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16.07.2012

13:30 Uhr

Konjunkturabkühlung

Weltwirtschaft entgeht der Rezession

VonDirk Heilmann

Die Euro-Krise macht den Märkten weltweit zu schaffen. Doch eine weltweite Rezession fürchten die meisten Experten nicht. Der für das Handelsblatt erhobene Welthandelsindex deutet auf anhaltendes Wachstum hin.

Unter der Euro-Krise haben vor allem die Autohersteller zu leiden. dpa

Unter der Euro-Krise haben vor allem die Autohersteller zu leiden.

DüsseldorfIm Sommer 2012 hängt die globale Konjunktur in den Seilen: Frühindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes sind weltweit seit Monaten auf dem Rückzug, und auch die ersten harten Wachstumszahlen für das zweite Quartal zeigen eine Abkühlung an. In China wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal nur noch um 7,6 Prozent im Jahresvergleich. Das ist zwar nach wie vor enorm, aber es ist auch der sechste Rückgang in Folge und die magerste Wachstumsrate seit drei Jahren.

In der Euro-Zone stehen die Zeichen auf Rezession. Selbst die lange Zeit so robuste deutsche Wirtschaft kühlt sich nun deutlich ab, wenn man den Frühindikatoren glaubt. Immer saftloser wird auch der Aufschwung in den USA: Die Amerikaner befürchten, dass egal welche Regierung das Land führt, sie notgedrungen ab Anfang 2013 einen Sparkurs einschlagen wird. Dabei hatte das Jahr für die Weltwirtschaft mit positiven Überraschungen angefangen. Der Aufschwung ebbte aber schon nach wenigen Monaten wieder ab.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Das rasche Auf und Ab der Weltwirtschaft stellt nach Einschätzung der Goldman-Sachs-Ökonomen Kamakshya Trivedi und Stacy Carlson ein neues Muster dar. "Die Zyklen der ökonomischen Aktivität sind kürzer geworden, Auf- und Abschwünge dauern nur noch Monate statt Jahre", schreiben sie. Zwei Faktoren machen sie dafür verantwortlich: Sobald sich die Wirtschaft belebe, stiegen die Öl- und Rohstoffpreise und würgten den Aufschwung wieder ab. Der Finanz- und Geldpolitik fehlten die Mittel, den Aufschwung zu stützen. Schließlich stehen die Leitzinsen in den Industriestaaten nahe null, und die überschuldeten Staaten erhöhen die Steuern und senken die Investitionen.

"Das vermeintliche Wirtschaftswachstum der Industrienationen hat sich wie bereits in den beiden letzten Jahren als Chimäre erwiesen", sagt Murat Ülgen, Volkswirt bei HSBC. Der Unterschied sei jedoch, dass diesmal auch das Wachstum in den großen Schwellenländern nachlasse. Das liege am Industriesektor, der unter einem Rückgang der Exporte nach Nordamerika und Europa leide. In Brasilien wird die Wachstumsrate laut HSBC auf 2,5 Prozent sinken, in Russland auf drei Prozent und in Indien auf unter sechs Prozent. Doch auch wenn die Weltwirtschaft abkühlt und die Euro-Zone eine Rezession durchläuft, ist eine globale Rezession nicht in Sicht. Europa werde im zweiten Halbjahr die Talsohle erreichen, sagt Stefan Schneider von der Deutschen Bank. Die Weltwirtschaft sieht er 2012 um 3,2 Prozent wachsen. Das stützt der Welthandelsindex, den die Vermögensverwaltungsgesellschaft Dr. Markus Zschaber (V.M.Z.) monatlich exklusiv für das Handelsblatt aus Daten der Schiff- und Luftfahrt sowie des Schienen- und Straßenverkehrs berechnet. Der Index stieg im Juni von 60,2 auf 61,1 Punkte - Werte oberhalb von 50 zeigen eine Expansion an "Vor allem die Analyse der Lufttransportdaten suggeriert einen dynamischen Anstieg der Handelsaktivität", sagt Zschaber. "Das spricht eindeutig dafür, dass Unternehmen ihre Lagerbestellungen zwar noch kurz halten, allerdings nicht weiter reduzieren."

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

16.07.2012, 14:04 Uhr

"Der für das Handelsblatt erhobene Welthandelsindex deutet auf anhaltendes Wachstum hin. "

LOOOOOL achso, ok na dann :D :D Mein Sohn (26 Jahre alt) könnte auch mal wieder wachsen...meinem Barometer nach deutet auch alles darauf hin :D

Herrschaften ich weiss nicht wo ihr wohnt aber vielleicht solltet ihr wieder auf die Erde kommen und euch umschauen. Hier wächst momentan nichts...wohin denn auch, wir stehen vor dem Zusammenbruch des überzogenen künstlichen Geldsystems.

Findus

16.07.2012, 14:58 Uhr

Lieber Karsten,
Sie sind wohl ein Schwarzseher ohne gleichen...
Wie lange wird uns das Ende des Euros schon vorhergesagt?
Die Welt wird sich immer weiter drehen. Sind Sie nicht froh Kleidung, Essen und Wohnung zu haben? Bitte etwas mehr Optimismus !

Account gelöscht!

16.07.2012, 16:48 Uhr

Seit 2008 wird der Euro-Kollapas für 2011-2013 vorhergesagt. Bis jetzt haben sich ALLE Vorhersagen diesbezüglich bestätigt.

Träumen hilft jetzt nicht mehr - jetzt ist Realismus gefragt um schlimmeres zu verhindern.


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