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02.11.2011

17:27 Uhr

Kommentar

Wie Kultusminister Wirtschaftszahlen beeinflussen

VonAxel Schrinner

Kommende Woche wird das Wirtschaftsministerium einen heftigen Einbruch der Industrieproduktion im September verkünden. Verantwortlich für den Einbruch sind nicht die Griechen, sondern die deutschen Kultusminister.

Die Industrieproduktion im September dürfte um zwei Prozent geschrumpft sein. dapd

Die Industrieproduktion im September dürfte um zwei Prozent geschrumpft sein.

Noch nie zuvor hatte das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen bis weit in den September hinein Sommerferien. Während üblicherweise gut erholte Arbeitskräfte im September in den Fabriken zwischen Rhein und Ruhr schuften, aalten sich dieses Jahr viele von ihnen noch bis zum 6. September an fernen Stränden in der Sonne. Und wenn NRW, das einen Anteil an der gesamtdeutschen Wirtschaftsleistung von 22 Prozent hat, eine Woche bestenfalls mit halber Kraft produziert, sinkt zwangsläufig die gesamtdeutsche Industrieproduktion deutlich. Die Saisonbereinigung, die versucht, Wettereffekte und bewegliche Feiertage aus den Zeitreihen zu eliminieren, kann diesen Ferieneffekt nicht abbilden.

Für die Produktion im Gesamtjahr hat dieser Rückgang freilich keine Folgen. Denn im Juli, als es in NRW entgegen üblichen Gepflogenheiten nur wenige Tage Schulferien gab, war die Industrieproduktion um sagenhafte 4,7 Prozent in die Höhe geschnellt. Nun nivelliert sich dieser Effekt lediglich. Bildlich gesprochen folgt einer sehr großen Treppenstufe nach oben nun zwei Monate später eine Stufe nach unten.

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

Gleichwohl bedeutet dies für das gerade begonnene vierte Quartal - zumindest auf dem Papier - nichts Gutes: Denn am Ende des dritten Quartals wird die Produktion wegen des schwachen Septembers geringer gewesen sein als im Durchschnitt des dritten Quartals. Die Startrampe ist damit unter der Nulllinie. Selbst wenn im Oktober die Produktion wieder auf das Durchschnittsniveau des dritten Quartals steigen und dann konstant bleiben würde, gäbe es im vierten Quartal kein Wachstum.

Zu dieser schlechten Ausgangslage kommt hinzu, dass die Weltkonjunktur schwächelt und viele der europäischen Käufer deutscher Produkte unter der restriktiven Finanzpolitik ihrer Regierungen leiden. Dies zusammen könnte tatsächlich dazu führen, dass Industrieproduktion und Wirtschaftsleistung im vierten Quartal bestenfalls stagnieren. Und falls der Winter sehr hart und vor allem lang werden sollte, könnte gar ein weiteres sehr schwaches Quartal folgen.

Damit ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, dass die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge leicht schrumpft und Deutschland formal in eine leichte Rezession rutschen könnte.

Doch keine Panik! Was bei einem strengen Winter im ersten Quartal an Produktion ausfällt, wird meistens im zweiten Quartal nachgeholt. Und was im laufenden vierten Quartal an Produktion fehlt, wurde bereits im dritten Quartal erzeugt. Dann kann auch der Ferienkalender der Kultusminister nichts daran ändern.

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