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24.08.2011

12:59 Uhr

Kommentar

Das Märchen vom Horror

VonJan Mallien

Mit dem Ifo-Index ist ein weiteres wichtiges Konjunkturbarometer katastrophal ausgefallen. Die Angst vor einer Rezession steigt - doch sie ist zumindest für Deutschland übertrieben.

Ein Containertransporter fährt im Hafen in Hamburg. dpa

Ein Containertransporter fährt im Hafen in Hamburg.

DüsseldorfDer Rückgang des Ifo-Index im August ist drastisch ausgefallen: Es war mit  4,2 Punkten der schärfste Einbruch seit November 2008. Bereits gestern waren der ZEW- und der Einkaufsmanagerindex schlecht ausgefallen. Noch viel krasser ist die Entwicklung am Aktienmarkt: Die Marktkapitalisierung der Dax-Unternehmen ist seit dem 26. Juli in nur wenigen Tagen um 186 Milliarden Euro geschrumpft -  dies entspricht 7,5 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. 

Damit zeigen alle wichtigen Barometer in eine Richtung: nach unten. Trotz dieser Horrornachrichten sind Ängste vor einer Rezession in Deutschland übertrieben.  

Ifo-Index: Wichtiges Konjunkturbarometer fällt deutlich

Ifo-Index

Konjunkturbarometer fällt deutlich

Der deutschen Wirtschaft steht eine schwache zweite Jahreshälfte bevor. Der Ifo-Index fiel im August stärker als von Analysten erwartet.

Gegen einen Rückfall in die Rezession sprechen vier Gründe: Erstens dürfte die Arbeitslosigkeit in Deutschland weiter sinken. Die meisten Unternehmen wollen nach wie vor mehr Personal einstellen, wie Ifo-Chef Sinn heute noch einmal betonte. Das Wachstum am Arbeitsmarkt stützt die Binnenkonjunktur und könnte so dabei helfen, ein langsameres Exportwachstum auszugleichen.  

Eine zweite Stütze für die Konjunktur ist die Baubranche. Nach langer Krise steht der Bau heute so gut da, wie lange nicht mehr. Eindrucksvolles Beispiel hierfür ist die Zahl der genehmigten Wohnungen im ersten Halbjahr 2011: Sie stieg um fast 30 Prozent. Die höhere Nachfrage nach Wohnungen hängt auch mit der zunehmende Inflationsangst vieler Menschen zusammen. Aus Furcht vor höheren Preisen investieren Anleger und Privatpersonen nicht nur in physisches Gold, sondern auch in so genanntes Betongold. Ein noch wichtigerer Faktor ist jedoch das niedrige Zinsniveau, das diese Investitionen so attraktiv macht.  

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

Auch die Unternehmen erhöhen ihre Bauinvestitionen. Nach neuesten Zahlen des Ifo-Instituts wollen deutsche Unternehmen in diesem Jahr rund 14 Prozent mehr in Bauten und Anlagen investieren als im Vorjahr. Davon sollen zwei Drittel auf Kapazitätserweiterungen entfallen.

Dies führt zum dritten Punkt – den Rekordgewinnen der Unternehmen. Die Unternehmen haben bei ihren Gewinnen kräftig zugelegt und stehen finanziell glänzend da. Der Spielraum für höhere Löhne und stärkere Investitionen ist da. Die Ifo-Zahlen zeigen, dass er teilweise genutzt wird. Die sinkende Arbeitslosigkeit wird dazu beitragen, dass auch die Löhne stärker steigen.

Viertens sind die Perspektiven für den Außenhandel unterm Strich nicht so schlecht, wie häufig angenommen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet weiter damit, dass die Exporte im kommenden Jahr um neun Prozent steigen. Diese Zahl erscheint hoch angesichts der Rezessionsgefahren in den USA und einigen Ländern der Eurozone. Allerdings werden die Exporte nach China weiter wachsen – selbst wenn sich die Konjunktur dort etwas abkühlt. Auch das Wachstum der Ausfuhren in andere Schwellenländer dürfte weiter anhalten – wenn auch auf niedrigerem Niveau. Nicht zuletzt haben die schlechteren Wachstumsperspektiven auch einen gegenläufigen Effekt: Sie drücken die Preise für Öl und andere Rohstoffe. Dies stärkt die Kaufkraft und wirkt wie ein Konjunkturprogramm. Darüber hinaus ermöglicht es den Zentralbanken in den USA und der Eurozone, länger an ihrer ultraniedrigen Zinspolitik festzuhalten.     

 

 

 

Kommentare (7)

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otto15

24.08.2011, 14:18 Uhr

Die Frage ist nicht 'Rezession ja oder nein in Deutschland.' Wenn sich das Wachstum in der Eurozone merkich abschwächt, wird sich das Thema EURO -('Rettung') dramatisch zuspitzen mit Folgen, die sich jeder selbst ausmalen kann.

aspi

24.08.2011, 14:22 Uhr

Danke für die klaren Worte, die sich wohltuend von der Schwarzmalerei manch anderer abheben. Leider habe ich heute nirgends gesehen, dass jemand den Ifo-Index August 2011 mit August 2010 vergleicht. Damals stand der Ifo-Index bei 106.7 (Im Jahr des XXL-Aufschwunges, der Indexstand 106.7 wurde damals als "Sommertraum" "gefeiert!"). Heute steht der Index bei 108.7, also HÖHER, dennoch wird getrauert...

user

24.08.2011, 15:16 Uhr

nein, wir haben keine Probleme.
Hatten wir 2008 auch nicht.
Wir können soviel Geld drucken wir wir brauchen.

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