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13.08.2014

12:55 Uhr

Miese Konjunktur

Schlittert Deutschland in die Rezession?

VonJan Mallien

ExklusivDie Produktion in Deutschland entwickelt sich schwach, die Industrieaufträge sind gesunken und die Stimmung ist schlecht. Die Ukraine-Krise verunsichert deutsche Unternehmen und Verbraucher. Wie hoch sind die Risiken?

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DüsseldorfInnerhalb weniger Wochen haben sich die Aussichten für die deutsche Wirtschaft so verdüstert, dass manche Ökonomen schon das Wort Rezession in den Mund nehmen. „Eine Rezession kann zum derzeitigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, da die jüngsten Daten Anlass zur berechtigten Besorgnis geben“, sagt Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Beängstigend sei vor allem das hohe Tempo, mit dem sich die konjunkturelle Lage eingetrübt habe.

Am Dienstag gab es erneut ein Warnsignal: Der ZEW-Index über die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten sank so stark wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Der ZEW-Index gilt als guter Indikator für konjunkturelle Wendepunkte. Auch das Bundeswirtschaftsministerium stellt fest, dass sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft „insgesamt spürbar eingetrübt hat“. Damit teilt das Ministerium die Prognose etlicher Ökonomen. Im Juni waren die Industrieaufträge überraschend um 3,2 Prozent gesunken und damit so stark wie seit September 2011 nicht mehr. Auch die Produktion ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

Wenn es um die Ursache für den herben Konjunktur-Dämpfer geht, fällt als Erstes das Stichwort Ukraine. Aus Sicht von Gustav Horn ist die Krise dort aber nur ein Grund. Sie sei ein Element unter mehreren – wie zum Beispiel die Krise des Euro-Raums – die die Konjunktur gerade belasten würden. „Die Bündelung der Ereignisse ist schädlich, weniger das einzelne Vorkommnis“, sagt Horn.

Auf dem Papier sind die deutschen Exporte nach Russland für die deutsche Wirtschaft gar nicht so bedeutend. 2013 machten sie 3,3 Prozent der gesamten deutschen Exporte aus. Das entsprach einem Anteil von 1,3 Prozent an der deutschen Wirtschaftsleistung. Dies ist vergleichsweise wenig. Zudem könnten deutsche Exporteure vermutlich zumindest teilweise auf andere Absatzmärkte ausweichen.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer gibt außerdem zu bedenken, dass die deutschen Exporte nach Russland nicht erst seit Beginn der Sanktionen fallen, sondern bereits seit einem Jahr. Trotzdem sei die deutsche Wirtschaft bis zum ersten Quartal stärker gewachsen. Russland sei bisher nicht wichtig genug gewesen, um die gesamte deutsche Wirtschaft nach unten zu ziehen, auch wenn die Sanktionen einzelne Unternehmen empfindlich treffen könnten. „Wenn die von den Sanktionen betroffenen deutschen Exporte um ein Drittel einbrächen, würde dies das deutsche Bruttoinlandsprodukt allenfalls um 0,2 Prozentpunkte senken“, sagt Krämer.

Kommentare (31)

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Account gelöscht!

13.08.2014, 13:07 Uhr

Die schadhafte Energiepolitik von CO2 freien Industrieländern und der hoch zwangsabgaben subventionierten Merkel-Ethik Energiewende per marktfeindlichen EEG lässt Deutschland Stück für Stück an wirtschaftlichen Wachstum und damit an Innovation und Wohlstand einbüßen. Mit dem EEG sind wir auf dem besten Weg von einer freien Marktwirtschaft (Wohlstandschancen für ALLE) zu einen staatlichen diktieren Plansystem (DDR-Sozialismus für alle) ab zu wirtschaften.

Herr Dipl. Ing.

13.08.2014, 13:20 Uhr

Kurz gesagt: DDR 1.0 ist gescheitert!
Aktuell läuft die Version DDR 2.0, mit dem unter der BRD erwirtschaftetem sozialen Wohlstand als Startkapital.
Zwischenzeitlich ist das Startkapital verbraucht und wir leben auf Kosten unserer Enkel. Vielen Dank an unsere Politiker, die den in 40 Jahren aufgebauten sozialen Wohlstand aus persönlicher Profilierungssucht nach ganz Europa und in die ganze Welt verschenkt haben! Beispiele dafür gibt es mehr als genug um mehr als ein Buch damit zu füllen!

Herr Ylander Ylander

13.08.2014, 13:24 Uhr

Bisher stand die deutsche Wirtschaft trotz der Bundesregierung noch gut da. Doch irgendwann kann eine noch so robuste Wirtschaft die diversen politischen Fehlmaßnahmen nicht mehr verkraften.

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