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03.10.2011

04:28 Uhr

Konjunktursorgen

Japan fürchtet Firmenexodus durch Yen-Höhenflug

VonJan Keuchel

Der neue Tankan-Bericht zeigt eine verbesserte Stimmung unter den Konzernen. Aber noch sind die Alarmsignale nicht ausgeschaltet. Eine besondere Rolle spielt dabei die Währungspolitik der japanischen Regierung.

Arbeiter beladen ein Containerschiff im Hafen von Tokio. Reuters

Arbeiter beladen ein Containerschiff im Hafen von Tokio.

TokioVor wenigen Wochen noch war Jun Azumi ein unbekannter Politiker und Hinterbänkler. Mittlerweile ist er fast täglich in den Medien zu finden. Der Name des neuen japanischen Finanzministers wird nicht nur in Zusammenhang mit geplanten Steuererhöhungen und Extra-Haushalten zur Bekämpfung der Natur- und Atomkatastrophe genannt. Azumi fällt vor allem auch durch seine Aktivitäten zur Abschwächung des Yen-Höhenfluges auf.

Das wichtigste Konjunkturbarometer des Landes, der so genannte Tankan-Bericht, der gestern veröffentlicht wurde, zeigt, dass Azumi noch viel zu tun hat. Die Stimmung in der Wirtschaft ist wieder optimistisch. Aber sie ist – nicht zuletzt wegen des Yen-Problems - noch weit entfernt von früheren Werten.

Wie aus dem vierteljährlichen Bericht hervor geht, stieg der Index auf den Wert zwei von minus neun im Juni und zeigt damit wieder eine positive Stimmung an, wie die japanische Notenbank in Tokio mitteilte. Ein Plus-Wert bedeutet, dass die Optimisten in Japans Konzernen die Pessimisten überwiegen. Jedoch liegt die Zahl noch immer recht deutlich unter dem Wert von 6 vor dem großen Erdbeben vom 11. März.

Das liegt insbesondere auch daran, dass die exportorientierte japanische Wirtschaft extrem unter der anhaltenden Stärke der heimischen Währung gegenüber Dollar und Euro leidet. Am Wochenende meldete die Wirtschaftszeitung „Nikkei“, dass nun auch der Elektrogigant Panasonic Konsequenzen zieht und die Produktion der zukunftsträchtigen Lithium-Ion-Batterien teilweise von Japan nach China verlegt. Der Exodus japanischer Firmen ins Ausland hält damit unvermindert an.

Am Freitag hatte Finanzminister Azumi deshalb die Welt wissen lassen, dass Japan seine Waffen gegen die exportschädliche Yen-Stärke weiter schärfen wird. Das Land werde seinen Fonds für Währungsinterventionen aufstocken und Händlern an den Devisenmärkten noch länger verstärkt auf die Finger schauen, kündigte der Finanzminister an. Der Fonds für Währungsinterventionen solle um 15 Billionen Yen (140 Milliarden Euro) aufgestockt werden auf die Rekordsumme von 165 Billionen Yen.

Zudem werde eine Auflage bis Dezember verlängert, wonach Banken und Handelshäuser mehr Daten über ihre Devisen-Positionen bereitstellen müssen. Das soll Spekulationen auf einen Anstieg des Yen verhindern. Denn die Yen-Stärke wird vor allem darauf zurückgeführt, dass Anleger wegen der Finanzkrisen in den USA und Europa in die vermeintlich sichere Währung Yen flüchten.

Japan Regierung steht damit unter immensem Druck. Die heimischen Unternehmen gehen zunehmend fremd. Panasonic will nach dem undementierten Zeitungsbericht die Hälfte seiner acht Fabriken für Lithium-Ion-Batterien zum Ende des nächsten Geschäftsjahres in Japan schließen und das Herstellungsvolumen zu 50 Prozent nach China verlagern. Gerade diese Batterien gelten als wichtigstes Geschäft des Konzerns, der nach dem Plan von Boss Fumio Ohtsubo bis 2018 in das weltweit führende „grüne Unternehmen“ umgebaut werden soll.

Gerade dann jedoch ist eine Konkurrenzfähigkeit auf den Auslandsmärkten unerlässlich. Auch Konkurrent Sony klagt daher lauthals über die Entwicklung des Yen. Sie habe „große Auswirkungen auf unsere Einnahmen“, sagt Hiroshi Kurihara, Leiter der Finanzabteilung. Und man könne derzeit nichts dagegen tun.
Die Autohersteller, ob Toyota, Honda, Suzuki oder Nissan, lassen hingegen längst im Ausland fertigen, vor allem in Südostasien. Nissan ist mittlerweile der größte Importeur von im Ausland gefertigten Autos nach Japan.

Branchenbeobachter allerdings betonen, dass es nicht allein die Situation des Yen ist, die zu den vermehrten Abwanderungen führt. „Viele Unternehmen haben das schon lange vor“, sagt ein Kenner der japanischen Wirtschaft. „Der Yen ist jetzt der ideale Vorwand.“

Dessen Entwicklung ist gleichwohl dramatisch. Der Yen überschritt gestern zwar die Marke von 77 Yen zum Dollar. Er liegt jedoch weiter deutlich unter dem Kurs von 82,59, den Japans Exporteure im Durchschnitt in ihren Gewinnvorhersagen festgelegt haben - und das, obwohl Japans Regierung in den letzten Monaten bereits mehrfach in den Devisenmarkt eingegriffen hat. Die Waren der japanischen Konzerne sind damit auf den Auslandsmärkten weiter deutlich teurer als die Produkte der Konkurrenz.

Die kommt mit Hyundai, Samsung oder LG derzeit vor allem aus Südkorea, weshalb die japanische Wirtschaft umso intensiver auf den Beitritt zum Freihandelsbündnissen unter anderem mit den USA und der EU drängt. Denn ähnliche Vereinbarungen haben die Südkoreaner bereits abschließen können. Am gestrigen Montag traf eine Delegation des Europaparlaments in Tokio ein, um auch dieses Thema zu besprechen. Vorhergehende Verhandlungen waren jedoch bislang erfolglos geblieben.

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