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31.03.2016

08:06 Uhr

Konjunkturanalyse Japan

Mit Geld gegen die Flaute

VonMartin Kölling

Ein Einbruch der Industrieproduktion lässt die Sorge um Japans Konjunktur wachsen. Das hoch verschuldete Land steuert gegen - mit mehr öffentlichen Ausgaben.

Japans Wirtschaft steht im asiatischen Vergleich recht solide da. Doch im Inland sorgen sich die Firmen um die Binnennachfrage. Zudem drückt der jüngste Anstieg des Yen auf die Gewinne der Exportfirmen und damit die Aktienkurse. Reuters

Shopping in Tokios In-Stadtteil Ginza

Japans Wirtschaft steht im asiatischen Vergleich recht solide da. Doch im Inland sorgen sich die Firmen um die Binnennachfrage. Zudem drückt der jüngste Anstieg des Yen auf die Gewinne der Exportfirmen und damit die Aktienkurse.

TokioIn Japan ist ungeachtet immer neuer Schuldenrekorde kein Sparkurs in Sicht. Im Gegenteil kehrt die kehrt die Regierung nach einer Geldschwemme der Notenbank nun zu einem bewährten Mittel im Kampf gegen Wirtschaftsflauten zurück: staatliche Ausgaben.

In einem ersten Schritt setzte das Parlament diese Woche einen neuen Rekordhaushalt für das im April beginnende Haushaltsjahr 2016 in Kraft. 96.720 Milliarden Yen beträgt der Etat, etwas mehr als für 2015. Doch dies ist nur der Anfang. Kurz nach der Parlamentssitzung kündigte Ministerpräsident Shinzo Abe an, dass die Ausgaben möglichst vorgezogen werden sollen. Darüber hinaus will er bereits im Mai einen Nachtragshaushalt auflegen.

Jüngste Konjunkturdaten erklären seine Eile. Kurz vor den Oberhauswahlen im Juli wächst nicht die Wirtschaft, sondern die Sorge vor einer neuen Wirtschaftsflaute. Im Februar produzierte die Japan AG 6,2 Prozent weniger als im Monat zuvor. Dies ist der stärkste Einbruch seit März 2011, als eine dreifache Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall Japans Wirtschaft erschütterte.

Volkswirte reagieren zwar grundsätzlich gelassen. Izumi Devalier von der HSBC betitelt den Einbruch kühl als „Autounfall“. Denn zu einem großen Teil ist eine Explosion in einem Stahlwerk schuld, nach der größte Autobauer der Welt Toyota fast zwei Wochen landesweit seine Produktion stilllegen musste. Zudem hatten die Firmen im Januar die Produktion wegen des chinesischen Neujahrs stark erhöht.

Die gute Nachricht sei, dass sich die Produktion im März wieder zu normalisieren scheine, so Izumi. Eine tiefe Rezession der verarbeitenden Industrie erwartet sie daher nicht. „Aber zweifellos bleibt der Schwung der Industrieproduktion wegen der lauwarmen Nachfrage daheim und aus dem Ausland schwach.“

Die Volkswirte von Barclays Capital sagen sogar voraus, dass Japans BIP im ersten Quartal annualisiert um 0,1 Prozent niedriger als im vorigen Quartal ausfallen könnte. Mit zwei negativen Quartalen wäre Japan damit per Definition zurück in der Rezession. Doch auch sie glauben daran, dass es danach aufwärts gehen wird. Allerdings nur moderat.

Ein Grund für den fehlenden Vorwärtsdrang ist, dass die Firmen derzeit ihre Lager abbauen. „Die Unternehmen waren bisher relativ optimistisch und haben die Lagerbestände hochgehalten“, erklärt Martin Schulz, Volkswirt am Fujitsu Research Institute. „Nun verlieren sie ihre Zuversicht.“ Denn Japan ist nur geografisch, aber nicht wirtschaftlich eine Insel.

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Japan

Rezessionsängste in Japan

Die Industrieproduktion ist im Februar um mehr als sechs Prozent eingebrochen. Das ist der stärkste Rückgang seit der Atomkatastrophe. Experten schließen eine Rezession nicht aus. Der Druck auf die Regierung steigt.

Japans Wirtschaft steht im asiatischen Vergleich zwar recht solide da, meint Schulz. Er sagt voraus, dass das BIP 2016 und 2017 um 0,6 Prozent wachsen wird. „Aber niemand sieht derzeit irgendwo großes Wachstumspotenzial.“ Im Gegenteil: Zu viele negative Faktoren legen sich aufs Gemüt.

Im Ausland sind es das sich abschwächende Wirtschaftswachstum Chinas, die Schwäche Südostasiens, die Krisen in Brasilien und Russland, der Ölpreisverfall, der die Erdölproduzenten und damit Großabnehmer japanischer Autos trifft.

Im Inland sorgen sich die Firmen um die Binnennachfrage. Denn ein wichtiger Motor der „Abenomics“ genannten Wachstumspolitik von Regierungschef Abe will einfach nicht anspringen: die Lohn-Preisspirale. Obwohl die Arbeitslosenrate bei nur 3,3 Prozent liegt und viele Unternehmen Arbeitskräftemangel spüren, steigen die Gehälter einfach nicht.

Schlimmer noch: Die Gewerkschaften fordern in der derzeitigen Tarifrunde sogar niedrigere Lohnerhöhungen als im vergangenen Jahr. Also werden die Arbeitnehmer auch nicht viel mehr bekommen.

Zudem drückt der jüngste Anstieg des Yen auf die Gewinne der Exportfirmen und damit die Aktienkurse. Und ob der Wind am Devisenmarkt wieder wechselt, ist schwer abzuschätzen. Die negativen Zinsen sollten den Yen eigentlich schwächen. Aber sein Wert stieg zuletzt. Denn Japans vergleichbar solide Lage macht das in den Augen von Investoren derzeit zu einem der sichereren Häfen.

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All diese Faktoren bringen einen weiteren Motor der Abenomics ins Stocken: die Firmeninvestitionen. Im Februar ging auch die Nachfrage nach Produktionsmaschinen um zehn Prozent zurück. Dies zeige, dass die Unternehmen vorsichtiger bei der Planung ihrer Investitionen würden, meint Takeshi Yamaguchi von Morgan Stanley MUFJ Securities.

Dennoch glaubt Schulz nicht, dass Japan deshalb in die Rezession rutschen wird. „Das wird die Regierung wahrscheinlich mit staatlichen Ausgaben vermeiden können.“ Der Nachtragshaushalt allein könnte möglicherweise zwei Prozent des BIP ausmachen.

Zusätzlich prüft die Regierung, ob angesichts der schwachen Konjunktur der zweite Schritt der Mehrwertsteuererhöhung von acht auf zehn Prozent verschoben wird. Denn nachdem die Mehrwertsteuer 2015 um drei Prozentpunkte angehoben worden war, sackte der Konsum dauerhaft ab und hat sich bis heute noch nicht voll erholt.

Ökonomen bewerten die Chancen als gut, dass Abe die Steuererhöhung kippt. Denn Abe ist der wandelnde Gegenentwurf zu Deutschlands Rezepten gegen Schuldenkrisen: Die Sanierung des Staatshaushalts ist aus seiner Sicht nicht mit Sparen, sondern nur durch Wachstum und damit höhere Steuereinnahmen zu erreichen.

Derzeit kann sich Japan dies leisten. Schließlich kauft die Bank von Japan schon stärker japanische Regierungsanleihen auf als andere Zentralbank. Die Frage ist nur, ob oder wie lange diese Strategie gut gehen wird.

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