Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.01.2010

18:01 Uhr

Jobwunder

Arbeitsmarkt entzieht sich den Gesetzen der Krise

VonDietrich Creutzburg

Der deutsche Arbeitsmarkt trotzt der Krise: Statistisch gesehen war das Jahr 2009 herausragend gut. Beim Blick in die Zahlenflut wird insbesondere deutlich, wie segensreich die Kurzarbeit für die Beschäftigen ist.

Arbeitsamtslogo in Frankfurt: Statistisch gesehen war 2009 ein herausragend gutes Jahr. dpa

Arbeitsamtslogo in Frankfurt: Statistisch gesehen war 2009 ein herausragend gutes Jahr.

BERLIN. Der deutsche Arbeitsmarkt hat im abgelaufenen Jahr alle Auguren verblüfft. Nach dem harten Konjunkturabsturz im Zuge der Finanzmarktkrise hatte sich die Bundesregierung bereits darauf eingestellt, dass die Arbeitslosigkeit allein schon 2009 um deutlich mehr als 400 000 steigen würde – auf jahresdurchschnittlich 3,7 Millionen. Tatsächlich blieb es bei einem Anstieg um gerade einmal 155 000, wie sich aus der nun vollständigen Jahresbilanz der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt. Der Mittelwert von 3,423 Millionen Arbeitslosen ist, trotz Krise, noch immer der zweitniedrigste seit 1994.

Zwar sehen Experten die Gefahr einer deutlich schlechteren Tendenz im neuen Jahr damit längst nicht gebannt. Angesichts anhaltend hoher Überkapazitäten der Unternehmen sei für 2010 „ein beträchtlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Industrie“ zu erwarten, warnt Unicredit-Volkswirt Alexander Koch. Umso mehr sticht indes heraus, dass sich die Lage gegen Ende des abgelaufenen Jahres zumindest vorübergehend sogar wieder graduell verbessert hat.

Trotz beginnender Winterflaute verzeichnete die BA im Dezember lediglich einen Anstieg der Arbeitslosenzahl um 60 000 auf 3,276 Millionen. Selbst der letzte noch ausstehende Monatswert für 2009 drückte damit den Durchschnitt für das Gesamtjahr noch ein Stück nach unten. Zum Vergleich: Im Dezember 2008, unmittelbar nach Ausbruch der Krise, hatte sich die Arbeitslosenzahl um 114 000 und damit fast doppelt so stark erhöht.

Getragen wurde die unverhofft milde Entwicklung im abgelaufenen Jahr vor allem durch den massiven Ausbau der Kurzarbeit. Ursprünglich hatte sich die BA auf eine Größenordnung von etwa 250 000 Kurzarbeitern im Jahresmittel eingestellt. Tatsächlich wurden letztlich im Schnitt etwa eine Million Arbeitnehmer durch diese beitragsfinanzierte Arbeitszeitverkürzung unterstützt. Rechnet man den öffentlich finanzierten Arbeitsausfall in Vollzeitstellen um, wurde allein damit die amtliche Arbeitslosenzahl um mehr als 300 000 gedrückt.

Dies half einerseits, in der Krise den privaten Konsum zu stabilisieren. Andererseits aber wirft es Schatten auf die künftige Arbeitsmarktentwicklung voraus, da sich die Unternehmen diese Form der Jobsicherung kaum auf Dauer leisten werden. Selbst mit dem derzeit erwarteten Wirtschaftswachstum werde das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr noch immer drei Prozent unter Vorkrisenniveau bleiben, betont Commerzbank-Analyst Eckart Tuchtfeld. Auch wenn die Unternehmen beim Verringern ihrer Kapazitäten „weiterhin sehr vorsichtig vorgehen, bedeutet dies unter dem Strich Entlassungen“.

BA-Chef Frank-Jürgen Weise schätzt, dass sich die Zahl der Kurzarbeiter 2010 bei 600 000 einpegeln wird, also um 400 000 sinkt. Und mindestens ein Teil der Kurzarbeiter werde so „in Arbeitslosigkeit gehen“, erwartet Weise.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Selbst wenn die Puffer der Jobsicherung weiter wirken, dürfte ein künftiger Konjunkturaufschwung für längere Zeit keine neue Entspannung am Arbeitsmarkt bringen. Viele Firmen würden dann zunächst die Arbeitszeitkonten ihrer Mitarbeiter auffüllen, Kurzarbeit beenden und Zeitarbeiter beschäftigen. „Erst danach wird es wieder Einstellungen geben“, sagte Weise.

Demgegenüber ist die Arbeitslosigkeit etwa in den USA, die solche Jobsicherung kaum nutzen, nach dem Konjunkturabsturz rasch und drastisch angestiegen. Seit Herbst 2008 hat sich die Zahl der Arbeitslosen dort um gut 50 Prozent erhöht. Umgekehrt dürften die US-Unternehmen daher aber bei einem neuen Aufschwung viel rascher wieder auf Personalaufbau umschalten.

Welche Dimensionen die Pufferwirkung aller Jobsicherungsinstrumente derzeit in Deutschland hat, verdeutlicht BA-Vorstand Heinrich Alt mit einer Überschlagsrechnung: Die tatsächlich geleistete Jahresarbeitszeit je Erwerbstätigen sei 2009 gegenüber 2008 um fast 50 Stunden gesunken. Damit seien rechnerisch 1,5 Mrd. ausgefallene Arbeitsstunden nicht durch Kündigungen kompensiert worden. „Wenn man das in Arbeitsplätze umrechnen würde, wären das rund eine Million“, sagte Alt.

Trotz dieser Vorbehalte sehen die Experten aber gute Chancen, dass auch das Jahr 2010 am Arbeitsmarkt zumindest deutlich glimpflicher verläuft als zu Beginn der Krise befürchtet. Im Frühjahr 2009 hatte die Regierung einen weiteren kräftigen Anstieg der Arbeitslosenzahl auf jahresdurchschnittlich 4,6 Millionen prognostiziert. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hielt gar Werte von weit über fünf Millionen für möglich.

Angesichts des unerwartet günstigen Ausgangsniveaus zu Jahresbeginn, wächst nun indes die Wahrscheinlichkeit, dass auf absehbare Zeit nicht einmal die Schwelle von vier Millionen überschritten wird. Falls doch, dann werde dies frühestens im kommenden Herbst der Fall sein, rechnet die BA. Zuletzt hatte es im März 2007 mehr als vier Millionen Arbeitslose gegeben.

Die Kosten der staatlich geförderten Jobsicherung zeigen sich im Haushalt der Bundesagentur – doch auch sie fallen vorerst nicht ganz so hoch aus wie befürchtet: Zwar fuhr die BA 2009 ein Rekorddefizit von 13,8 Mrd. Euro ein. Auch das sind aber zwei Mrd. Euro weniger als noch im Spätsommer erwartet.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×