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31.01.2008

16:58 Uhr

Interview mit IfW-Chef Dennis Snower

„Umverteilungsvorschläge werden zur Arbeitsmarktmisere beitragen“

VonDorit Marschall

Die schlechten Nachrichten über die Finanzmarktkrise reißen nicht ab, zeitgleich die guten über die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes auch nicht. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Dennis Snower, sieht darin keinen Grund zur Freude. Im Handelsblatt-Interview spricht er von „Verzögerungsprozessen im Wirtschaftskreislauf“ und fordert eine schnelle Reform des Arbeitsmarktes.

Dennis Snower. Foto: PR

Dennis Snower. Foto: PR

Handelsblatt: Die schlechten Nachrichten über die Finanzmarktkrise reißen nicht ab, zeitgleich die guten über die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes auch nicht. Wie passt das zusammen?

Snower: Das ist auf die Verzögerungsprozesse im Wirtschaftskreislauf zurückzuführen. Sofern sich die Weltwirtschaft abflacht, werden wir nach und nach auch hierzulande betroffen sein. Das gesamte Ausmaß werden wir erst Mitte 2009 sehen. Die Umverteilungsvorschläge, die wir gerade erleben, werden zur Arbeitsmarktmisere beitragen. Die Notwendigkeit, den Arbeitsmarkt zu reformieren, ist nicht geringer geworden.

Die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Januar-Stand seit 1993. Halten Sie angesichts dieser Entwicklung Ihre Kritik nicht für überzogen?

Im Gegenteil: Die globale Entwicklung zeigt doch, wie wichtig es ist, dass die Binnenwirtschaft funktioniert. Und dafür ist ein flexibler Arbeitsmarkt essenziell. Ein Großteil des Beschäftigungszuwachses verdanken wir der Weltkonjunktur, die über Jahre auf Hochtouren lief. Weil zugleich die Produktivität schneller stieg als die Löhne, konnten viele Unternehmen mehr Beschäftigte einstellen. Auch strukturell hat sich was getan: Hartz IV hat die Denkweise der Menschen ansatzweise verändert. Aber es war nur ein erster richtiger Schritt, und der wurde ansatzweise schon wieder zurückgedreht.

Sie spielen auf die angekündigte Verlängerung des Arbeitslosengeldes I an. Sie haben empirisch untersucht, dass dadurch die Ungleichheit in der Weiterbildung zunimmt. Woran liegt das?

Es ist dasselbe Phänomen, das bei der Einführung von Mindestlöhnen einsetzt: Wenn der Mindestlohn sehr niedrig ist, wird er kaum Effekte auf die Beschäftigung haben. Wenn er dagegen sehr hoch ist, wird er negativ wirken, weil die Beschäftigten mehr verdienen, als ihre Profitabilität rechtfertigt. Je niedriger die Profitabilität eines Arbeitnehmers ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er bei der ersten Konjunkturflaute entlassen wird. Leistungsstarke Beschäftigte, die mehr leisten, als sie kosten, bleiben. Es ist ein Teufelskreis. Die Ungleichheit setzt sich fort.

Sie schlussfolgern in Ihrer Studie, eine Arbeitsmarktpolitik „aus einem Guss“ sei erforderlich. Was meinen Sie damit?

Der beschriebene Effekt wird beispielsweise durch einen starken Kündigungsschutz noch verstärkt. Je schwieriger es für Unternehmen ist, Arbeitskräfte wieder zu entlassen, desto genauer betrachten sie zuvor, wie produktiv sie sind – und entscheiden sich im Zweifel gegen sie.

Sie halten Anreize für ein Erfolgsrezept. Für wie sinnvoll halten Sie Anreizmechanismen wie den Ausbildungsbonus?

Beide Seiten des Marktes sollten aktiviert werden. Ich bin für einen radikalen Systemwechsel: Jeder zahlt anstelle von Steuern, mit denen auch solche Boni finanziert werden, in sein eigenes Aus- und Weiterbildungskonto. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob er sich fortbildet und die Wahrscheinlichkeit auf ein höheres Einkommen steigert oder das Geld spart. Die Ausbildungsphase, in der der Kontostand noch negativ ist, wird von den jetzigen Einzahlern finanziert. Der Staat wird nie so gut wissen wie jeder selbst, welche Aus- oder Weiterbildung die richtige ist.

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