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27.05.2017

10:58 Uhr

Konjunktur im Aufschwung

Volkswirte sehen deutsche Wirtschaft in Topform

In den Chefetagen herrscht Konjunktur-Euphorie - und auch Volkswirte sprechen von „sonnigen Aussichten“ für die deutsche Wirtschaft. Das sorgt für Rückenwind auf dem Arbeitsmarkt. Doch es gibt auch skeptische Stimmen.

Viele Volkswirte bescheinigen der deutschen Wirtschaft „sonnige Aussichten“. dpa

Konjunkturdaten

Viele Volkswirte bescheinigen der deutschen Wirtschaft „sonnige Aussichten“.

NürnbergVolkswirte sehen die deutsche Wirtschaft in Topform und rechnen vorerst mit einer weiter stabilen Aufwärtsentwicklung. Dafür sprächen nicht nur die Erholung der Weltkonjunktur und die damit verbesserten Exportchancen für die deutsche Industrie. Auch globale Risiken im Zusammenhang mit dem Brexit oder der Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump hätten sich abgeschwächt, betonten Konjunkturforscher und Volkswirte deutscher Großbanken in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur.

„Die Konjunktur läuft immer besser, die Unternehmen werden immer optimistischer. Was sich derzeit bei der Konjunktur zeigt, geht über unsere Erwartungen hinaus“, sagt etwa Allianz-Volkswirt Rolf Schneider. Ifo-Volkswirt Felix Schröter pflichtet ihm bei: „Wir gehen durchaus von einer aufwärts gerichteten Entwicklung aus“.

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Überaus optimistisch zeigte sich auch DZ-Bank-Ökonom Michael Holstein, der für 2017 mit einem Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,7 Prozent rechnet. Bestärkt ist er von wichtigen deutschen Exportmärkten: Ob in den USA, Europa oder China - in vielen Ländern sei eine positive Entwicklung zu verzeichnen. Für Commerzbank-Konjunkturexperten Eckart Tuchtfeld kommt hinzu, dass inzwischen in vielen Chefetagen die Sorge vor einer Abschottung des US-Marktes eine untergeordnete Rolle spiele.

Vor überzogener Zuversicht warnt indes Stefan Kipar, Volkswirt bei der Landesbank Bayern LB. „Wir sind viel pessimistischer als es die Unternehmensstimmung derzeit anzeigt“, sagt er mit Blick auf den jüngsten, ungewöhnlich positiv ausgefallenen Ifo-Geschäftsklimaindex. „Uns fehlen dazu noch die harten Daten. Im Moment widersprechen die Daten zu Auftragseingängen und der Produktion der Euphorie“.

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Deutsche Wirtschaft

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Der deutsche Exportüberschuss trifft nicht auf nur freundliche Worte. Trotzdem werden hiesige Produkte aus dem Ausland so sehr gefordert wie lange nicht mehr. Das sorgt für gute Laune in der Wirtschaft.

Es sei aber durchaus möglich, dass sich das in den kommenden Monaten noch ändere, sagte Kipar. Erst wenn für April „super Werte für die Produktion“ gemeldet werden, könnte er sich vorstellen, seine bisher eher konservative Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandprodukts anzuheben. Diese liege derzeit bei 1,5 Prozent.

Einig sind sich die Experten darin, dass sich die gute Arbeitsmarktlage fortsetzen werde, betonten sie mit Blick auf die bevorstehende Bekanntgabe der Mai-Arbeitsmarktdaten. Vieles deute darauf hin, dass die Zahl der Arbeitslosen im Jahresschnitt 2017 deutlich stärker zurückgehen werde als erwartet. Im Durchschnitt rechnen die Ökonomen mit einer Erwerbslosenzahl um die 2,5 Millionen.

Treibende Kraft für den Beschäftigungsanstieg dürfte nach Einschätzung des Chefvolkswirts der KfW-Bankengruppe, Jörg Zeuner, in diesem Frühjahr der Wohnungsbau sein. „Die Bauzinsen verharren nahe ihrem historischen Tiefstand von zwei Prozent. Das hat den Investitionen Privater in Wohneigentum seit dem vergangenen Jahr noch einmal einen Schub gegeben. Die Aussichten für den Arbeitsmarkt bergen bis zum Jahresende kaum Enttäuschungspotenzial“, so Zeuner.

Ökonomen zum deutschen Export-Rekord

Stefan Kipar (BayernLB)

„Der Export läuft gut. Den Rekordwert sollte man aber nicht überbewerten. Positiv ist, dass es trotz Brexit, Trump und wirtschaftlicher Unsicherheit noch gut läuft. Aber es ist auch keine hochdynamische Entwicklung. Die Produktion verlief zum Jahresanfang insgesamt gut. Wir gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um 0,6 Prozent gestiegen ist.“

Alexander Krüger (Bankhaus Lampe)

„Nach den beiden guten Vormonaten bei der Produktion war dies ein Rückgang mit Ansage. Ohne die überraschend gute Bauproduktion wäre der Rückgang stärker ausgefallen. Das gute Quartalsergebnis spricht für merklichen Rückenwind für das BIP im ersten Quartal. Dieser wird im zweiten Quartal aber bereits wohl wieder nachlassen, da die Geopolitik und die hohe wirtschaftspolitische Unsicherheit einem nachhaltigen Industrieaufschwung weiter entgegen stehen.“

Ulrike Kastens (Sal. Oppenheim)

„Deutschland profitiert im Moment ganz deutlich von der Belebung der Weltkonjunktur. Und nach wie vor hat Deutschland anscheinend die richtigen Produkte wie Autos und Maschinen, die weltweit nachgefragt werden. Doch diese guten Zahlen werden den Druck auf Deutschland erhöhen, die hohen Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse abzubauen. Nicht nur vom IWF, sondern auch aus Frankreich wird der Druck zunehmen. Steigende öffentliche Investitionen können aber das Problem allein nicht lösen. Mittelfristig bräuchten wir auf jeden Fall auch mehr Ausrüstungsinvestitionen. Nach unseren Berechnungen wird der Leitungsbilanzsaldo gemessen am BIP in diesem Jahr zurückgehen.“

Carsten Brzeski (Ing-Diba)

„Insgesamt sollte die Industrieproduktion trotz des kleinen Rückgangs wieder ein Wachstumstreiber für die deutsche Wirtschaft geworden sein. Zudem gibt es verstärkt Hinweise darauf, dass die Industrieproduktion und die Investitionen zum Rest der Wirtschaft aufholen. Es ist aber noch zu früh, um das lang erwartete – und dann oft nicht eintretende – Anziehen der Investitionen zu feiern. Sollte dies aber kommen, dürfte sich die Konjunkturerholung in Deutschland einmal mehr ausweiten, obwohl Strukturreformen immer noch fehlen.“

Im Mai ist nach Schätzung der Volkswirte die Zahl der Arbeitslosen mit dem Frühjahrsaufschwung um rund 70 000 auf 2,5 Millionen gesunken. Dies wären rund 160 000 weniger als vor einem Jahr. Aber auch ohne die starken saisonalen Rückgänge wäre die Zahl der Erwerbslosen nach Experteneinschätzung um 10 000 bis 15 000 gefallen. Die Volkswirte berufen sich dabei auf eigene Berechnungen. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen will die Bundesagentur für Arbeit am Mittwoch (31. Mai) veröffentlichen.

Von

dpa

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