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16.09.2015

08:55 Uhr

Kfw-Studie

Deutschland wird nachhaltiger – aber nur ein bisschen

VonJulia Löffelholz

Weniger Kranke, mehr Erwerbstätige: Der Nachhaltigkeitsindikator der Förderbank KfW sieht Deutschland im Bereich Nachhaltigkeit auf einem guten Weg. Doch auf vielen Gebieten gibt es noch viel zu tun.

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Handelsblatt in 99 Sekunden: Konjunktur: Es hat sich ausgejammert

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DüsseldorfWenn Jörg Zeuner der Nachhaltigkeit nachspürt, klingt das erstmal ziemlich sperrig. Er spricht von „Qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten“, dem „Primärenergieverbrauch“ oder „Nettoanlageinvestitionen“. Dabei will der Chefvolkswirt der Förderbank KfW eine einfache Frage beantworten: Wie nachhaltig ist Deutschland? Anders gesagt: Wie gut können wir heute unsere Bedürfnisse befriedigen, ohne dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können? Auf der Suche nach der Antwort haben Zeuner und seine Kollegen von der KfW Deutschland vermessen – auf der Suche nach der Nachhaltigkeit.

Heraus kam der „Nachhaltigkeitsindikator“, für den die Experten insgesamt 24 Indikatoren aus Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt betrachtet haben. Zum Beispiel die Anzahl Arbeitsloser, die Häufigkeit von Erkrankungen und die Luftverschmutzung. Die Ökonomen verglichen die Ergebnisse mit den Durchschnittswerten der vergangenen zehn Jahre.

Die gute Nachricht: Deutschland wird immer nachhaltiger – zwar langsam, aber stetig. Besonders beim Thema Umwelt haben die Deutschen laut der Studie zugelegt. Erstmals seit 2012 beobachtet die Bank hier wieder eine positive Entwicklung. Das liegt vor allem an den gesunkenen Treibhausgasemissionen. Im Jahr 2014 sank die Menge der ausgestoßenen umweltschädlichen Treibhausgase um 4,3 Prozent. Allerdings waren die milden Temperaturen daran nicht ganz unschuldig – schließlich war 2014 das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Doch selbst wenn man das warme Klima berücksichtige, sei die Entwicklung noch immer positiv, sagt Zeuner. Trotzdem warnt er: „Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen“.

Das sind die Wachstumsgaranten der deutschen Exporteure

USA

Die Vereinigten Staaten sind erstmals wichtigster deutscher Absatzmarkt und verdrängen damit Frankreich nach mehr als einem halben Jahrhundert. Beflügelt vom schwachen Euro zogen die Exporte in die weltgrößte Volkswirtschaft im ersten Halbjahr 2015 um fast 24 Prozent auf 56 Milliarden Euro an. Ein weiterer Grund für diesen Boom ist das robuste Wachstum der US-Wirtschaft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2015 mit einem Anstieg des US-Bruttoinlandsprodukts um 2,5 Prozent und für 2016 mit 3,0 Prozent. Wegen geringerer Energiekosten werden zudem viele Fabriken und Produktionsstätten hochgezogen, für die Maschinen und Ausrüstungen aus Deutschland importiert benötigt werden.

Indien

Lange stand das Land im Schatten des benachbarten China. Doch sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr dürfte Indien deutlich schneller wachsen als die Volksrepublik. Der IWF sagt jeweils ein Plus von 7,5 Prozent voraus. Vom Aufschwung in dem nach China bevölkerungsreichsten Land der Welt profitiert Deutschland bereits: Die Ausfuhren dorthin zogen im ersten Halbjahr um fast ein Fünftel auf knapp fünf Milliarden Euro an.

Südafrika

Noch besser läuft es in der nach Nigeria zweitgrößten Volkswirtschaft Afrikas: Die deutschen Exporte dorthin nahmen in den ersten sechs Monaten gleich um 28 Prozent zu - auf insgesamt 4,9 Milliarden Euro. Zwar ist die Konjunktur eher mau, doch der Staat investiert viel Geld in die Infrastruktur - von Energie über Wasser bis hin zu Straßen. Die deutsche Wirtschaft hat die dafür passenden Produkte im Angebot und profitiert davon ebenso wie von einer konsumfreudigen, wachsenden Mittelschicht.

Euro-Zone

Nach Jahren der Krise fasst die Währungsunion wieder Tritt. Bestes Beispiel dafür ist Spanien, das im zweiten Quartal so kräftig wuchs wie seit über acht Jahren nicht mehr. Der Appetit auf Waren "Made in Germany" nimmt entsprechend zu: Die deutschen Ausfuhren nach Spanien legten in der ersten Jahreshälfte um mehr als elf Prozent auf rund 19,5 Milliarden Euro zu, die in die gesamte Euro-Zone um fast fünf Prozent auf rund 220 Milliarden Euro.

Großbritannien

Das Land ist bereits der drittgrößte deutsche Exportkunde. Dennoch legten die Ausfuhren dorthin im ersten Halbjahr um starke 9,4 Prozent auf 45 Milliarden Euro zu. Auch hier sorgt der schwache Euro für einen Extra-Schub, verbilligt er doch deutsche Waren auf der Insel. Außerdem befindet sich auch Großbritannien in einem Aufschwung: In diesem Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt mit 2,5 Prozent deutlich kräftiger wachsen als in der Euro-Zone mit 1,5 Prozent, wie der IWF erwartet.

Fortschritte gibt es auch in der Energieproduktivität, also dem Verhältnis von Wirtschaftswachstum zum Energieverbrauch. „Wir sind das einzige Industrieland, das es schafft, seine Energieproduktivität zu steigern, während seine Wirtschaft wächst“, sagt Zeuner. Dennoch bleibe auch hier noch viel zu tun: Etwa die Hälfte aller Wohngebäude in Deutschland sei noch nicht hinreichend energetisch saniert.

Bestnoten verliehen die KfW-Ökonomen den Deutschen dagegen auf einem anderen Feld: Der Gesellschaft. Beispiel Gesundheit: Hier lassen die Daten darauf schließen, dass die Deutschen gesünder lebten als im Vorjahr. Zumindest ließen sich deutlich weniger Menschen im Krankenhaus gegen Krebs- oder Kreislauferkrankungen behandeln. Einzig in der Bildung sieht Chefvolkswirt Zeuner Handlungsbedarf. Ein großes Problem sieht er in der hohen Anzahl junger Menschen ohne Berufsausbildung. Unter ihnen liege die Arbeitslosenquote bei 20 Prozent. Damit dieser Wert in der Zukunft geringer ausfällt, verlangt er: „Die Förderung muss schon in der Kita beginnen.“

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Der Wirtschaft geht es gut, sagt der Konjunkturchef des Kieler IfW, Stefan Kooths – vielleicht sogar zu gut. Kann denn eine Ökonomie zu stark expandieren? Ja, meint Kooths – er fürchtet eine Anpassungsrezession.

Auch in der Wirtschaft zeichnet die Studie ein positives Bild. Vor allem weil so viele Menschen wie nie zuvor einen Job haben – auch in der Generation 60plus. Ob der Trend sich fortsetzt, daran lässt sich zumindest zweifeln – schließlich hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr die Rente mit 63 eingeführt.

Und auch sonst sind die guten Ergebnisse der Studie kein Grund, sich zurückzulehnen. Denn die Studie zeigt zwar, dass Deutschland nachhaltiger wirtschaftet – aber die Bundesrepublik ist nur ein Land von vielen. Zeuner fordert deshalb: „Wir brauchen eine internationale Klimapolitik.“

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