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03.12.2013

13:39 Uhr

Lebensmittelpreise

Nahrungsmittel als Treiber der Inflation

Die Nahrungsmittelpreise in Deutschland sind stark gestiegen. Der Grund dafür: Ernteausfälle und eine weltweit höhere Nachfrage. Im Jahr 2014 dürften die Preise so stark zulegen wie die Lebenshaltungskosten.

Der Bauernverband rechnet damit, dass die Nahrungsmittelpreise im kommenden Jahr um zwei Prozent steigen werden. dpa

Der Bauernverband rechnet damit, dass die Nahrungsmittelpreise im kommenden Jahr um zwei Prozent steigen werden.

BerlinErnteausfälle und eine weltweit höhere Nachfrage haben die Nahrungsmittelpreise in Deutschland in den vergangenen beiden Jahren stark steigen lassen. Sie legten von Oktober 2012 bis Oktober 2014 um durchschnittlich 7,6 Prozent zu, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Die Verbraucherpreise insgesamt kletterten dagegen nur um 3,3 Prozent. Vor allem für Obst (+13,1 Prozent), Gemüse (+10,5) sowie Fleisch und Fleischwaren (+9,0) mussten die Verbraucher deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Der Deutsche Bauernverband erklärt das zum einen mit Ernteausfällen. „So war es in diesem Jahr erst zu kalt und zu nass, dann zu trocken“, sagte Sprecher Michael Lohse. „Das hat Kartoffeln und Obst spürbar verteuert.“ Gleichzeitig sei aber auch die Nachfrage in bevölkerungsreichen Ländern wie Russland oder in Asien gestiegen, wo eine wachsende Mittelschicht den westlichen Lebensstil nachahme und ähnliche Produkte konsumiere. „Das treibt die Weltmarktpreise etwa für Fleisch, aber auch für Zucker und Getreide nach oben“, sagte Lohse.

Deutschlands Exportüberschüsse

Seit wann erzielt Deutschland Exportüberschüsse?

Seit 1952. Nur in den ersten Nachkriegsjahren wurde mehr importiert als exportiert. 1950 gab es ein Handelsdefizit von umgerechnet 1,54 Milliarden Euro, das aber schon 1951 auf 76 Millionen Euro schrumpfte. Seither gibt es Überschüsse.

Mit welchen Ländern erzielt Deutschland Überschüsse?

Mit den meisten. Den größten Überschuss erzielt Deutschland im Handel mit Frankreich. Dorthin wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 39,7 Milliarden Euro mehr exportiert als von dort eingeführt. Auf Rang zwei folgen die USA mit (36,3 Milliarden Euro) und Großbritannien (28,6 Milliarden Euro). Das größte Defizit macht Deutschland im Handel mit dem ölreichen Norwegen (-17,7 Milliarden Euro), gefolgt von den Niederlanden (-15,6 Milliarden) und China (-10,7 Milliarden.)

Wie hoch ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss?

In den ersten acht Monaten 2013 wurden Waren im Wert von 726 Milliarden Euro ausgeführt, aber nur im Wert von 599 Milliarden Euro importiert. Das ergibt einen Exportüberschuss von 127 Milliarden Euro. In die Leistungsbilanz fließen zudem der Austausch von Dienstleistungen mit dem Ausland ein, aber beispielsweise auch Entwicklungshilfe und Vermögenseinkommen. Von Januar bis August summierte sich der Leitungsbilanzüberschuss damit auf rund 115 Milliarden Euro.

Welche Länder haben einen höheren Exportüberschuss?

Derzeit kein anderes, nicht einmal Exportweltmeister China. 2012 lag der deutsche Überschuss mit umgerechnet 238 Milliarden US-Dollar sowohl über dem von China (193 Mrd) als auch dem des ölreichen Saudi-Arabien (165 Mrd). Mit der Erholung der Weltkonjunktur dürfte sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in diesem Jahr auf die 200-Milliarden-Euro-Marke zubewegen, prognostiziert das Münchner Ifo-Institut. Das wäre ein Rekord.

Warum werden die Überschüsse kritisiert?

Die USA, aber auch der Internationale Währungsfonds zählen sie zu den großen Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft, die für die globale Finanz- und die Schuldenkrise in Europa mitverantwortlich sind. Denn Ländern mit Exportüberschüssen stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Die EU-Kommission stuft einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Mahnverfahren, an dessen Ende ein Bußgeld stehen könnte. Im ersten Halbjahr lag der deutsche Überschuss bei 7,2 Prozent.

Was kann dagegen getan werden?

Der IWF und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern seit längerem von Deutschland, mehr für die Binnennachfrage zu tun, um die Unwucht zu beheben. Höhere Importe schmelzen nicht nur den deutschen Überschuss, sondern erhöhen die Exporte anderer Länder – die damit ihre Defizite verringern können. Ein Schlüssel dazu können stärkere Lohnerhöhungen sein. „Das stimuliert die Binnennachfrage, wodurch mehr importiert und der Außenhandel wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht wird“, sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn. Steigen die Löhne hierzulande, werden deutsche Produkte teurer – womit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit etwa der Euro-Länder steigen würde und dort den Export ankurbeln könnte.

Was sagt die Wirtschaft?

Sie argumentiert ganz anders. Der deutsche Erfolg helfe den Krisenländern. Ihr Argument: Deutsche Exporte bestehen zu rund 40 Prozent aus zuvor importieren Vorprodukten, sagt etwa der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Somit profitiere auch das Ausland. Zudem steigen die deutschen Importe wegen des anziehenden Konsums bereits: Die führenden Wirtschaftsinstitute erwarten sowohl für dieses als auch das kommende Jahr ein höheres Importtempo.

Wird Deutschland immer Überschüsse erzielen?

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bezweifelt das. Ab 2028 erwartet es keine Exportüberschüsse mehr in Deutschland. Wenige Jahre später sollen Leistungsbilanzdefizite folgen. „Die Ursache dieser Entwicklung ist der demografische Wandel, die Schrumpfung und Alterung der deutschen Bevölkerung“, heißt es in der Studie. Weil es in wenigen Jahren schon weniger Erwerbstätige geben werde, könne auch weniger exportiert werden. Gleichzeitig müsse der Konsum der Älteren durch höhere Importe gedeckt werden.

Der Bauernverband geht davon aus, dass die Nahrungsmittelpreise im kommenden Jahr um rund zwei Prozent und damit etwa genauso stark steigen werden wie die Lebenshaltungskosten. „Die Zeiten sehr niedriger Lebensmittelpreise sind vorbei“, sagte Lohse. Allerdings würden die Deutschen nicht einmal zwölf Prozent ihrer Haushaltsausgaben in Lebensmittel stecken. Das sei im internationalen Vergleich sehr wenig. Ein Grund dafür sei neben steigenden Einkommen die große Konkurrenz im Einzelhandel, wo zahlreiche Discounter um Marktanteile und Kunden ringen.

Von

rtr

Kommentare (4)

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Kritiker

03.12.2013, 13:53 Uhr

Das ist eben nur die halbe Wahrheit, der exzessive Anbau der Biomasse in Deutschland ist die andere Hälfte.
Die sogenannte Energiewende schlägt sich nicht nur in stark ansteigenden Strompreisen nieder.

Account gelöscht!

03.12.2013, 13:55 Uhr

Das ist die entscheidende Inflation. Zu Mampfen kaufe ich jeden Tag. Einen Notebook, etc., der den Warenkorb füllt, ist nicht so oft dabei.
Dazu noch das Stichwort hedonische Inflation. Dann ist alles klar!

Account gelöscht!

03.12.2013, 15:27 Uhr

DIE GROSSE "ERNTEAUSFALLÜGE": Zugegeben, es gab gewisse Ernteausfälle, witterungsbedingt. Jedoch: Diese waren wesentlich kleiner als uns hier die Bauern-Lobby weismachen will! DIE WAHRHEIT IST: Die Deutschen Verbraucher werden perfide abgezockt, durch künstliche Verknappung auf den Heimatmarkt Deutschland. D.h. das Zeug wird nach Übersee bzw. um den ganzen Erdball gekarrt, weil dort "mehr Kohle" zu holen ist. Deutsche Äpfel, Gemüse, Milch sind in China der Renner! Und wir schauen in die Röhre und zahlen uns dumm und dämlich.

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