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08.10.2015

17:33 Uhr

Konjunkturprognosen

EZB-Chefvolkswirt warnt vor Pessimismus

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet verordnet der Eurozone ein Optimismus-Programm: Pessimistische Prognosen könnten das Wachstum hemmen, warnt der Belgier. Beim Anleihekaufprogramm zeigt er sich jedoch selbst als Pessimist.

Der erste belgische Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank warnt vor schlechten Erwartungen. dpa

Chefvolkswirt der EZB

Der erste belgische Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank warnt vor schlechten Erwartungen.

MannheimEZB-Chefvolkswirt Peter Praet warnt vor um sich greifendem Konjunkturpessimismus in der Euro-Zone. Aus solch einer Erwartungshaltung sei nur schwer herauszukommen, sagte der oberste Ökonom der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag auf einer Konferenz in Mannheim laut Redetext. „Das hält eine stärkere Erholung zurück, da die Unsicherheit über die Zukunft zu schwachen Investitionen in der Gegenwart führen kann“, sagte Praet. Die EZB könne zwar mit ihrer Geldpolitik für eine Stabilisierung sorgen. Es seien aber weitere Strukturreformen nötig, um noch kräftigeres Wachstum im Währungsraum zu erreichen.

Viele Länder seien mit enttäuschten Konjunkturerwartungen konfrontiert – obgleich die wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum immer mehr Fuß fasse, sagte Praet. Für den gesamten Währungsraum hätten Experten seit 2001 ihre Prognosen für das Wachstum nach fünf Jahren kontinuierlich nach unten gesetzt. Sie lägen nun bei 1,4 Prozent nach 2,7 Prozent im Jahre 2001. Die EZB sorgt sich derzeit vor allem um die möglichen Auswirkungen einer deutlichen Abkühlung der Wirtschaft in den Schwellenländern, wie aus den Protokollen ihrer Ratssitzung von Anfang September hervorgeht.

Wegen der Konjunkturabschwächung in China hatte der Internationale Währungsfonds in seinem jüngsten Konjunkturausblick seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft gesenkt. Der IWF erwartet nun 2015 ein Plus von 3,1 Prozent – noch im Juli hatte der Fonds das globale Wachstum auf 3,3 Prozent veranschlagt. Wie Praet warnte auch Bundesbank-Chef Jens Weidmann am Donnerstag vor konjunktureller Schwarzmalerei. Die Verlangsamung der wirtschaftlichen Dynamik in China sei auch Ausdruck einer Normalisierung, sagte er der Zeitung „Die Welt“ laut Vorabbericht.

Sechs Monate Massenkauf von Staatsanleihen – Ist die EZB mit QE erfolgreich?

Kauf von Staatsanleihen

Die Notenpresse der Europäischen Zentralbank (EZB) läuft auf Hochtouren. Vor fast einem halben Jahr (9.3.) haben Europas Währungshüter im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche die Geldschleusen geöffnet. Seither kaufen sie Monat für Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere (Quantitative Easing). Erzielt das viele Geld die erhoffte Wirkung? (Quelle: dpa)

Warum hat die EZB QE gestartet?

Ziel der Notenbank sind stabile Preise. Darunter verstehen die Währungshüter eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent. Von diesem Wert ist der Euroraum allerdings seit Monaten weit entfernt. Zu Jahresbeginn sanken die Verbraucherpreise sogar. Deshalb befürchteten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Mit dem Kauf von Vermögenswerten stemmt sich die EZB dagegen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmen könnte. EZB-Vize-Präsident Vítor Constâncio ist überzeugt: „Die volle Umsetzung unserer Wertpapierkäufe wird die Inflation wieder auf ein Niveau zurückführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für den Leitzins, das wichtigste Instrument der Geldpolitiker: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm Unternehmen und Verbrauchern hilft, leichter Kredite zu bekommen. Das soll die Investitionstätigkeit steigern, Jobs schaffen und das Wirtschaftswachstum stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Wie viel Geld hat die EZB dafür bereits ausgegeben?

Bisher liegt das Volumen der gekauften öffentlichen Papiere bei knapp 290 Milliarden Euro. Zudem kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS).

Hat sich die Kreditvergabe verbessert?

Ja. Im Juli stieg die Kreditvergabe an den privaten Sektor um 1,4 Prozent, nachdem sie im Vormonat um 0,9 Prozent gewachsen war. Damit zeichnet sich ab, dass die lange Phase mit sinkender Kreditvergabe vorbei sein dürfte. Aus Sicht von BayernLB-Experte Johannes Mayr wächst die Hoffnung, dass der Kreditimpuls die Konjunktur künftig etwas stärker beflügeln wird.

Wirkt sich das bereits auf die Inflation aus?

Nein, jedenfalls nicht spürbar. Im August verharrte die jährliche Inflationsrate bei 0,2 Prozent – vor allem, weil die Energiepreise wieder kräftig gefallen sind. Erst kürzlich hatte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet eingeräumt, dass das Risiko gestiegen sei, das Inflationsziel noch länger als vermutet zu verfehlen. Praet betonte aber, dass die EZB nachlegen könnte: „Es sollte keine Zweifel geben bezüglich des Willens und der Fähigkeit des EZB-Rates zu handeln, falls es nötig wird.“ Das Anleihenkaufprogramm weise sowohl beim Volumen als auch bei der Dauer genug Spielraum auf.

Was sagen Experten?

Angesichts des Ölpreisverfalls schließen Ökonomen in den kommenden Monaten sinkende Verbraucherpreise nicht aus. Die Allianz hält fest: „Obwohl die EZB bereits seit März dieses Jahres jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere [...] mit dem erklärten Ziel kauft, so das Risiko einer Deflation abzuwenden, ist die Inflationsrate in den letzten sechs Monaten kaum gestiegen und notiert weiterhin nahe Null.“ Die Teuerung zeige sich unbeeindruckt von den geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen der EZB. Trotzdem sei eine Ausweitung des Kaufprogramms nicht ratsam: „Die Verabreichung einer höheren Dosis der falschen Medizin dürfte kaum die Erfolgsaussichten der EZB-Strategie verbessern.“

Hat QE die Konjunktur befeuert?

Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. „Die Frühindikatoren signalisieren, dass das Expansionstempo auch im Sommer – trotz der zwischenzeitlichen Eskalation in Griechenland und der Sorgen um die chinesische Wirtschaft – in dieser Größenordnung liegt“, betonte Mayr. Ein Wachstumstreiber hat zuletzt aber an Zugkraft verloren, wie Commerzbank-Experte Michael Schubert betont: „Die Anleihenkäufe haben den Euro-Außenwert nicht wie von der EZB erhofft gedämpft.“ Seit April hat der Euro spürbar aufgewertet – das verteuert Exporte in Märkte wie China oder die USA. Anna Stupnytska von Fidelity Worldwide Investment warnt, dass könne der Erholung im Export das Wasser abgraben.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Doch die EZB wird die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das Programm läuft. Die Zeiten bleiben also hart für Sparer. Aktionäre profitieren hingegen tendenziell von der Geldschwemme – auch wenn die jüngsten Börsen-Turbulenzen im Zusammenhang mit der China-Flaute die Kurse gedrückt haben. Auch Hausbesitzer können sich freuen, weil ihre Immobilien zuletzt an Wert gewonnen haben. Experten warnen allerdings vor Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten.

EZB-Chefvolkswirt Praet rechtfertigte zudem das über eine Billion Euro schwere Anleihenkaufprogramm der EZB, mit dem die Konjunktur gestützt und die Inflation nach oben getrieben werden soll. Dies sei als „notwendige Reaktion“ auf ein schwaches und zersplittertes Wirtschaftsumfeld zu verstehen. Zwar gelte für die EZB, die Nachfrage solange zu unterstützen wie notwendig. Damit werde aber nur Zeit gekauft. Praet forderte die Politik auf, mit weiteren Strukturreformen dafür zu sorgen, dass vor allem die Produktivität im Euro-Raum steigt. „Denn das ist das, was letztendlich das langfristige Wachstum antreibt,“ sagte er.

Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, die EZB könne möglicherweise ihr Anleihekauf-Programm ausweiten. Denn die Preise im Euro-Raum waren kürzlich sogar leicht gesunken und liegen damit meilenweit von der EZB-Zielmarke von knapp zwei Prozent entfernt. Führende deutsche Wirtschaftsinstitute raten der EZB aber von einer solchen Ausweitung der Geldspritzen ab. Nach ihrer Ansicht besteht dazu kein Anlass. Mit ihrem am Donnerstag veröffentlichten Gutachten liegen sie auf einer Linie mit Weidmann. Er glaube nicht, dass damit das Wachstum in Europa dauerhaft gestärkt würde, sagte der Bundesbank-Chef der „Welt“.

Von

rtr

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