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06.08.2011

10:02 Uhr

Kommentar zur Energiewende

Die Rechnung kommt noch

VonDaniel Goffart

Der Umbau der deutschen Energieversorgung verursacht Zusatzkosten in dreistelliger Milliardenhöhe. Das gefährdet die Liberalisierung der Energiewirtschaft.

Der Atomausstieg kommt deutsche Unternehmen und Stromkunden teuer zu stehen. Quelle: dapd

Der Atomausstieg kommt deutsche Unternehmen und Stromkunden teuer zu stehen.

DüsseldorfNach dem Schrecken von Fukushima und der panischen Radikalwende der Bundesregierung wähnte sich die Mehrheit der Deutschen auf der richtigen, weil politisch korrekten Seite: Schluss mit der Atomkraft, her mit der guten, grünen Energie.

Wer in dieser Phase größter Verunsicherung an der Umsetzbarkeit des politisch motivierten Kursschwenks zweifelte, wurde als Ewiggestriger verspottet. Kündete die Wahl des ersten grünen Ministerpräsidenten ausgerechnet im Land der Tüftler und Mittelständler nicht von einer neuen Zeit? Und haben die Grünen ihren Kulturkampf gegen die Kernenergie inzwischen nicht zweifelsfrei gewonnen - wenn auch unter dem Eindruck der japanischen Katastrophe?

Inzwischen ist Fukushima in den Hintergrund getreten, und die Wissenschaftler verschiedener Institute haben einmal kühl nachgerechnet. Das Ergebnis ist so voraussehbar wie erschreckend: Der überhastete Verzicht auf die Kernkraft wird Bürgern und Industrie Zusatzkosten in dreistelliger Milliardenhöhe aufbürden. Hauptgrund sind die horrenden Kosten zur Förderung der erneuerbaren Energien, die schon in wenigen Jahren das Rückgrat unserer Stromversorgung bilden sollen.

Natürlich war die Kernkraft ohnehin nur noch als Brücke in das Zeitalter der nachhaltigen Energien gedacht. Wenn aus der geplanten Brücke aber jetzt ein kurzer Steg wird, muss eben umso mehr Kraft aufgewendet werden, um das andere, das grüne Ufer zu erreichen.

Völlig unterschätzt in der Politik wird zudem die Frage, wer denn in den nächsten Jahren überhaupt noch in den Umbau der Energieversorgung in Deutschland investieren soll. Denn nicht nur die Kernkraft, sondern auch die Kohle steht inzwischen auf dem Index. Niemand will künftig das Risiko eingehen, milliardenschwere Investitionsruinen zu hinterlassen, weil sich politische Rahmenbedingungen ständig ändern. Selbst der Neubau der vielgepriesenen Gaskraftwerke lohnt sich nach Aussage der meisten Versorger kaum.

Und schließlich: Wer steckt jetzt noch Milliardensummen in den Bau der erforderlichen neuen Hochspannungsnetze? Die großen Energiekonzerne haben längst die Lust am Netzgeschäft verloren. Gibt der Regulierer hier nicht zulasten der Verbraucher nach und gestattet wieder satte Renditen, wird sich daran kaum etwas ändern. Selbst das Geschäft mit Sonne und Wind lockt nur noch so lange mit hübschen Gewinnen, wie der Stromkunde draufzahlt. Aus dem alten "Kohlepfennig" wird dann der ewige "Biostrom-Cent".

Ziehen aber die Investoren nicht mit und werden die Kräfte des Marktes im Energiesektor aus politischen Gründen immer mehr außer Kraft gesetzt, landen wir in einer für die gesamte deutsche Industrie lebenswichtigen Branche wieder bei der Planwirtschaft. Das wäre ein trauriges Ende des vor 15 Jahren hoffnungsvoll begonnenen Aufbruchs in die Liberalisierung der Energiewirtschaft.


Der Autor leitet das Ressort Wirtschaft und Politik. Sie erreichen ihn unter: goffart@handelsblatt.com

Kommentare (8)

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Petra

06.08.2011, 10:38 Uhr

Spätestens wenn es an den eigenen Geldbeutel geht, erwachen die von Solarstrom träumenden Gutmenschen!

no.7

06.08.2011, 11:01 Uhr

Man kann es sich denken, daß das kurzsichtige, opportunistische Gestrampel von merkel später unglaublich teuer bezahlt werden muß. Der Zweck des ganzen soll ja sein, daß wieder anleger und die großbanken sich daran eine goldene nase verdienen. wir alle werden die rechnung zahlen. steuererhöhungen und Strompreiserhöhungen wegen dem überhasteten Umstieg sind vorprogrammiert. Nach der kohleförderung werden wir die Windräder und solardächer als dauersubventionsobjekt haben. dagegen ist das, was die steinkohle verschlang, wahrscheinlich ein klacks. wir werden für die absurde ausstiegsmanie zahlen, zahlen, zahlen. ich bin auch dafür, auf AKW zu verzichten. aber daß man ein sinnvolles, möglichst preisgünstiges Zeitfenster zum Umstieg ansetzt, das ist hier offensichtlich unmöglich. da wird die Atomangst solange geschürt, bis alle sich mit Versprechungen überbieten. auf daß wieder Staats-milliarden rollen können und ganze Industrien durchsubventioniert werden können. Das große geschrei wird dann losgehen, wenn die zeche fällig wird.

Wolf

06.08.2011, 11:10 Uhr

Ich verstehe nicht, dass so genannte Energieexperten den Atomausstieg, der übrigens seit 2001 Gesetz ist, immer noch kritisieren müssen. Die Wirtschaft hat jetzt über 10 Jahre Zeit gehabt, sich umzustellen!!!

Wie die kleinen Kinder!

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