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02.09.2011

15:38 Uhr

Kommentar

Washington ist gefragt und nicht Ben Bernanke

VonRolf Benders

Eine Rezession in den USA wird immer wahrscheinlicher, weil die Angst vor einer Rezession das Geschäftsleben lähmt. Die Hauptschuldigen sitzen in Washington. Sie müssen jetzt handeln.

Ein Bewerbungsstand der Bank of America. Reuters

Ein Bewerbungsstand der Bank of America.

New YorkNur vordergründig wirkt der US-Arbeitsmarktbericht für August wie ein „non-event“. Sicher, die Arbeitslosenquote verharrt bei 9,1 Prozent. Aber diese Zahl spielt wegen der Manipulationsanfälligkeit der Statistik ohnehin bestenfalls am Stammtisch eine Rolle. Viel entscheidender ist die Statistik über die Zahl der Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft. Und die sendet Rezessionssignale.

Im August wurde demnach nicht eine neue Stelle geschaffen, erwartet worden waren 75 000 frische Jobs. Zudem wurden die Statistiken für die vergangenen beiden Monate um insgesamt 58 000 Stellen nach unten revidiert. Mit anderen Worten: Der Arbeitsmarkt ist komplett eingefroren.

Bei der Suche nach den Schuldigen zeigen die US-Politiker gerne auf Europa. Ihre Argumentation: Die anhaltenden Eurokrise verunsichert die Wirtschaft so sehr, dass sie nicht mehr investiert. Das ist nicht ganz falsch und Europa bekleckert sich gerade beim Versuch, diese Probleme zu lösen nicht gerade mit Ruhm. Aber dieser leicht eingängige Populismus geht  am Kern der Sache vorbei. Sie machen es sich zu einfach.

Es waren die Parteien in Washington, die sich im Juli und Anfang August aus rein polittaktischen Kalkül erst in letzter Minute auf eine Anhebung des Schuldenlimits einigen wollten, damit die Kapitalmärkte in Aufruhr versetzen und die Herabstufung der Bonität der USA in Kauf nahmen.

US-Korrespondent Rolf Benders Judith Wagner

US-Korrespondent Rolf Benders

Was das für die US-Wirtschaft bedeutet, weiß keiner genau. Aber genau deswegen tut auch keiner etwas: Die Konsumenten gehen nicht shoppen und die Firmen stellen nicht ein. Das wiederum führt dazu, dass die Angst vor einem Jobverlust oder vor langer Arbeitslosigkeit wächst und die Leute ihr Geld noch seltener in die Geschäfte tragen.

Natürlich bricht nun die Diskussion darum aus, ob die US-Regierung neue Konjunkturprogramme auflegen und ob und in welchem Maße die US-Notenbank Fed erneut zur Stützung der Wirtschaft eingreifen soll oder kann.

Diese Debatten werden an Fahrt gewinnen, wenn die Politik nach Labor Day am Dienstag aus der Sommerpause in der Provinz in die Hauptstadt zurückkehrt. Und dann wird sich zeigen, ob sie etwas ihren schweren Vergehen an der US-Wirtschaft im Juli und August gelernt haben. Und dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, was sie beschließen, sondern wie sie zu einem Kompromiss kommen. Was US-Notenbankchef Ben Bernanke tut oder nicht tut, ist dabei fast zweitrangig.

Wenn sich die Parteien weiter gegenseitig zerfleischen, statt an einem sinnvollen Kompromiss zwischen kurzfristigen Konjunkturhilfen und langfristigen Konsolidierungsanstrengungen zu finden, geht das letzte Bisschen Vertrauen der Märkte in die  Haushaltspolitik auch noch verloren. Was das bedeutet, konnte man 2008 an Lehman Brothers studieren und sieht man derzeit an Griechenland. Wenn die Märkte einmal glauben, dass ein Land oder eine Firma den Bach runtergeht, dann passiert das auch. Da sind die Märkte wie die US-Verbraucher: Wenn sie kein Vertrauen in die Wirtschaftsentwicklung haben, tragen sie ihr Geld anderswohin.

Leider stehen die Chancen nicht gut, dass die Politik in Washington aus den Fehlern des Sommers gelernt hat. Das zeigen zumindest die ersten Reaktionen der Opposition auf Vorschläge aus dem Weißen Haus. Der Ton erinnert fatal an das Gezänk aus dem Sommer.

Mit anderen Worten: Es ist wie vor dem Hurrikan Irene. Die Welt darf  die Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang nicht aufgeben, sollte aber schon mal Vorsorge für den Fall treffen, dass die USA tatsächlich in eine selbstverschuldete Rezession rutschen. Leider ist zu befürchten, dass an die Analogie zu dem Hurrikan an diesem Punkt endet, der am Ende nur noch ein – verhältnismäßig – laues Lüftchen war.

Kommentare (6)

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otto15

02.09.2011, 16:25 Uhr

Es ist nicht möglich, von der Effizienz der Marktwirtschaft profitieren zu wollen und ihre Spielregeln nicht zu beachten. Für jedes Wehwehchen ein Mittelchen, das hätten wir gerne. Es wird nichts anderes übrig bleiben, als eine Rezession durchzustehen.

WFriedrich

02.09.2011, 16:58 Uhr

Die Marktwirtschaft muss nicht zwingend in die Rezession treiben. In den USA und allen westlichen Industriestaaten steht genügend liquides Vermögen bereit, um den Konsum anzutreiben. Der Ausweitung der Geldmenge bedarf es nicht, wenn dieses liquide Vermögen nicht weiterhin gehortet wird, sondern in die Zirkulation eingebracht wird. Die wesentlichen Konjunkturhindernisse sind wohl einerseits Ängste, die zum Halten von Reserven führen und andererseits Saturiertheit, die Konsum überflüssig macht. Zurzeit gibt es kein Anreizsystem, das geeignet ist, diese beiden Hemmnisse zu beseitigen.

alessandro

02.09.2011, 17:07 Uhr

Gedrosselter Konsum dient einigen Menschen auch dazu, Geld anzusparen um aus der Arbeitenden Working Class in der finanziell besser Gefilde aufzusteigen.
Klar könnte man sein Konto frisieren um den Konsum anzukurbeln, aber ich persönlich spare mir lieber einen ab um dadurch mal nicht mehr arbeiten gehen zu müssen.
Entweder klappt es oder nicht, als Angestellter hat man generell nicht viel zu verlieren ;-)

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