollar wird bis Jahresende noch vielleicht 15 Prozent verlieren. Aus europäischer Sicht sehe ich die Marke von 1,65 Dollar je Euro. Auf der Devisenseite besteht die Gefahr, dass die asiatischen Schwellenländer ihre Währungen nicht schnell genug aufwerten. Dann droht wachsender Protektionismus in den USA mit zunehmenden Handelsbeschränkungen. An den Rohstoffmärkten wird das Rezessionsszenario übrigens noch gar nicht gespielt. Das heißt: Die Rohstoffpreise werden massiv verlieren. Eine Ausnahme könnte das Gold machen. Bei der erwarteten Flucht aus dem Dollar in sichere Anlagen dürfte ein Teil der Gelder sicher auch in das Metall fließen. Der Run auf sichere Anleihen wird wohl anhalten.

Die aktuellen Verwerfungen an den Finanzmärkten begannen mit den US-Hypothekenproblemen im vergangenen Sommer. Ist eine Ende absehbar?

Noch nicht. Wir dürften in den nächsten Quartalen weitere schlechte Nachrichten bekommen. Eine Stabilisierung erwarte ich erst zum Jahresende. Es ist durchaus möglich, dass mindestens eine Großbank in Schieflage gerät. US-Adressen sind am anfälligsten. Eine größere Zahl kleiner und mittelgroßer Institute wird in der jetzigen Form nicht überleben. Der „Leverage“ im Finanzsystem ist einfach zu hoch, das System ist überstrapaziert.

Was heißt das konkret?

Die Lage auf den Kreditmärkten ist wirklich Besorgnis erregend. Es geht um weit mehr als um die schwach da stehenden Banken. Das Problem hat sich mit den schlechten US-Hypotheken entwickelt, Stichwort Subprime. Genau diese Subprime-Hypotheken haben über Jahre die Wirtschaft belebt. Heute reden wir über eine Größenordnung von zehn Billionen Dollar in strukturierten Anleihen wie den so genannten ABS. Diese Asset Backed Securities haben kaum eine Zukunft mehr und werden möglicherweise durch etwas anderes ersetzt, durch transparente Produkte. Das braucht Zeit. Wir werden eine scharfe Kontraktion in den Kreditmärkten erleben – in ihrer Dimension eine historisch einmalige Schrumpfung.

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