Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.04.2015

09:16 Uhr

Leistungsbilanz

USA meckern über deutsche Exportstärke

Die deutsche Exportstärke steht wieder zur Debatte: Nach dem erneuten Exportrekord im vergangenen Jahr wird die Kritik der USA immer stärker. Amerika fordert stattdessen eine Stärkung der Binnennachfrage.

Container werden am Hafen in Hamburg verladen. Die USA kritisiert die hohen deutschen Exportzahlen und fordert stattdessen eine erhebliche Stärkung der Binnennachfrage. dpa

Deutsche Exportstärke

Container werden am Hafen in Hamburg verladen. Die USA kritisiert die hohen deutschen Exportzahlen und fordert stattdessen eine erhebliche Stärkung der Binnennachfrage.

WashingtonDen USA ist Deutschlands Exportlastigkeit offenbar weiterhin ein Dorn im Auge. In einem Bericht des Finanzministeriums für den Kongress warnt die US-Regierung die Europäer und damit auch Deutschland davor, sich zu stark auf den schwachen Eurokurs und die Ausfuhren zu verlassen. „Unbedingt notwendig“ wäre eine stärkere Nachfrageentwicklung in Deutschland – der größte europäischen Volkswirtschaft.

Damit drängt die Regierung Deutschland zu einer expansiveren Ausgabenpolitik. In dem Bericht kommt auch eine Besorgnis über jüngste Entwicklungen an den Devisenmärkten zum Ausdruck. Dort gewann der Dollar gegenüber maßgeblichen Währungen wie dem Euro deutlich an Stärke, was die US-Exporte bremst.

Wo die deutschen Exporteure 2015 wachsen – und wo nicht

Rekordjahr 2014

Die deutschen Exporteure haben 2014 ungeachtet der zahlreichen internationalen Krisen einen Umsatzrekord geschafft. Sie nahmen im Ausland 1133,6 Milliarden Euro ein und damit 3,7 Prozent mehr als 2013. In diesem Jahr soll es sogar um fünf Prozent nach oben gehen, sagt der Branchenverband BGA voraus. Es folgt ein Überblick über die boomenden und schrumpfenden Märkte.

USA

Keiner anderen großen Industrienation wird in diesem Jahr ein stärkeres Wirtschaftswachstum zugetraut. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet ein Plus von 3,6 Prozent – nach 2,4 Prozent im vergangenen Jahr. Die steigende Beschäftigung und die Entlastung der konsumfreudigen Verbraucher durch sinkende Energiepreise dürften die weltgrößte Volkswirtschaft ankurbeln. Beflügelt werden dürften die Geschäfte der deutschen Unternehmen zusätzlich vom schwachen Euro, wodurch sie ihre Produkte in den USA entweder billiger anbieten und so der Konkurrenz Marktanteile abjagen oder ihre Gewinnmarge steigern können.

China

Auch wenn die Zeiten eines Wachstums im zweistelligen Prozentbereich vorbei sind, so bleibt die Volksrepublik doch ein lohnender Markt für die deutschen Unternehmen. „Ein wichtiger Schlüssel zu profitablem Wachstum liegt für uns in China“, sagt etwa Daimler-Chef Dieter Zetsche. Seit Jahren ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wichtigster Absatzmarkt für die Autobauer und viele andere Branchen. Das Jahr begann verheißungsvoll: Mercedes Benz etwa steigerte seinen China-Absatz im Januar um 14,5 Prozent.

Euro-Zone

Das Geschäft auf dem wichtigsten Absatzmarkt entwickelt sich wegen der Schuldenkrise seit Jahren schleppend. Allerdings geht es in einigen Ländern wie Spanien und Portugal wieder aufwärts, was sich auch in der Exportstatistik niederschlägt: Die deutschen Ausfuhren in diese beiden Länder stiegen im vergangenen Jahr um jeweils rund zehn Prozent. Um immerhin 1,3 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt in der Euro-Zone im laufenden Jahr wachsen, 2014 waren es nur 0,8 Prozent.

Russland

Die Wirtschaft rechnet mit milliardenschweren Einbußen. Die Exporte dürften um fast 15 Prozent oder knapp vier Milliarden Euro einbrechen, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). „Davon werden insbesondere Spitzenexportbranchen wie die Automobilindustrie oder der Maschinenbau betroffen sein“, sagt DIHK-Experte Volker Treier. Bereits 2014 waren die Ausfuhren um rund ein Fünftel gefallen. Ein Grund ist der Kursverfall des Rubel. „Damit gehen enorme Kaufkraftverluste russischer Abnehmer einher“, sagt Treier. „Zudem entfaltet sich die Wirkung der dritten Sanktionsstufe der EU gegen Russland erst in diesem Jahr voll.“ Bislang habe der Warenaustausch zu einem großen Teil noch auf Verträgen basiert, die vor Verhängung dieser Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise geschlossen worden seien.

Opec

Der sinkende Ölpreis drückt die Exporte in die zwölf Opec-Staaten. Im November etwa brachen die Ausfuhren in die Länder des Ölkartells um mehr als sieben Prozent ein. „Der Verfall der Ölpreise drückt unsere Exporte in viele rohstoffreiche Länder“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Treier. Angesichts fehlender Milliarden aus dem Ölgeschäft schieben viele Förderstaaten Investitionen auf, auch Unternehmen zögern. „Wir erwarten allenfalls ein schwaches Exportwachstum knapp über der Nulllinie in die Region Mittlerer und Naher Osten plus Nordafrika“, so Treier. Bislang hatte der DIHK mit einem Plus im zweistelligen Prozentbereich gerechnet.

Südamerika

Die lange Zeit boomende Region steckt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. In vielen Ländern wie Argentinien und Venezuela dürfte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr schrumpfen, in Brasilien gerade einmal um 0,5 Prozent wachsen, sagen von Reuters befragte Ökonomen voraus. Grund dafür sind sinkende Rohstoffpreise, aber auch eine wachsende Staatsverschuldung. „Es gibt mehr Risiken als Chancen“, sagt etwa der Chefvolkswirt der Banco Brasil Plural, Mario Mesquita.

Mit seinem am Donnerstag vorgelegten Bericht gibt das US-Finanzministerium einen Hinweis für die Positionen, die es bei dem Frühjahrestreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in der nächsten Woche in Washington vertreten wird. Es würdigte den Beitrag, den die Europäischen Zentralbank (EZB) mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik zur Stützung der Wirtschaft im Euro-Raum geleistet hat – die aber andererseits auch den Eurokurs sinken ließ.

„Eine Ergänzung dieser geldpolitischen Maßnahmen mit unterstützenden nationalen finanzpolitischen Schritten und angemessenen Strukturreformen würde das Risiko vermeiden, dass das Wachstum zu sehr vom externen Sektor abhängt“, heißt es in dem Bericht. Direkte Kritik an Deutschland wird aber nicht geäußert.

Ex-Chef der US-Notenbank: Ben Bernanke knöpft sich Deutschland vor

Ex-Chef der US-Notenbank

Ben Bernanke knöpft sich Deutschland vor

Der Exportüberschuss der Bundesrepublik ist dem Ex-US-Notenbankchef ein Dorn im Auge.

Deutschland hat – unterstützt durch den schwachen Euro – im vergangenen Jahr einen neuen Exportrekord erzielt und damit auch seinen Überschuss im Handel weiter gesteigert. Diese Exportstärke ist seit langem im Zentrum eines Streits zwischen mit den USA, die Deutschland immer wieder vorwirft, zu wenig für die Stärkung der Binnennachfrage zu tun. Die Bundesregierung dagegen verweist auf ihre verstärkten Investitionspläne.

Auch China nimmt das US-Finanzministerium in seinem Bericht ins Visier. Dessen Währung sei „signifikant unterbewertet“, heißt es dort. Allerdings scheint China aktuell weniger aktiv am Devisenmarkt einzugreifen als früher. Südkorea wurde ermahnt, seine Devisenmarktinterventionen zu vermindern.

Von

rtr

Kommentare (34)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Paul Rimmele

10.04.2015, 09:54 Uhr

Die US-Americaner sollen ihre Hausaufgaben machen.
Totat überschuldet, Infrastruktur kaputt, wenig wettbewerbsfähig, mit überdimensionalen
Rüstungskosten usw.
Kehrt vor eurer eigenen Haustür und beachtet die Menschenrechte!

Herr Franz Paul

10.04.2015, 10:00 Uhr

Danke, Paul Rimmele! Ganz meine Meinung.
Und aus aktuellem Anlass: Eurer eigenen Polizei solltet ihr mal mehr auf die Finger klopfen, ihr Weltpolizisten.

Herr Werner Wilhelm

10.04.2015, 10:20 Uhr

Reuters mal wieder. Die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands haben nichts mit Stärke zu tun, sondern ist die Folge des Zusammengehens mit Ländern die industriell nicht mithalten können und so schon enorme strukturelle Probleme haben. Lässt man dann die Löhne nicht mit der vereinbarten Zielinflationsrate steigen, schafft man sich so wissentlich einen unfairen Wettbewerbsvorteil.

Es geht auch überhaupt nicht um die Höhe der Export, die können ruhig weiter zunehmen, sondern um die Export_über_schüsse. Das scheint nicht in die Birnen reinzugehen.

Leistungsbilanzüberschüsse kann man nur machen, wenn die Handelspartner gleichzeitig ein entsprechendes Defizit haben. Man exportiert also Verschuldung und Arbeitslosigkeit. Kann ja sein, dass dies im Mittelalter sinnvoll war und dort Merkantilismus (= Schädige deinen Handelspartner) genannt wurde. In unserer heutigen Welt wird so etwas nicht mehr akzeptiert.

http://www.flassbeck-economics.de/g-20-in-brisbane-warum-ist-in-europa-falsch-was-auf-globaler-ebene-richtig-ist/

Im Übrigen kommen Leistungsbilanzüberschüsse in Kausalitätsablauf irgend wann letzten Endes als Verlustabschreibung wieder zurück. Das "Komische" an dieser Sache ist, dass dann nicht diejenigen belastet werden, die am meisten profitiert haben (die Exportindustrie) sondern die Mittelschicht.

Darüber sollten auch mal die Herren Paul und Rimmele nachdenken, anstatt eine der goldenen Regeln der unfairen Gesprächsführung zu bemühen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×