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15.04.2012

09:37 Uhr

Jörg Asmussen

Die deutsche Allzweckwaffe

VonChristian Vits

Jörg Asmussen hat es mit Taktik und Fachwissen vom Ministerberater zum inoffiziellen Außenminister der Europäischen Zentralbank gebracht. In Frankfurt schaltet und waltet er souverän - doch es gibt auch Kritiker.

Jörg Asmussen sitzt als inoffizieller Außenminister der EZB für Deutschland an einer entscheidenden Schaltstelle. AFP

Jörg Asmussen sitzt als inoffizieller Außenminister der EZB für Deutschland an einer entscheidenden Schaltstelle.

FrankfurtVon der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, die die Finanzwelt zwei Tage später erschüttern wird, ist noch nicht die Rede an diesem lauen Septemberabend im Jahr 2008. Rund zwei Dutzend Journalisten sitzen mit dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück und Bundesbankchef Axel Weber in Nizza beim Hintergrundgespräch, Thema ist der Wirtschafts- und Finanzministerrat. Es ist fast Mitternacht, als Steinbrück eine so komplexe Detailfrage gestellt bekommt, dass er passen muss: „Klären Sie das doch mit Asmussen gleich bilateral an der Bar“, sagt er.

Jörg Asmussen gilt damals als Allzweckwaffe des Ministers, einer, der die deutschen Finanzmarktgesetze nicht nur auswendig kennt, sondern jahrelang daran mitgeschrieben hat. Heute sitzt er im 34. Stock der Europäischen Zentralbank (EZB) und darf sich zu den sechs obersten Geldwächtern in Europa zählen. Seit 100 Tagen ist der 45-jährige Ökonom mit der Bilderbuchkarriere als Finanzbeamter der „Außenminister“ der EZB, zuständig für die internationalen Beziehungen der EZB bis hinauf auf die Ebene der Staats- und Regierungschefs und in den Bereich Recht.

Die Weltfinanzkrise hat Asmussen weit nach oben gespült. Und das ist sein großer Vorteil. Mit seinem Wechsel vom Bundesfinanzministerium in die Europäische Zentralbank hat Asmussen zwar absolutes Neuland betreten, doch die Themen sind geblieben. Gestern wie heute sucht er nach Lösungen gegen die Euro-Krise und zur Stabilisierung der Banken. „Ich verhandele weiter mit den gleichen Akteuren über die gleichen Themen - nur die Perspektive hat sich geändert“, sagt Asmussen.

Hilfen der EZB

Staatsanleihekäufe

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat seit Mai 2010 auf dem Sekundärmarkt - also von der Finanzbranche - Staatsanleihen oder Peripherieländer Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien im Wert von 214 Milliarden Euro gekauft und damit die Risikoprämien für Bonds dieser Länder gesenkt.

Dreijahrestender

Im Dezember und Februar haben die Frankfurter Währungshüter den Bankensektor mit mehr als einer Billion Euro geflutet. Der Zins auf die Kredite beträgt ein Prozent bei einer Laufzeit von drei Jahren. Die Banken investierten die Gelder teilweise in höher verzinste Anleihen.

Sicherheiten

Die Anforderungen an die Sicherheiten, die von Banken für EZB-Kredite von der Notenbank zu hinterlegen sind, wurden im Verlauf der Krise sukzessive gesenkt und erhöhten so die Liquidität der Banken im Euro-Raum.

Für eine erste Überraschung sorgt Asmussen Mitte Februar. Den Plan, dass die EZB ihre griechischen Staatsanleihen in neue Papiere mit gleicher Laufzeit und gleichen Bedingungen, aber anderen Kennnummern umtauscht, um so von einem späteren Zwangsumtausch ausgenommen zu werden, hat er zusammen mit seiner Rechts-Abteilung ausgearbeitet. Die Verhandlungen mit der griechischen Regierung hat er höchstpersönlich geführt. Die öffentliche Kritik an der Sonderrolle der EZB bei der Umschuldung Griechenlands hat den selbstbewussten Finanzexperten nicht getroffen. „Für die Notenbank ist das die beste Lösung.“

Dass Asmussen auch EZB-Chef Draghi von der Umtausch-Aktion überzeugen konnte, zeigt, wie schnell er seine Macht in der Notenbank ausgebaut hat. In der Zentralbank wird deshalb sehr genau beobachtet, was Asmussen als nächstes plant. Kritiker bemängeln seine Nähe zum Bankensektor und werfen ihm seinen Einsatz für die Deregulierung der Branche im Vorfeld der Finanzkrise vor. Einigen gilt er bereits als zu pragmatisch. „Ich finde das Wort Kompromiss nicht negativ“, kontert Asmussen im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er sieht sich klar in der Tradition der Bundesbank, und betont das alleinige Mandat der EZB, Preisstabilität zu gewährleisten. Da müsse die EZB „völlig fest sein, da darf man auch nicht weichen.“

Kommentare (27)

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Drueckerkolonne

15.04.2012, 10:33 Uhr

Asmussen ist Abgesandter eines Lobbyunternehmens, das sich die
Deregulierung des Verbriefungsmarktes auf die Fahnen geschrieben hat.(Kern der Subprimekrise)
Die Konzepte dieser "True Sale International GmbH" flossen seinerzeit direkt ein in den Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD.
Beharrlich setzte Asmussen sich als Abteilungsleiter des BMF für die Aufweichung von Prüfpflichten in diesem Bereich ein. So in der "Zeitung für das gesamte Kreditwesen":
Das BMF solle darauf achten, “dass den Instituten keine unnötigen Prüf- und Dokumentationspflichten entstehen werden, wenn sie in ‘gängige’ ABS-Produkte mit gutem Rating investieren”. (Zitat Ende)
Pech für die IKB, die an diesen famosen Produkten erstickte :
ABS-Lobbyist Asmussen war dort Aufsichtsrat - als Vertreter des Bundes.
Absurderweise wurde ausgerechnet Asmussen von Steinbrück als Bankenretter eingesetzt und zum Staatssekretär erhoben.
Der Lobbyist überstand den Parteienwechsel im BMF, waltet im Verwaltungsrat der Bafin, im Lenkungsausschuss der SoFFin oder beim parlamentsfernen Wirtschaftsfonds Deutschland.
Ob IKB, ob HRE, ob EZB - Asmussen versteht es, Politikdarsteller lobbyistisch zu führen. (s. Steinbrück,HRE-Rettungsnacht)
P.S.
Die Aufgabenbeschreibung von Asmussens Lebensgefährtin Henriette Peuker auf deren Firmenhomepage lautet:
"Schwerpunkt ist die Positionierung von Unternehmen im politischen Bereich"

Rainer_J

15.04.2012, 10:44 Uhr

Nachdem alle, die integer waren, zurückgetreten sind, bleibt der unfähige Handlager von Merkel und Schäuble als Inflationstreiber übrig. Asmussen ist Teil der Krise.

Ptomme

15.04.2012, 10:58 Uhr

Rainer_J, Sie haben es auf den Punkt gebracht. Besser kann man es nicht ausdrücken.

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