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21.07.2011

12:52 Uhr

Konjunktur

Der Aufschwung hängt am seidenen Faden

Neue Hiobsbotschaft für die Euro-Retter: Wegen dem Schuldendrama schwächt sich die Konjunktur immer mehr ab. Die Deutsche Wirtschaft wächst aber noch - bis auf Weiteres.

Geringere Nachfrage aus China versetzt dem deutschen Aufschwung einen Dämpfer. Quelle: dpa

Geringere Nachfrage aus China versetzt dem deutschen Aufschwung einen Dämpfer.

BerlinFür die deutsche Wirtschaft beginnt das zweite Halbjahr mit einem empfindlichen Rückschlag: Die Industrie wuchs so langsam wie seit knapp zwei Jahren nicht mehr, und die Dienstleister verzeichneten den geringsten Zuwachs seit fast eineinhalb Jahren.

„Dem deutschen Aufschwung geht so langsam die Puste aus“ - er hänge „am seidenen Faden“, sagte Markit-Ökonom Tom Moore am Donnerstag zu der Umfrage seines Instituts unter knapp 1000 Unternehmen. Gründe seien eine geringere Nachfrage nach Waren „Made in Germany“ bei wichtigen Handelspartnern wie den Euro-Ländern, China und den USA sowie eine schlechtere Stimmung wegen der Schuldenkrise.

Trotz der Wachstumsverlangsamung wollen sowohl die Dienstleister als auch die Industrie aber neue Mitarbeiter einstellen. Der Zuwachs fiel erneut überdurchschnittlich stark aus.  Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie fiel überraschend auf 52,1 von 54,6 Punkte. Das ist der niedrigste Stand seit Oktober 2009.

Das Barometer hielt sich aber noch über der Marke von 50 Zähler, ab der Wachstum signalisiert wird. „Die Industrie hat es besonders hart getroffen“, sagte Moore. „Der Rückgang beim Neugeschäft sorgte dafür, dass die Produktion nahezu zum Stillstand gekommen ist.“

Erstmals seit mehr als zwei Jahren erhielten die Unternehmen weniger Aufträge als im Vormonat. Besonders aus dem Ausland blieben viele Bestellungen aus. Ursache ist die nachlassende Weltkonjunktur. Chinas Industrie schrumpfte im Juli zum ersten Mal seit einem Jahr - auch weil die Notenbank im Kampf gegen die Inflation ihre Zinsen mehrfach angehoben und Geld aus dem Wirtschaftskreislauf gezogen hat.

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

Auch im Euro-Raum läuft es alles andere als rund: Das Wachstum der Privatwirtschaft ist nahezu zum Erliegen gekommen. „Die Finanzkrise außen vor, war der Juli der schlechteste Monat seit dem Irak-Krieg 2003“, sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft der Währungsunion fiel auf 50,8 von 53,3 Punkten. Das ist der niedrigste Stand seit fast zwei Jahren.

Auch aus der weltgrößten Volkswirtschaft USA kamen zuletzt vor allem enttäuschende Konjunkturdaten. Auch die vorwiegend vom Binnenmarkt lebenden deutschen Dienstleister mussten Federn lassen. Der Einkaufsmanagerindex für den Service-Sektor fiel auf 52,9 von 56,7 Punkten.

„Auch hier gab die Wachstumsrate auf den niedrigsten Wert seit 17 Monaten nach“, sagte Moore. Die Chancen für eine rasche Besserung stehen nicht gut: Die Service-Unternehmen beurteilten die Aussichten so schlecht wie seit November 2009 nicht mehr.    

Experten rechnen trotz der schlechten Zahlen nicht mit einem raschen Ende des Aufschwungs. „Die Auftragslage der deutschen Unternehmen ist nach wie vor auf einem hohen Niveau“, sagte Jana Meier von HSBC Trinkaus. „Die Unternehmen stellen weiter ein, die Auftragsbestände sind noch sehr hoch“, sagte auch UniCredit-Ökonom Alexander Koch.

"Aber mit der schwächeren Weltwirtschaft nehmen auch die Abwärtsrisiken zu.“ Für das zweite Quartal sagen die von Reuters befragten 20 Analysten ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent voraus. Zu Jahresbeginn war es noch dreimal so stark ausgefallen, weil die Bauwirtschaft die am Jahresende wegen Schnee und Frost liegengebliebenen Arbeiten rascher als erwarten aufholen konnte. Bis Ende 2012 rechnen die Experten mit einem Quartalswachstum, das zwischen 0,4 und 0,6 Prozent schwankt.

Von

rtr

Kommentare (2)

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Skyjumper

21.07.2011, 13:47 Uhr

In Fernost:
China bremst mit sanfter Gewalt das Wachstum und versucht damit ein softlanding

In Übersee:
Den USA steht das Wasser Oberkante Unterlippe. Der Konsum und die Investitionen sind rückläufig.

In Europa:
Griechenland spart erzwungenerweise
Portugal spart erzwungenerweise
Irland spart erzwungenerweise
Spanien spart noch freiwillig um dem Zwang zu entgehen
Italien spart noch freiwillig um dem Zwang zu entgehen

Woher sollen also die Impulse für die Wirtschaft eines stark exportabhängigen Landes wie Deutschland herkommen? Binnenkonsum haben wir ja dank unserer supertollen Wettbewerbsfähigkeit (= niedrige Lohnkosten) und anziehender Inflation nicht zu erwarten.

no.7

21.07.2011, 15:42 Uhr

das ist der beginn des abschwungs für deutschland, der in den kommenden Monaten an fahrt gewinnen wird. deutschland wird nun einbüßen und kann aus der weltweiten Schuldenmacherei keinen vorteil mehr ziehen. Im gegenteil: das blatt wendet sich nun, und die jubelarien werden für lange zeit verstummen.Der vorteil von gestern wird zum nachteil für morgen, so einfach ist das. Da gibts dann die quittung für die grundfalsche Export-um-jeden-Preis-Politik, und das ist gut so.

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