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15.06.2017

12:56 Uhr

Konjunkturprognosen

Deutschland in der Wohlfühlphase oder vor der Überhitzung?

VonDonata Riedel

Die Wirtschaft in Deutschland boomt, die Konjunkturbeobachter sind sich einig: 2017 wird ein starkes Jahr. Doch in der Frage wie sicher der Aufschwung ist, gehen die Meinungen der Forscher auseinander. Eine Analyse.

Die Angst vor dem Ende des Wirtschaftsbooms nährt sich auch aus dem Blick zurück. dpa

Containerhafen Duisburg

Die Angst vor dem Ende des Wirtschaftsbooms nährt sich auch aus dem Blick zurück.

BerlinSeit Jahresbeginn kennen Deutschlands Wirtschaftsforscher beim Anpassen ihrer Prognosen nur eine Richtung: Die Wirtschaft wächst etwas kräftiger als zu Weihnachten erwartet. Eher mehr Jobs, eher stärker steigende Löhne, und auch mehr Investitionen, weil die Kapazitäten der Industrie ausgelastet sind, erwarten die Ökonomen.

Doch wie stabil ist diese Lage? Da beginnen die Meinungen der führenden Institute auseinanderzudriften. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) fürchtet in seiner an diesem Donnerstag vorgestellten Prognose eine Überhitzung spätestens im nächsten Jahr – was erfahrungsgemäß dann meist in eine Phase entweder schwachen Wachstums oder eine Rezession münden würde. „Die deutsche Wirtschaft driftet in die Überhitzung“, warnt IfW-Konjunkturexperte Jens Boysen-Hogrefe. Das IfW erwartet in diesem Jahr ein Wachstum um 1,7 Prozent und 2018 um zwei Prozent.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist demgegenüber in seiner Frühjahrsprognose von Mittwoch optimistisch, dass Deutschland gerade erst in eine Phase stabilen Wachstums eingetreten ist. „Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Wohlfühlkonjunktur. Eine Überhitzung zeichnet sich nicht ab“, sagt DIW-Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner.

OECD-Prognose für Deutschland: Starkes Wachstum, doch die Löhne steigen kaum

OECD-Prognose für Deutschland

Starkes Wachstum, doch die Löhne steigen kaum

Die OECD sagt voraus: Deutschlands Wirtschaft wird in diesem Jahr und 2018 kräftig wachsen – dank steigender Exporte. Allerdings machen die Löhne keine großen Sprünge. Der private Konsum kommt daher nicht in Schwung.

Natürlich legt sich keiner der Experten über 2018 hinaus wirklich fest. Aber das DIW schließt aus dem neuen Mut zu Investitionen im Inland, dass die Unternehmen damit rechnen, dass ihre mehr produzierten Güter dann auch Abnehmer finden werden und der Boom den Boom noch eine Zeit lang nähren wird. Wegen der Feiertags-bedingt geringeren Zahl der Arbeitstage erwartet das DIW allerdings 2017 nur 1,5 Prozent Wachstum und 2018 dann 1,7 Prozent.

Das Essener RWI wiederum setzte für 2017 seine Prognose am Dienstag von 1,3 auf 1,6 Prozent und erwartet nächstes Jahr 1,8 Prozent. Wie das DIW sagt das RWI: Wir erleben ein stabiles Wachstum. „Der Aufschwung steht auf breiter Basis“, sagt RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn.

Der große Unterschied bei der Frage: „Wie lange noch?“ liegt in den verschiedenen Einschätzungen, wie schädlich sich eine längere Niedrigzinsphase auf die Wirtschaft auswirken wird: Das IfW fürchtet, dass nach einem überzogenen Bauboom von dieser Branche am Ende der Niedrigzinsphase ein Crash möglich wird –jedenfalls dann, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Niedrigzinsphase noch lange weiterlaufen lässt. Das DIW dagegen ist überzeugt, dass die Niedrigzinsphase jetzt zur Stabilisierung der Euro-Zone beiträgt, was die angestammten Absatzmärkte der deutschen Wirtschaft stärkt, und dass die EZB den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes finden wird.

Die Angst vor dem Ende des Booms nährt sich auch aus dem Blick zurück: Während die Kieler Forscher seit der Finanzkrisen-Rezession 2009 den Beginn eines ununterbrochenen Aufschwungs im Jahr 2010 sehen, ist aus dem Blickwinkel des DIW erst das Jahr 2014 der eigentliche Beginn des aktuellen Aufschwungs, weil die Euro-Krisenjahre 2012 und 2013 mit 0,6 Prozent und 0,7 Prozent äußerst wachstumsschwache Jahre waren.

Die wichtigsten Handelspartner Deutschlands

Die Trump-Verunsicherung

US-Präsident Donald Trump hat den Freihandel in Frage gestellt. Die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft macht sich zunehmend Sorgen.

Der wichtigste Handelspartner

Tatsächlich sind die USA unter den Einzelstaaten der wichtigste Handelspartner. 2015 wurden nach endgültigen Ergebnissen Waren im Wert von rund 174 Milliarden Euro zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten gehandelt (Exporte und Importe). Insgesamt gingen knapp 10 Prozent der deutschen Exporte in die USA. Von dort kamen 7 Prozent der deutschen Importe.

Die Nachbarstaaten

Lange Zeit war Frankreich für Deutschland das wichtigste Land bei der Ein- und Ausfuhr von Waren. 2014 wurde Frankreich jedoch von den USA überholt. Dazu trugen der schwächere Euro, aber auch das vergleichsweise stärkere Wirtschaftswachstum in den USA bei. Drittwichtigster Handelspartner für Deutschland sind die Niederlande, die mit ihren Häfen ein wichtiger Umschlagplatz für den Welthandel sind.

Die Euro-Zone

Als Staatenverbund ist die EU der größte Handelspartner Deutschlands. Von den deutschen Exporten gehen 58 Prozent in die übrigen Länder der EU. In die Länder der Euro-Zone gehen 36 Prozent der Ausfuhren.

Der Kontinent Nr. eins

Wichtigster Kontinent außerhalb Europas für den Handel ist Asien, noch vor Amerika. Allein nach China gehen rund sechs Prozent der Exporte. Insgesamt belegt China als Handelspartner den vierten Platz. Bei den Importen liegt das Land für Deutschland sogar auf Platz eins. Fast zehn Prozent der Einfuhren kommen von dort.

Die Mini-Partner

Nach Afrika gehen lediglich zwei Prozent der deutschen Exporte und nach Australien und Ozeanien weniger als ein Prozent.

Quelle: dpa / alle Werte für 2015

Ein Aufschwung von gerade mal vier Jahren hat generell eine geringere Wahrscheinlichkeit, zu Ende zu gehen, als einer, der bereits im achten Jahr angekommen ist. Länger als acht Jahre dauerten in Deutschland mit zehn Jahren nur der Boom der 1980er Jahre und das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg, das mit einer leichten Delle 1966/67 von 1950 bis zur Ölpreiskrise 1973 dauerte.

Die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Rezession ist aktuell wohl eher gering. Denn die Einschätzung der aktuellen Lage beschreiben die Konjunkturexperten aller Institute als klassischen selbsttragenden Aufschwung, bei dem sowohl die Binnenkonjunktur als auch die Exporte wachsen, neue Arbeitsplätze entstehen, die Staatskassen sich füllen und die Löhne steigen. Und die politischen Großrisiken, vor denen Europa 2016 nach dem britischen Brexit-Referendum und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten zitterten, sind nach den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich deutlich gesunken: Die EU stabilisiert sich also – und damit auch ihr Binnenmarkt als Absatzmarkt für die deutsche Wirtschaft.

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