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20.07.2015

14:21 Uhr

IW-Studie

Die neue Protest-Republik

Die deutsche Wirtschaft muss 2015 eine Vielzahl von Streiks verkraften. Die Zahl der Streiktage ist regelrecht explodiert. Doch der international Vergleich zeigt: Was Streiks angeht, ist es anderorts noch viel schlimmer.

Das Gesicht des Streikjahres: Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky (linkt) bei einer Streikkundgebung vor dem Hauptbahnhof Köln. dpa

Streikkundgebung der GDL

Das Gesicht des Streikjahres: Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky (linkt) bei einer Streikkundgebung vor dem Hauptbahnhof Köln.

KölnDie jüngsten Streiks haben die deutsche Wirtschaft nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) deutlich schwerer getroffen als Arbeitskämpfe früherer Jahre. Die Ausstände in den ersten sechs Monaten des Jahres hätten insgesamt rund 944.000 Arbeitstage gekostet, wie das Kölner Institut in einer am Montag veröffentlichten Studie schätzt. Insgesamt seien auf 1000 Arbeitnehmer damit allein im ersten Halbjahr rund 17 Streiktage gekommen – mehr als viermal so viele wie 2014.

Auch gemessen an den Vorjahren ist die Steigerung beachtlich. In den vergangenen fünf Jahren zusammen waren insgesamt nur 14 Tage angefallen. Nach Angaben des IW hat 2015 vor allem der Streik bei der Deutschen Post den Anstieg verursacht. Überhaupt gehe ein Großteil der Streiks auf das Konto der Gewerkschaft Verdi. „Rund 80 Prozent aller Ausfalltage gingen im ersten Halbjahr auf das Konto der größten deutschen Dienstleistungsgewerkschaft“, heißt es beim IW. Über die IW-Untersuchung hatte am Wochenende die „Rheinische Post“ berichtet.

Ein Verdi-Sprecher sagte am Montag in Berlin, es habe in diesem Jahr besonders scharfe Auseinandersetzungen gegeben. Dazu gehörten aber immer zwei Seiten. „Wir haben die Streiks nicht vom Zaun gebrochen, weil wir so gerne streiken“, sagte der Sprecher. Gerade bei der Post und im Öffentlichen Dienst habe es sehr grundsätzliche Streitfragen gegeben, abseits von traditionell weniger konfliktträchtigen Entgeltfragen. Das seien Sondersituationen gewesen, in denen Verdi auf Angriffe der Arbeitgeber reagieren musste.

Post-Streik - Eine Chronik

5. Dezember 2014

Pünktlich am Abend vor dem Nikolaustag beruft die Gewerkschaft Verdi bei der Post Betriebsversammlungen ein. Das Muskelspiel ist Auftakt der laufenden Tarifverhandlungen. Weil für mehrere Stunden der Betrieb ausfällt, bleiben Feiertags-Pakete liegen.

28. Januar 2015

Verdi berichtet öffentlich über die Pläne der Deutschen Post, 49 Zustellgesellschaften unter dem Namen „Delivery“ zu gründen, die nicht mehr dem üppigen Haustarifvertrag unterstehen. Befristet Beschäftigten der Post, von denen es mehr als 15.000 gibt, soll der Wechsel in die Delivery-Gesellschaften mit einer Festanstellung schmackhaft gemacht werden. Statt der durchschnittlichen 17,70 Euro Stundenlohn nach dem Haustarifvertrag müssen sie aber mit rund 13 Euro vorlieb nehmen, die der Flächentarifvertrag in den meisten Ländern vorsieht. Die Gewerkschaft kündigt Widerstand an.

1. April 2015

Am ersten Tag nach dem Auslaufen des Manteltarifvertrags startet Verdi erste Warnstreiks bei der Post, die das Ostergeschäft beeinträchtigen. Zahlreiche weitere Warnstreiks folgen, an denen sich jeweils 4000 bis 8000 Mitarbeiter beteiligen. Allerdings sind die Auswirkungen überschaubar: Rund sechs Prozent der Briefzustellungen verzögern sich.

26. Mai 2015

Das Bonner Amtsgericht weist eine Klage von Verdi zurück. Die Gewerkschaft hatte durchsetzen wollen, dass die Post keine Beamten als Streikbrecher einsetzen darf.

27. Mai 2015

Vor den Toren der Frankfurter Jahrhunderthalle, wo sich an jenem Tag die Aktionäre zur Hauptversammlung treffen, demonstrieren Tausende Verdi-Mitglieder, angeführt von Gewerkschaftschef Frank Bsirske, gegen die Tarifpolitik der Deutschen Post.

2. Juni 2015

Im Anschluss an die sechste Verhandlungsrunde unterbreitet Verdi das Angebot, beim neuen Tarifvertrag mit einer Laufzeit von 27 Monaten im ersten Jahr auf eine lineare Gehaltserhöhung zu verzichten. Eine Einmalzahlung von 500 Euro soll vorerst ausreichen. Im Gegenzug fordert die Gewerkschaft aber, die Delivery-Gesellschaften dem Haustarifvertrag zu unterstellen, was sie faktisch überflüssig machen würde. Die gesetzte Antwortfrist lässt der Post-Vorstand verstreichen.

8. Juni 2015

Verdi ruft zu unbefristeten Streiks auf.

5. Juli 2015

Die Gewerkschaft Verdi und die Deutsche Post einigen sich auf einen Tarifabschluss. Der soll in der Nacht von Montag (6.7) auf Dienstag (7.7.) in Kraft treten.

Laut IW hat allein der Streik bei der Post Verdi rund 30 Millionen Euro gekostet. Geld, das die Gewerkschaft aus der Streikkasse nehmen muss, um den Verdienstausfall der Streikenden abzumildern. „Solche Summen reißen Löcher in die Streikkasse und dürften die Streiklaune daher erst einmal dämpfen“, heiß es in der Studie. Verdi will die Kosten für die Streiks nicht beziffern. Jedes Jahr würden acht Prozent der Beitragseinnahmen zurückgelegt, das seien rund 32 Millionen Euro. Niemand müsse sich Sorgen machen, dass Verdi das Geld ausgehe.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland allerdings gemessen an den Streiktagen trotz des Anstiegs ohnehin im Mittelfeld: 2014 kamen etwa in Finnland 71 Streiktage je 1000 Arbeitnehmer zusammen, Spitzenreiter Dänemark zählte sogar 135 Streiktage. In der Schweiz gab es hingegen 2014 einen Streiktag pro 1000 Arbeitnehmern.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Fred Meisenkaiser

20.07.2015, 15:27 Uhr

Das ist erst der Anfang! Und Ergebnis der Zunehmenden Ungleichverteilung. Während die oberen 2% immer mehr raffen, bekommen die, die alles erwirtschaften immer weniger!

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