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10.09.2012

11:02 Uhr

Konjunktur

China kurbelt Wirtschaft mit Milliardenprogramm an

Seit Jahren verzeichnet China niedrige Inflationsraten. Dadurch ergeben sich Spielräume für Konjunkturprogramme. Die sind auch nötig, um die zuletzt etwas schwächer gewordene chinesische Wirtschaft wieder anzutreiben.

"Experten sprechen bereits vom 'Stimulus 2.0' ". Reuters

"Experten sprechen bereits vom 'Stimulus 2.0' ".

PekingChina hat ein neues Konjunkturprogramm beschlossen, um ein weiteres Absinken des Wachstums zu verhindern. "China wird der Binnennachfrage einen Schub geben und zugleich Preisstabilität aufrechterhalten", versprach Präsident Hu Jintao am Samstag in Wladiwostok beim Treffen asiatischer Regierungschefs. Kurz zuvor hatte das Entwicklungs- und Reformministerium in Peking neue Infrastrukturprojekte im Wert von einer runden Billion Yuan (125 Milliarden Euro) freigegeben. Es sollen unter anderem neue Straßen und Bahnlinien entstehen.

Peking hat Raum für zusätzliche Ausgabenprogramme, weil die Inflation auf einem niedrigen Stand verharrt, wie aktuelle Zahlen vom Sonntag zeigen. Das Nationale Statistikamt bezifferte die Teuerungsrate mit glatten zwei Prozent, nur geringfügig mehr als die 1,8 Prozent von Juli. In Deutschland liegt der Wert trotz geringeren Wachstums ebenfalls bei zwei Prozent. Die Furcht vor Preissteigerungen ist in China das wichtigste Argument gegen teure Anreizprogramme - doch die Zentralbank scheint die Inflation im Griff zu haben.

Das Wachstum hat dagegen zuletzt deutlich geschwächelt. Die chinesischen Importe fielen im August überraschend um 2,6 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres, wie die staatliche Zollverwaltung in Peking berichtete. Es war der dritte monatliche Rückgang in Folge. Die schwache Nachfrage nach „Made in China“ durch die Wirtschaftskrise in Europa und den USA ließ die chinesischen Exporte auch nur langsamer als erwartet mit 2,7 Prozent ansteigen.

Insgesamt war die Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr mit 7,8 Prozent deutlich schwächer gestiegen als in den vergangenen Jahrzehnten üblich. Die überraschend schnelle Fortsetzung des Abwärtstrends in den Sommermonaten hat eine schnelle Erholung zudem unwahrscheinlich erscheinen lassen. In der Exportindustrie war schon die Sorge aufgekommen, ob die Expansion ihres wichtigsten Absatzmarkts so stürmisch weitergeht wie gewohnt.

China und Deutschland im Zahlenvergleich

Fläche in Quadratkilometern (gerundet)

China: 9.600.000
Deutschland: 357.000

Bewaldete Fläche

China: 22 Prozent
Deutschland: 32 Prozent
(Angaben von 2010)

Landwirtschaftlich genutzte Fläche

China: 56 Prozent
Deutschland: 48 Prozent
(Angaben von 2009)

Einwohner

China: 1.347.000.000
Deutschland: 82.000.000
(Angaben von 2011, Zahlen gerundet)

Lebenserwartung von Frauen

China: 75 Jahre
Deutschland: 83 Jahre
(Angaben von 2009)

Lebenserwartung von Männern

China: 72 Jahre
Deutschland: 77 Jahre
(Angaben von 2009)

Breitband-Internetanschlüsse je 100 Einwohner

China: 8
Deutschland: 31
(Angaben von 2009)

Personenwagen je 1000 Einwohner

China: 27
Deutschland: 502
(Angaben von 2008)

CO2-Emission pro Kopf in Tonnen

China: 5
Deutschland: 10
(Angaben von 2008)

Quellen: Weltbank, CIA, Statistisches Bundesamt, Deutsche Botschaft in Peking, Auswärtiges Amt

Doch die Sorge scheint unbegründet. Die chinesische Führung will die Konjunktur jedoch gerade in Zeiten eines politisch heiklen Führungswechsels nicht abrutschen lassen. In den vergangenen zwei Monaten haben die staatlichen Banken gezielt mehr Kredite vergeben, um vor allem dem Mittelstand wieder auf die Beine zu helfen. Jetzt folgt die Genehmigung der Bauprojekte, die im ganzen Land Arbeitsplätze schaffen sollen. Vor allem gering Qualifizierte sollen vom Neubau der Straßen und U-Bahnen profitieren.

Insgesamt ist der Neubau von über 2 000 Kilometern neuer Autobahnen in 13 Projekte geplant. Dazu kommen 25 U-Bahnlinien in wichtigen Großstädten. Die neuen Projekte kommen zu Plänen hinzu, die bereits im Juni, Juli und August grünes Licht bekommen haben: vier neue Flughäfen sowie über hundert Wind- und Solarparks. "Baubeginn wird schon in wenigen Monaten sein, was einen Anstieg der Sachinvestitionen auslösen wird", urteilt Ökonom Zhang Yiwei vom Investmenthaus Nomura.

Experten sprechen bereits vom "Stimulus 2.0", in Anspielung an das 400 Milliarden Euro schwere Konjunkturprogramm von Ende 2008, das der Wirtschaft damals gewaltigen Auftrieb gegeben hat. Auch von den aktuellen Bauprojekten erhofft sich die Regierung einen erheblichen Beschäftigungseffekt. Die Aktienkurse von Baufirmen und Unternehmen wie dem Baggerhersteller Sany sind am Freitag bereits gestiegen. Sany ist der Mutterkonzern des deutschen Betonpumpenanbieters Putzmeister.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Aufgrund des schwachen Exports nach Europa und in die USA haben produzierende Firmen in Südchina in den vergangenen drei Jahren nach und nach Arbeitsplätze abgebaut. Zahlreiche Wanderarbeiter sind zunächst in ihre Heimatdörfer zurückgegangen, weswegen die Arbeitslosenquote nicht nennenswert angestiegen ist. Doch die jungen Leute brauchen dringend neue Jobs - und die sollen jetzt am Bau entstehen.

Der Ausbau der Infrastruktur gilt zudem als cleverer Schachzug, um die Wirtschaftsaktivität zu fördern, ohne Marktblasen auszulösen. Im Jahr 2009 hatte die Regierung eine gewaltige Ausdehnung der Kreditvergabe zugelassen. Daraufhin waren die Wohnungspreise explodiert. Zahlreiche Branchen haben zudem an der Nachfrage vorbei überinvestiert.

Diese Gefahr besteht bei den nun umrissenen Vorhaben nur in geringem Umfang. "Bauprojekte gehören zu den besten Möglichkeiten, die Konjunktur zu fördern", sagt Ökonom Richard Koo vom Nomura-Forschungsinstitut. "Praktisch der volle Betrag kommt der Binnenwirtschaft zugute." Anders als die Verteilung von billigem Geld ist so auch die Gefahr einer Überhitzung geringer.

Geschäfte machen in China: unberechenbar

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Von

fmk

Kommentare (1)

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popper

10.09.2012, 13:24 Uhr

Von China lernen heißt siegen lernen. Und was machen wir. Wir sparen uns und die Welt kaputt.

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