Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.02.2017

09:39 Uhr

Kommentar zum BIP

Ruhe vor dem politischen Sturm

VonNorbert Häring

Konsum, Bauboom und Flüchtlingsausgaben beflügeln die deutsche Wirtschaft. Die Exporterfolge trugen dagegen nicht zum Wachstum bei. Für diese scheinbare Diskrepanz gibt es zwei Erklärungen, die beide bedenklich stimmen.

Exportweltmeister Deutschland muss über ein Wachstumsmodell nachdenken, das stärker auf inländische Nachfrage setzt, meint unser Redakteur Norbert Häring. dpa

Wachstumsmodell an der Grenze

Exportweltmeister Deutschland muss über ein Wachstumsmodell nachdenken, das stärker auf inländische Nachfrage setzt, meint unser Redakteur Norbert Häring.

FrankfurtDeutschlands Wirtschaft ist im vierten Quartal 2016, ebenso wie im Gesamtjahr, mit einer guten Rate gewachsen, getragen vor allem von einem Bauboom und höherer staatlicher Nachfrage, auch aufgrund des starken Flüchtlingszustroms. Die vielkritisierten Exporterfolge trugen dagegen nicht zum Wachstum der Wirtschaftsleistung bei. Das erstaunt auf den ersten Blick etwas, angesichts des vor kurzem vermeldeten neuen Rekords im Außenhandelsüberschuss.

Für die scheinbare Diskrepanz gibt es zwei Erklärungen, die beide eher bedenklich stimmen. Zum einen sind die Exporte relativ zur Wirtschaftsleistung und relativ zu den Importen inzwischen so hoch, dass es nur noch schwer möglich ist, den Überschuss weiter zu steigern und so das gesamtwirtschaftliche Wachstum anzutreiben. Das exportgetriebene Wachstumsmodell stößt allmählich an die Grenzen einer endlichen Weltwirtschaft. Deutschland wird es, wie vor ihm bereits China schaffen müssen, auf ein Modell umzuschalten, das stärker auf inländische Nachfrage setzt.

Der zweite Grund liegt darin, dass die Effekte von Wechselkurs und Preisen auf die Handelsbilanz bei der Berechnung des „realen“, also preisbereinigten Wirtschaftswachstums herausgerechnet werden. 2016 waren die Preise für Energie, die einen beträchtlichen Teil der Importe ausmacht, deutlich niedriger als im Vorjahr. Deshalb waren die bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts berücksichtigten mengenmäßigen Importe deutlich höher, als die bei der Berechnung des Handelsüberschusses einschlägigen Importwerte in Euro.

Was Ökonomen zum Wachstumstempo sagen

Ulrike Kastens, Sal. Oppenheim (1)

„Wieder einmal ist es die Binnennachfrage, die das Wachstum trägt: Höhere staatliche Konsumausgaben in Folge der Flüchtlingskrise und ein Zuwachs beim privaten Konsum und bei den Bauinvestitionen. Dagegen scheinen die Ausrüstungsinvestitionen eher gedämpft zu haben.“

Ulrike Kastens, Sal. Oppenheim (2)

„Die guten Auftragseingangszahlen sprechen für ein stärkeres Wachstum im ersten Quartal 2017. Und die Wachstumsträger bleiben die alten. Konsum und Bauinvestitionen werden weiter laufen. Wenig Dynamik erwarten wir bei Ausrüstungen, auch wegen politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit. Nach wie vor rechnen wir mit einem Wachstum von 1,4 Prozent in diesem Jahr. Risiken sehen wir auf der Exportseite wegen zunehmendem Protektionismus.“

Andreas Scheuerle, Dekabank (1)

„Der Anstieg des deutschen Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal ist auf den ersten Blick ordentlich. Bei näherem Hinschauen macht sich jedoch eine leichte Enttäuschung breit. Zum einen hat der ausgesprochen schwache Dezember die gesamte, ansonsten gute Quartalsbilanz verhagelt.“

Andreas Scheuerle (2)

„Zum anderen war die Zusammensetzung des Wachstums unbefriedigend: Das private Konsumwachstum blieb hinter seinen Möglichkeiten, genauso wie die Exportentwicklung hinter der ihren. Kräftig war dafür einmal mehr der Staatskonsum. Andersherum wäre es besser gewesen.“

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt (1)

„Das vierte Quartal ist nicht ganz so stark ausgefallen wie von den meisten Volkswirten erwartet. Aber die auf Umfragen basierenden Stimmungsindikatoren sind in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen, auch die Auftrageingänge weisen im Trend nach oben. Im ersten Quartal 2017 könnte deshalb ein etwas stärkeres Plus herauskommen.“

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt (2)

„Alles in allem handelt es sich um einen konsumgetrieben Aufschwung. Dabei wird es bleiben. Erstens eilt die Zahl der Beschäftigten von einem Rekordwert zum anderen. Zweitens dürften die Löhne weiter um gut zweieinhalb Prozent zulegen. Und drittens wird die EZB noch eine ganze Weile eine für Deutschland viele zu lockere Geldpolitik betreiben. Ich erwarte im Gesamtjahr 2017 weiter ein Wachstum von 1,6 Prozent.“

In der schon lange anhaltenden Diskussion um den deutschen Außenhandelsüberschuss, die mit Donald Trumps Drohungen protektionistischer Gegenmaßnahmen eine neue Qualität erreicht hat, geht es aber allen um den wertmäßigen Überschuss in Dollar oder Euro. Zusammengenommen bedeutet das: zu einer Zeit, wo Deutschland aufgrund des bereits erreichten Niveaus ohnehin kaum noch Wachstumsimpulse aus dem Außenhandel generieren kann, gerät es noch zusätzlich unter starken politischen Druck, mehr zu importieren und weniger zu exportieren.

Noch fehlt ein Plan, das ohne massive Verwerfungen hinzubekommen. Den offiziellen Verlautbarungen aus der Regierung zufolge, gibt es noch nicht einmal Handlungsbedarf. Das ist bedenklich.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

14.02.2017, 09:58 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Holger Narrog

14.02.2017, 10:03 Uhr

Das wirtschaftliche Wachstum hat sich vom Export zum Binnenmarkt verschoben.

Mit den eigentlich sehr geringfügigen Schröderschen Reformen hat Deutschlands Wirtschaft und Exportindustrie signifikant an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Fr. Merkel dreht gemeinsam mit ihren roten und grünen Genossen das Rad zurück. Beispiel Mindestlohn...

Andererseits erhöht der Geistesblitz der Kanzlerin Millionen Einwanderer aus Afrika und dem Nahen Osten einzuladen und per Sozialhilfe zu alimentieren die Konsumausgaben.

Es ist zu erwarten dass die Exportwirtschaft immer mehr ins Hintertreffen gerät, durch die "Energiewende" (Ein anderer Geistesblitz der Kanzlerin) energieintensive Betriebe die Produktion verlagern. Andererseits lässt sich die durch Steuergelder finanzierte unbegrenzte Gastfreundschaft der Kanzlerin nicht unendlich steigern.

Insofern kommt früher, oder später eine strukturelle Rezession.

Account gelöscht!

14.02.2017, 10:23 Uhr

Rechnen sie die Zahlen mal in Franken um, ob ihnen dann ein Licht aufgeht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×