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10.03.2014

20:00 Uhr

IWF-Chefvolkswirt Blanchard

„Deflationsgefahr ist real“

ExklusivManche glauben, Deflation könnte den Krisenstaaten helfen, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden. Doch Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, warnt vor langfristig sinkenden Preisen.

Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard: „Deflation in Ländern wie Spanien oder Portugal ist ein zweischneidiges Schwert“ dpa

Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard: „Deflation in Ländern wie Spanien oder Portugal ist ein zweischneidiges Schwert“

DüsseldorfDer Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, warnt vor langfristig sinkenden Preisen in Europa. „Das Risiko der Deflation, insbesondere in der Euro-Zone, besteht definitiv “, sagte Blanchard in einem Interview mit dem Handelsblatt (Dienstagausgabe). Das Argument von europäischen Ökonomen, dass Deflation den Krisenstaaten in Europa helfen würde, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden, sieht Blanchard kritisch.

„Deflation in Ländern wie Spanien oder Portugal ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite würde es sicherlich die Wettbewerbsfähigkeit verbessern und dem Export helfen. Aber auf der anderen Seite würde es die Realzinsen und den Realwert der Schulden erhöhen, und damit die Binnennachfrage verringern“, sagte der 65-Jährige. Und er ergänzte: „Die Gefahr ist, dass der zweite Effekt den ersten dominiert, was zu niedrigerer Wirtschaftsleistung führt und weiterer Deflation. Allgemein werden längere Zeiten mit niedriger Inflation die notwendige Anpassung in der Eurozone erschweren.“

So stehen die Euro-Krisenländer da

Frankreich

Lage: Mit 0,3 Prozent wuchs die nach Deutschland zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone im vierten Quartal 2013 etwas schneller als erwartet. Sie befreite sich damit aus der Stagnation. Dennoch reichte es im Gesamtjahr 2013 nur zu einem Plus von 0,3 Prozent.
Aussichten: Für 2014 rechnet die Notenbank mit einem Wachstum von 0,9 Prozent. Frankreich leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit. "Steigende Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen wirken sich negativ auf die Einkommen aus", befürchtet deshalb die EU-Kommission. Das bremse den Konsum.

Italien

Lage: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte von Oktober bis Dezember 2013 um 0,1 Prozent zu. Das war das erste Wachstum seit Mitte 2011. Dennoch schrumpfte das BIP im Gesamtjahr 2013 um 1,9 Prozent.

Aussichten: Zwei Rezessionsjahren folgt eine kraftlose Erholung. 2014 wird von der EU-Kommission ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet, 2015 von 1,2 Prozent. Steigende Exporte dürften die Unternehmen zu mehr Investitionen ermutigen. Die Arbeitslosenquote soll 2014 noch einmal leicht steigen, was den Konsum dämpft.


Spanien

Lage: Der Notenbank zufolge ist das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2013 um 0,3 Prozent gewachsen. Trotzdem dürfte die Wirtschaft 2013 das zweite Jahr in Folge geschrumpft sein - voraussichtlich um 1,2 Prozent.

Aussichten: 2014 soll es ein mageres Wachstum von 0,5 Prozent geben, erwartet die EU-Kommission. Das Plus soll sich 2015 auf 1,7 Prozent erhöhen. Sowohl Unternehmen als auch Verbraucher dürften durch den Umbau des Bankensektors nach wie vor schwer an Kredite kommen. Die Exporte sollen dagegen gut laufen und stetig zulegen.

Griechenland

Lage: Im Vergleich zum Vorjahresquartal ging es Ende 2013 noch einmal um 2,6 Prozent nach unten. Immerhin: Zu Jahresbeginn war die Wirtschaftsleistung noch um mehr als das Doppelte eingebrochen.

Aussichten: Das BIP soll 2014 erstmals seit sechs Jahren wieder wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent. "2015 dürfte die Erholung an Kraft gewinnen, wenn die Investitionen zum Motor der Belebung werden", erwartet die EU-Kommission. Schwachpunkt bleibt die Rekordarbeitslosigkeit von aktuell 28 Prozent, die den Konsum bremst.


Portugal

Lage: Das Wachstum beschleunigt sich im vierten Quartal auf 0,5 Prozent. Dadurch schrumpfte die Wirtschaft 2013 nur noch um 1,4 Prozent, nach 3,2 Prozent 2012.

Aussichten: 2014 soll nach drei Minus-Jahren wieder ein Plus folgen. Dann dürfte ein Wachstum von 0,8 Prozent herausspringen, das sich 2015 auf 1,8 Prozent erhöhen soll, erwartet die Regierung. Wachstumstreiber sind vor allem die Exporte, aber auch die Binnennachfrage soll 2014 wieder anziehen.

Zypern

Lage: Um voraussichtlich 5,5 Prozent ist die Wirtschaftsleistung 2013 eingebrochen. Ursprünglich war sogar ein Minus von 8,7 Prozent erwartet worden, doch lief der private Konsum besser als angenommen.

Aussichten: 2014 wird ein weiteres Minus von 3,9 Prozent erwartet. "Die zyprische Volkswirtschaft sieht sich starkem Gegenwind ausgesetzt", so die EU-Kommission. Sowohl Konsum als auch Exporte dürften sinken. Erst 2015 wird mit einem Wachstum gerechnet, das aber mit 1,1 Prozent dünn ausfallen soll. Die Arbeitslosenquote dürfte 2014 auf 19,2 Prozent hochschnellen.

Außerdem forderte der Franko-Amerikaner die Notenbanken auf, grundsätzlich gegen Finanzmarktblasen anzukämpfen. „Sobald Preise zu stark von ihren langfristigen Mittelwerten abweichen, sollte interveniert werden. Besser das verlangsamen, was sich vielleicht später als ein gesunder Immobilienboom erweisen könnte, als eine Blase zuzulassen. Der Schaden, der durch das Platzen von Blasen entsteht, ist zu hoch.“ Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan habe sich in seiner Einschätzung geirrt, nichts gegen spekulative Blasen unternehmen zu müssen.

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Kommentare (12)

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Account gelöscht!

10.03.2014, 20:53 Uhr

Der Anstand verbietet, hierzu unverblümt zu sagen, was zu sagen wäre. Jedoch sollte folgendes bedacht werden:

1- Daß in den Ländern wie Spanien und Portugal die Preise sinken, liegt in der Natur der Sache. Diese Länder bauen ihre Lohnblase und ihre Bürokratie ab. Das muß sich in sinkenden Kosten der Wirtschaft niederschlagen, die diese wiederum mit sinkenden Preisen an den Markt weitergeben. Also völlig normal und sogar erwünscht, denn dadurch steigt ja auch die Wettbewerbsfähigkeit, deren Verlust in erster Linie zur Krise geführt hat.

2- Angesichts der vorhandenen Liquidität im Bankensystem kann es gar keine Deflation geben. Was so aussieht als ob ist der Preisdruck der Schwellenländer und die Tatsache, daß einerseits lukrative Investitionsmöglichkeiten fehlen und andererseits der private Sektor (Konsum) seine Verschuldung zurückfährt wegen der trüben Zukunftsaussichten für das Sozialsystem und die Altersvorsorge. Alle europäischen Länder altern weit schneller als es die Politik wahrhaben will.

Sonst noch Fragen?


Account gelöscht!

10.03.2014, 23:12 Uhr

Alles korrekt, mindahu, hast vermutlich auch VWL o.ä. studiert. Man sollte noch ergänzen, dass O. Blanchard zwar auch mal VWL studiert hat, aber heute in erster Linie als Vertreter der Versager-Eliten der ClubMed-Staaten agiert und spricht ... also man seine Meinung getrost als nicht besonders objektiv bzw. wenig wissenschaftlich getrieben bezeichnen muss.

Account gelöscht!

11.03.2014, 08:07 Uhr

Irgendein "Gespenst" muss der IWF doch zeichnen, mal Inflation, mal Deflation.
Wenn im Euroraum und in Deutschland die Löhne und Gehälter und Renten im freien Fall sind, wäre es auch "normal" wenn die Preise sinken würden. Dies tun sie aber nicht. Mag sein, für einzelne Produkte, die eh niemand braucht. Die Energiepreise jedoch steigen, die Mieten in den Gebieten in denen es Arbeit gibt, steigen, Autos wurden ebenfalls nicht billiger, bei Schuhen und Textilien kann ich ebenfalls keinen Preisverfall ausmachen. Urlaub in Griechenland ist zu teuer.
Wenn der Konsum zurückgeht so liegt das einerseits an den sinkenden Einkommen, derer die noch Bedarf haben.

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