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11.01.2016

14:12 Uhr

Konjunktur

Ungewisse Zukunft für die deutsche Wirtschaft

Die Konjunktur in Deutschland steht aus Sicht des Ökonomen Marcel Fratzscher auf wackeligem Fundament. Ein schwächelndes China könnte den Export schwächen. Die Flüchtlinge verursachten dagegen positive Sondereffekte.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, über die deutsche Konjunktur: „Die Investitionsschwäche bleibt nach wie vor die große Achillesferse Deutschlands.“ dpa

Marcel Fratzscher

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, über die deutsche Konjunktur: „Die Investitionsschwäche bleibt nach wie vor die große Achillesferse Deutschlands.“

BerlinDas Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet ungewisse Zeiten für die deutsche Konjunktur. Das jüngste Börsenbeben in China schaffe Verunsicherung, „was prinzipiell Gift für jeden Unternehmer ist“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

„Wir wissen nicht, wie sich die Verwerfungen an den globalen Kapitalmärkten auf die Wirtschaft auswirken werden.“ Das Statistische Bundesamt gibt am Donnerstag bekannt, wie stark das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2015 gewachsen ist.

Die Lage am Arbeitsmarkt bezeichnete der DIW-Chef als „extrem günstig im Augenblick, weil wir über eine Million offene Stellen haben“. Die Arbeitslosenquote werde wegen der „recht hohe Zahl an Flüchtlingen, die dieses Jahr in den Arbeitsmarkt kommen werden“, leicht steigen. „Aber die Arbeitslosenzahl unter denen, die bereits in Deutschland leben, wird weiter sinken“, stellte Fratzscher heraus.

Als „massive Konjunkturstütze“ seien die knapp 15 Milliarden Euro zu sehen, die der Staat 2016 für die Flüchtlinge ausgeben wolle, sagte der Ökonom. Das entspreche 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Geld gehe „fast eins zu eins in das Wachstum“. Ohne dieses „Konjunkturprogramm“ gäbe es eine deutliche Abschwächung des Wachstums in Deutschland.

Nach Worten des DIW-Chefs ist zu erwarten, „dass sich in diesem Jahr die Nettoexporte in Deutschland eher verhalten entwickeln werden, gerade auch durch die schwächere Entwicklung der Schwellenländer“. So gebe es große Fragezeichen beim Wachstum in China.

Wie die Anschläge von Paris die Konjunktur beeinflussen

Tourismus

Die Flugbuchungen in die französische Hauptstadt sind um mehr als ein Viertel zurückgegangen. In den Tagen nach den Anschlägen habe es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Minus von 27 Prozent gegeben, erklärt das Unternehmen ForwardKeys. Es wertet nach eigenen Angaben täglich die Daten von 14 Millionen Reservierungen aus. Sowohl Privatleute als auch Geschäftsreisende machen demnach einen Bogen um Paris. Frankreich ist das meistbesuchte Land der Welt. Nach Paris kamen im vergangenen Jahr 32,2 Millionen Besucher. Der französische Hotelier Accor und die Fluggesellschaft Air France-KLM verzeichneten an der Börse teils starke Kursrückgänge.

Dämpfer für Dienstleister

Hier hat sich die Stimmung in Frankreich merklich eingetrübt: Der Einkaufsmanagerindex für den Service-Sektor fiel im November um 1,4 auf 51,3 Punkte und signalisiert damit nur noch ein geringes Wachstum. Das fand das Markit-Institut bei seiner Unternehmensumfrage heraus. „Der Hauptgrund dafür sind die Anschläge“, sagt Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. „Aber die Erfahrung lehrt, dass solche Ereignisse nur einen kurzzeitigen Einfluss haben.“ Gut 60 Prozent der Antworten der Manager gingen nach den Anschlägen ein.

Unberührte Konjunktur

Anders als in Frankreich zeigen die jüngsten Indikatoren der anderen großen Euro-Länder Deutschland, Italien und Spanien nach oben. Die Stimmung in den Chefetagen deutscher Unternehmen etwa ist derzeit so gut wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. „Die deutsche Wirtschaft zeigt sich von der zunehmenden weltweiten Unsicherheit unbeeindruckt“, betont Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn zur Umfrage seines Instituts unter 7000 Managern. „Nicht einmal die Anschläge von Paris haben sich in den Daten negativ bemerkbar gemacht.“

Erholte Aktienmärkte

Der Pariser Leitindex brach am ersten Handelstag nach den Anschlägen zunächst ein, machte seine Verluste aber rasch wieder wett. Inzwischen liegt das Barometer höher als davor. Ähnlich sieht es in Deutschland aus: Der Dax hat seit dem 13. November rund sechs Prozent zugelegt. Ein Treiber dafür ist die Aussicht auf eine weitere Lockerung der EZB-Geldpolitik. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock rechnet im Falle neuer Anschläge wie in Paris allerdings mit Verwerfungen. „Sollte es in den kommenden Wochen weitere Angriffe dieser Art geben, dürfte die Börse beim nächsten Mal heftig reagieren“, warnt Deutschland-Chef Christian Staub.

Mehr Staatsschulden

Frankreich wird nach Worten von Regierungschef Manuel Valls wegen steigender Ausgaben für die Sicherheit das EU-Ziel für das Staatsdefizit verfehlen. Die Vorgaben würden auf keinen Fall eingehalten, da man nicht an anderer Stelle sparen werde, sagt Valls. Die EU-Kommission müsse verstehen, dass „dies ein Kampf ist, der Frankreich betrifft und auch Europa“, betont Valls mit Blick auf das Vorgehen gegen die Extremistenmiliz IS. Die Regierung will rund Zehntausend zusätzliche Polizisten und Sicherheitskräfte einstellen. Der Haushaltsentwurf für 2016 sieht bislang vor, dass Frankreichs Defizit auf 3,3 Prozent sinkt von 3,8 Prozent 2015. Die Obergrenze in der EU für neue Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftskraft liegt bei drei Prozent.

Verbraucher

Das Konsumklima in Frankreich blieb im November stabil. Allerdings: 93 Prozent der befragten Franzosen antworteten bereits vor den Anschlägen, weshalb es erst im Dezember ein genaueres Bild geben dürfte – ebenso in Deutschland. Die Angst vor Anschlägen kann Experten zufolge das gerade begonnene Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel beeinträchtigen. „Es ist vorstellbar, dass sich dies auf die Konsumstimmung niederschlägt“, sagt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). „Es ist möglich, dass der eine oder andere die Innenstädte oder Weihnachtsmärkte meidet.“ Davon könne dann aber der Online-Handel profitieren. Auch die deutschen Einzelhändler sind besorgt. „Das alles lässt uns nicht unberührt“, sagt der Präsident des Branchenverbandes HDE, Josef Sanktjohanser.

„Wir haben eine deutliche Abschwächung gesehen von knapp 10 Prozent Wachstum pro Jahr im letzten Jahrzehnt auf unter 7 Prozent im vergangenen Jahr“. Brasilien und Russland seien in der Rezession. Hinzu kämen die Konflikte im Nahen Osten sowie zwischen Russland und der Ukraine.

Dennoch gebe es auch positive Zeichen. So habe die Schwäche bei den Ausfuhren nach China zuletzt zum Teil durch höhere Exporte nach Südeuropa und andere europäische Länder kompensiert werden können, sagte Fratzscher. Für die Eurozone erwarte das DIW 2016 ein Wachstum von 1,4 Prozent. „Das klingt erst einmal nicht schlecht, ist aber eigentlich zu wenig, um die Eurozone aus der Krise zu ziehen“, ergänzte Fratzscher. Spanien sei ein Lichtblick, Frankreich mache Sorgen mit einem prognostizierten Wachstum von weniger als einem Prozent bei einer Arbeitslosigkeit von über 11 Prozent.

„Die Investitionsschwäche bleibt nach wie vor die große Achillesferse Deutschlands“, meinte der DIW-Präsident. Die derzeit gute Baukonjunktur, gestützt durch die sehr niedrigen Zinsen, sei „nicht unbedingt etwas Nachhaltiges“. Sehr schwach entwickelten sich noch immer die Ausrüstungsinvestitionen, obwohl Unternehmen viel Liquidität und hohe Erträge hätten. Die private Konsumnachfrage werde auch 2016 die Hauptstütze der Wirtschaft sein.

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dpa

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