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12.05.2017

09:57 Uhr

Konjunktur

Endlich Investitionen

VonDonata Riedel

Die gute Nachricht des Tages: Die Wirtschaft wächst schneller. Die noch bessere Nachricht: Endlich wird auch in Deutschland spürbar mehr investiert. Ein Kommentar.

BIP um 0,6 Prozent gestiegen

So erklärt die Finanzwelt das deutsche Wirtschaftswachstum

BIP um 0,6 Prozent gestiegen: So erklärt die Finanzwelt das deutsche Wirtschaftswachstum

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BerlinDass der US-Präsident mit Protektionismus droht, dass die Briten die EU verlassen wollen: Es hat die deutsche Wirtschaft schon im letzten Halbjahr 2016 nicht gebremst. Und sollten diese Konjunkturrisiken den einen oder anderen Firmenlenker doch in den Abwarte-Modus versetzt haben, so scheint diese Irritation jetzt überwunden.

Denn nicht nur zog das Wachstumstempo im ersten Quartal 2017 weiter an. Die noch viel bessere Nachricht der amtlichen Statistiker lautet: Es wird wieder investiert, in zwar in Deutschland. Dem Land, das die Welt nur als Exporteur kennt, der aus seinen weltweiten Einnahmen so lange zu Hause nichts machte, bis das Versäumnis überall sichtbar wurde: Marode Straßen und verfallende Schulen wurden zu sichtbaren Zeichen, dass der riesige Leistungsbilanzüberschuss nichts ist, was unter dem Etikett „Exportweltmeister“ Anlass für überbordenden Stolz sein sollte. Sondern ein Zeichen für ein anhaltendes Ungleichgewicht namens Kapitalexport.

Chancen und Risiken für die deutsche Konjunktur

Chance "Eurokurs"

Vom vergleichsweise schwachen Euro profitieren vor allem exportorientierte Unternehmen. Waren „Made in Germany“ werden dadurch außerhalb des Euroraums billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Zudem steigen bei Umrechnung in Euro die im Ausland erzielten Erlöse.

Chance "Binnenwirtschaft"

Angetrieben wird Europas größte Volkswirtschaft seit geraumer Zeit vor allem von der starken Nachfrage im Inland. Weil Sparbuch und Co. wegen der Zinsflaute kaum noch etwas abwerfen, sitzt vielen Verbrauchern das Geld locker. Zudem ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt historisch günstig. Im April sank die Zahl der Erwerbslosen auf den niedrigsten Stand in diesem Monat seit 1991. Manche Unternehmen suchen inzwischen händeringend Mitarbeiter. Ökonomen erwarten, dass vor allem Konsum und Bauinvestitionen die Konjunktur im Gesamtjahr auf Wachstumskurs halten werden.

Chance "Niedrigzinsen"

Die Zinsflaute beflügelt die Baubranche. Verbraucher nutzen die günstigen Finanzierungsbedingungen, um den Traum von den eigenen vier Wänden zu verwirklichen - auch wenn die Preise vor allem in Ballungsräumen kräftig angezogen haben. „Die Erschwinglichkeit von Wohneigentum ist aufgrund zunehmender Einkommen und rekordniedriger Zinsen trotz der gestiegenen Immobilienpreise noch immer für viele gegeben“, argumentieren Helaba-Ökonomen. Zugleich investieren Anleger mangels lukrativer Alternativen verstärkt in Immobilien.

Chance "Weltwirtschaft"

Der Exportweltmeister Deutschland profitiert von der Erholung der globalen Konjunktur. Im März kletterten die deutschen Ausfuhren auf den höchsten Monatswert seit 1950. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in diesem Jahr mit einem weltweiten Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent nach 3,1 Prozent 2016. „Frühling liegt in der Luft und Frühling wird es auch in der Wirtschaft“, zeigte sich IWF-Chefin Christine Lagarde vor kurzem zuversichtlich.

Risiko "Inflation"

Steigende Verbraucherpreise können die Konsumlust der Bundesbürger dämpfen. Im Ferienmonat April zog die Inflation getrieben von höheren Preisen für Energie und Urlaubsreisen nach ersten Zahlen auf 2,0 Prozent an. Ökonomen rechnen allerdings damit, dass sich die Teuerung wieder abschwächen wird. „Das Hoch bei den deutschen Inflationsraten dürften wir vorerst gesehen haben“, sagte DZ-Bank-Volkswirt Michael Holstein jüngst voraus.

Risiko "Zinswende"

Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen erhöhen, könnte das die Konjunkturerholung abwürgen, denn Kredite für Verbraucher und Unternehmen würden dann teurer. Europas Währungshüter machten zuletzt jedoch keine Anstalten, ihre ultralockere Geldpolitik zu ändern. Aus Sorge vor einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und schrumpfender Wirtschaft (Deflation) flutet die EZB die Märkte mit Geld. Zwar seien Deflationsgefahren fast verschwunden, die Preisentwicklung brauche aber weiterhin Unterstützung durch die Geldpolitik, bekräftigte EZB-Präsident Mario Draghi.

Risiko "Protektionismus"

Sorgen bereiten Ökonomen Abschottungstendenzen wichtiger Märkte - insbesondere der USA unter Präsident Donald Trump. Zwar ist nach Commerzbank-Einschätzung das Risiko eines Handelskrieges gesunken. Dies heiße aber nicht, „dass Trump sich von seinem zugkräftigsten Wahlkampfthema, dem Protektionismus, verabschiedet hat“. Die Welthandelsorganisation (WTO) warnt, die Unsicherheit über die Handelspolitik der großen Wirtschaftsmächte könnte die Erholung des Welthandels gefährden: „Unsicherheit friert Investitionen und Produktion ein“, erklärte WTO-Generaldirektor Roberto Azevêdo.

Risiko "Politische Krisen"

Die Folgen des geplanten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union (Brexit) sind noch nicht absehbar. Im vergangenen Jahr war das Vereinigte Königreich mit gut 12 Prozent Anteil nach Frankreich (14,3 Prozent) der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Exporteure innerhalb der EU. In Frankreich indes setzte sich zwar der sozialliberale Emmanuel Macron in der Präsidentschaftswahl gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen durch. Ob der pro-europäische Politiker bei der Parlamentswahl im Juni eine ausreichende Mehrheit für seine Reformpolitik bekommt, ist jedoch fraglich.

Risiko "Exportstärke"

Europas größte Volkswirtschaft verkauft seit Jahren deutlich mehr Waren ins Ausland als von dort eingeführt werden. Das ist vor allem US-Präsident Trump ein Dorn im Auge. Er drohte bereits mit Strafzöllen. Sein Finanzminister Steven Mnuchin forderte auf der IWF-Frühjahrstagung Ende April Berlin unmissverständlich auf, die Exportüberschüsse abzubauen. Auch die EU-Kommission, der IWF und Frankreichs künftiger Präsident Macron kritisieren den hohen Handelsüberschuss.

Dass nun endlich wieder mehr investiert wird in Deutschland, ist darum Anlass, ruhig mal ein wenig zu jubeln: Deutlich mehr Geld, so die Statistiker, ist in neue Bauten und die Ausrüstung von Fabriken geflossen. Die in Deutschland übermäßig hart kritisierten Niedrigzinsen dürften dazu auch hierzulande einen positiven Beitrag geleistet haben.

BIP wächst um 0,6 Prozent: „Aufschwung ohne Ende“

BIP wächst um 0,6 Prozent

„Aufschwung ohne Ende“

Die deutsche Wirtschaft beschleunigt ihr Wachstum: Höhere Investitionen, steigende Konsumausgaben und mehr Exporte trieben das Bruttoinlandsprodukt zwischen Januar und März um 0,6 Prozent zum Vorquartal in die Höhe.

Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht nur ein Einmaleffekt ist, der dem fast frostfreien Winter und damit verbundenen stärkeren Bau-Aufträgen geschuldet ist. Denn was dieses Land endlich braucht, ist die große Reparatur seiner teils maroden Infrastruktur. Die hilft dann den Firmen, die inländischen Produktionsstätten wieder stärker auszubauen und das im Export erwirtschaftete Kapital im Inland einzusetzen.

Erst einmal jedenfalls darf auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Nachricht von den höheren Investitionen zur Verteidigung auf internationalem Parkett nutzen: Beim G7-Finanzministertreffen an diesem Freitag und Samstag in Bari könnte die Kritik an der deutschen Investitionsschwäche abflauen.

Allerdings: Wie stark die Inlandsinvestitionen helfen werden, den Leistungsbilanzüberschuss wirklich sichtbar abzubauen, steht noch längst nicht fest: Denn im ersten Quartal wuchsen die Exporte wieder stärker als die Importe, obwohl die Bürger sogar mehr konsumierten als im Weihnachtsquartal.

Ökonomen zum Wachstum der deutschen Wirtschaft

Martin Wansleben (DIHK-Hauptgeschäftsführer)

„Das ist der erhoffte Jahresstart. Mit dem recht kräftigen Wachstum von 0,6 Prozent erfüllen sich die positiven Geschäftserwartungen der Unternehmen zu Jahresbeginn. Dabei sind allerdings einige Sonderfaktoren zusammengekommen. Die Wirtschaft profitiert weiterhin von einem Doping durch niedrige Zinsen, günstiges Öl und einen exportfördernden Wechselkurs. Die zahlreichen globalen Unwägbarkeiten bremsen das Wachstum bisher kaum, so dass sich die Weltkonjunktur und die deutschen Exporte erholen konnten. Auch die Investitionen haben sich berappelt. Die Unternehmen steigern ihre Ausgaben für Maschinen und Anlagen, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, international wettbewerbsfähig zu bleiben und Innovationen voranzutreiben.“

Jörg Zeuner (KfW)

„Deutschland legt einen konjunkturellen Blitzstart hin: Die Wirtschaft wächst zu Beginn von 2017 in amerikanischer Manier auf das Jahr hochgerechnet mit fast zweieinhalb Prozent - und damit gut einen Prozentpunkt schneller als im langfristigen Trend. Besonders freut mich, dass die Investitionen klar aufwärtsgerichtet sind. Die Unternehmer fassen offenbar wieder mehr Vertrauen in die Zukunft. Das sind gute Nachrichten für den weiteren Jahresverlauf, genauso wie das breite Wachstum in Europa und der anhaltende Rückzug politischer Risiken nach den Wahlen in Frankreich. Unsere Konjunkturprognose von bisher noch 1,4 Prozent für das Gesamtjahr 2017 dürfte bei diesem Tempo übertroffen werden.“

Ulrike Kastens (Sal. Oppenheim)

„Positiv ist vor allem die stabile Binnennachfrage, und das Anspringen der Ausrüstungsinvestitionen. Angesichts der wirtschaftspolitischen Unsicherheit stehen aber Fragezeichen dahinter, ob dies dauerhaft sein kann. Dennoch: Stimmungsindikatoren deuten auch für die kommenden Monate auf ein anhaltendes Wachstum hin. Konsum, Bau und auch der Außenhandel, der von der Belebung der Weltkonjunktur profitiert, laufen weiter. Es wird ein gutes Jahr für die deutsche Wirtschaft.“

Thomas Gitzel (VP Bank Liechtenstein)

„Die deutsche Volkswirtschaft startete mit Elan in das Jahr 2017. Die frohe Botschaft ist: Die Wachstumszusammensetzung ändert sich. Während im vergangenen Jahr vor allem der private Konsum und die Staatsausgaben das Wachstum anschoben, spielen nun die Exporte und die Investitionen eine wichtigere Rolle. Das ist gut so. Die Unternehmen kommen in Investitionslaune. Niedrige Zinsen, die Notwendigkeit zur Digitalisierung, eine gute Liquiditätssituation und volle Auftragsbücher lassen die Unternehmen munter werden. Die Hoffnung wächst, dass es zu einem sich selbst verstärkenden Aufschwung kommt.“

Alexander Krüger (Bankhaus Lampe)

„Aufschwung ohne Ende in Deutschland. Den BIP-Zuwachs von 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal hatten die monatlichen Konjunkturdaten bereits vorweg genommen. Und das trotz aller Risiken. Dass der Aufschwung von allen Seiten positive Impulse bekommen hat, zeigt, dass er auf einem breiten Fundament steht. Festzuhalten bleibt aber, dass die Konjunktur ohne das für Deutschland unangemessen tiefe Zinsniveau weniger brummen würde. Da sich daran vorerst jedoch nichts ändern wird, dürften die Lobeshymnen auf den deutschen Aufschwung anhalten.“

Für die Binnenwirtschaft ist jede Investition hierzulande erst einmal gut: Es bedeutet, dass die gute Lage am Arbeitsplatz vermutlich anhält und der neueste Rekord von 43,7 Millionen Erwerbstätigen keine Eintagsfliege ist. In den vergrößerten Fabriken werden nicht nur neue Roboter arbeiten – so weit ist die Industrie 4.0 noch nicht – sondern zunächst auch mehr Facharbeiter.

Die Hoffnung, dass die Investitionen nicht nur ein Einmaleffekt bleiben, wird genährt durch die Frühindikatoren der Konjunkturbeobachter, die auf noch stärkeres Wachstum seit April hinweisen. Und eines der großen Weltrisiken ist ja seit letztem Wochenende verschwunden: Macron statt LePen ist neuer französischer Präsident. Ein weiteres Auseinanderdriften der EU muss nun niemand mehr befürchten.

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