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04.11.2013

14:13 Uhr

Mindestlohn-Studie

Deutsche Bank sorgt sich um „Problemgruppen“

In einer Studie zum Mindestlohn warnt der Think Tank der Deutschen Bank vor Arbeitsplatzverlusten. Vor allem „Problemgruppen“ könnten Schwierigkeiten bei der Jobsuche bekommen, glauben die Experten.

Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt: Infolge eines Mindestlohns müssten die Löhne von rund sechs Millionen Beschäftigten angehoben werden, sagen die Experten der Volkswirtschaftlichen Abteilung des Geldhauses. Reuters

Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt: Infolge eines Mindestlohns müssten die Löhne von rund sechs Millionen Beschäftigten angehoben werden, sagen die Experten der Volkswirtschaftlichen Abteilung des Geldhauses.

DüsseldorfDie Volkswirtschaftliche Abteilung der Deutschen Bank warnt in einer aktuellen Studie vor einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. „Ein solcher Mindestlohn wird nach unseren Schätzungen zwischen 450.000 und einer Million Arbeitsplätze kosten,“ schreiben die Experten von Deutsche Bank Research in einer aktuellen Studie mit dem Titel „Mindestlohn von 8,50 Euro: Eine falsche Weichenstellung.“

Nach Berechnungen der Autoren Barbara Böttcher, Gilles Moec und Stefan Schneider müssten infolge eines Mindestlohns die Löhne von rund sechs Millionen Beschäftigten angehoben werden. Die Ökonomen gehen jedoch davon aus, dass sich der Mindestlohn nicht nur bei Beschäftigten auswirkt, deren Löhne derzeit unter der Marke von 8,50 Euro liegen. Ein jährliches Hochsetzen des Mindestlohns könne auch die Tarifverhandlungen insgesamt beeinflussen und so die Löhne in einem breiten Spektrum hochtreiben, argumentieren sie.

Die unterschiedlichen Mindestlöhne in Deutschland

Pflegebranche

Knapp 800.000 Pflegekräfte erhalten seit dem 1. August 2011 einen gesetzlichen Mindestlohn. Pflegehilfskräfte in der Alten- und ambulanten Krankenpflege bekommen im Osten 7,75 Euro und im Westen 8,75 Euro.

Wach- und Sicherheitsgewerbe

Für die 170.000 Beschäftigten der Branche beträgt der Mindestlohn in allen Regionen Deutschlands seit Anfang 2013 mindestens 7,50 Euro. Für einzelne Regionen im Osten bedeutete dies eine Lohnerhöhung um bis zu 60 Prozent. Die Verordnung ist bis 31. Dezember 2013 befristet.

Abfallwirtschaft

Ob Straßenreiniger, Sortierkraft, oder Müllwerker: Für 160.000 Beschäftigte der Abfallwirtschaft gilt seit Februar ein Mindestlohn von bundeseinheitlich 8,68 Euro.

Bergbau- und Spezialdienste

Für die etwa 2500 Beschäftigten gilt seit Oktober 2009 ein Mindeststundenlohn. Seit 1. November 2011 werden 11,53 Euro für einfache Tätigkeiten gezahlt, Facharbeiter erhalten 12,81 Euro.

Maler- und Lackierer

Für ungelernte Arbeitnehmer der Branche mit etwa 100.000 Beschäftigten gilt eine Lohnuntergrenze von 9,75 Euro, Gesellen verdienen 12,00 Euro pro Stunde.

Industrielle Großwäschereien

Die etwa 35.000 Beschäftigten erhalten seit April 2012 mindestens 8,00 Euro im Westen und 7,00 Euro im Osten.

Gebäudereiniger

Der Mindestlohn für die rund 700.000 Beschäftigten wurde angehoben. In der Innenreinigung werden seit 2012 nun mindestens 8,82 Euro im Westen (7,00 Euro im Osten) gezahlt, während Fassadenreiniger 11,33 Euro (8,88 Euro) erhalten.

Dachdecker

Die etwa 84.000 Arbeitnehmer bekommen seit Jahresanfang bundeseinheitlich einen Mindestlohn von 11,20 Euro.

Bauhauptgewerbe

Für die etwa 414.500 Beschäftigten im Westen gilt seit dem 01. Juli ein Mindestlohn von 11,05 Euro für Werker und 13,40 Euro für Fachwerker. Die 127.600 Beschäftigten im Osten verdienen einheitlich mindestens 10,00 Euro.

Elektrohandwerk

Betroffen sind etwa 280.000 Arbeitnehmer, die ein Mindestentgelt von 9,90 Euro (8,85 Euro Ost) erhalten.

Gerüstbau

Für die rund 30.000 Gerüstbauer in Deutschland gibt es seit dem 01. August einen bundesweiten Mindestlohn. Erstmals wurde eine untere Lohngrenze von 9,50 Euro in Ost und West vereinbart.

Berufliche Weiterbildung

Auch rund 23.000 Angestellte, die als Lehrer, Sozialpädagogen oder Handwerksmeister Jugendliche aus- und Arbeitslose weiterbilden, bekommen einen Mindestlohn. Er liegt je nach Tätigkeit bei mindestens 12,60 Euro im Westen und bei 11,25 im Osten.

Briefdienstleistungen

In weiteren Branchen ist ein Mindestlohn rechtlich möglich, aber nicht in Kraft. Betroffen ist zum Beispiel die Branche Briefdienstleistungen: Für Briefzusteller war 2009 ein Mindestlohn von 9,80 Euro festgelegt worden. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Mindestlohn aber im Januar 2010 gekippt, da er rechtswidrig zustandegekommen sei.

Forstliche Dienstleister

Für diese Branche liegen Mindestlohntarifverträge vor, die noch nicht für allgemeinverbindlich erklärt wurden. Vereinbart sind 10,52 pro Stunde.

Steinmetze und Steinmaurer

Auch im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk gibt es Mindestlohntarifverträge. Vereinbart wurde ein Mindestlohn von 9,75 bis 11,00 Euro pro Stunde.

Abbruch- und Abwrackgewerbe

Hier galt bis Ende 2008 ein Mindestlohn von 9,10 Euro bis 11,96 Euro. Ausführliche Informationen zur Allgemeinverbindlichkeit und geltenden Mindestlöhnen bietet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Die Auswirkungen des Mindestlohns sind demnach unterschiedlich. Im Exportsektor wären die direkten Effekte eines Mindestlohns vermutlich überschaubar, da dort die Löhne in der Regel deutlich über dem Niveau von 8,50 Euro lägen. Dort machten sich vor allem indirekte Effekte bemerkbar, wie etwa steigende Kosten bei Zulieferern oder für den Zukauf heimischer Dienstleistungen.

Problematisch sei ein Mindestlohn vor allem mit Blick auf diejenigen, die ohnehin Schwierigkeiten bei der Jobsuche hätten. „Ein Mindestlohn würde vor allem die Beschäftigungsperspektiven von Problemgruppen trüben,“ schreiben die Autoren. Gemeint sind etwa Geringqualifizierte. In dieser Gruppe liegt die Arbeitslosenquote heute bereits bei rund 20 Prozent. Außerdem könnten wirtschaftlich abgehängte Regionen besondere Schwierigkeiten bekommen. „In strukturschwachen Regionen dürfte ein Mindestlohn von 8,50 Euro den Aufbau neuer Stellen stark behindern und auch zum Abbau bestehender Arbeitsplätze führen,“ heißt es.

Unterm Strich empfehlen die Ökonomen der Politik, lieber die Finger vom Mindestlohn zu lassen. Statt in die Tarifautonomie einzugreifen, sei es sinnvoller, wenn der Staat die Einkommensverteilung durch Steuern und Transferzahlungen korrigiere.

Derzeit verhandeln Union und SPD in den Koalitionsgesprächen über die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro. Die SPD hat ihn zur Voraussetzung für eine Koalition erklärt. Auch die Union ist nicht abgeneigt. CSU-Chef Horst Seehofer zeigte sich bereits kompromissbereit.

Von

jam

Kommentare (15)

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no_bebo

04.11.2013, 14:57 Uhr

Die Werkbank verlängert sich wieder in den Fernen Osten, oder vielleicht nach Südeuropa. Die Vorbehalte von Frau Merkel wegen der Schonung von Arbeitsplätzen sind nicht realistisch. Die SPD verrät ihre Agenda 2010 und schafft sich Wähler.

taxpart

04.11.2013, 15:00 Uhr

Ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro wird leicht zu umgehen sein, z.B. durch eine Arbeitszeitgestaltung, die zu unbezahlten "Überstunden" führt, d.h. 35 Arbeitsstunden pro Woche werden abgerechnet und bezahlt, 40 (wenn nicht noch mehr) Stunden werden tatsächlich geleistet - und schon sind wir bei unter 7,50 Euro. Die Arbeitgeber denken über Möglichkeiten zum Entgeltaubbau nach, Arbeitsplätze werden seit Jahren eh nur dort geschaffen oder erhalten, wo sich dies nicht vermeiden lässt.

INdieTASCHEluegen

04.11.2013, 15:03 Uhr

friseure die steuerfrei je nach laden bis zu 4stellige beträge,ich wohn ecke ku`damm,da sitzts locker,an trinkgeldern wegstecken,sind schlechte beispiele.

das chefgejammer liegt darin,daß die geizigen arbeitgeber ,die sichs selbst so gut wie nie gehn lassen,befürchten daß alle lohngruppen nach oben gehoben werden und ,daß die mitarbeiter , die um 8,50 verdienen ,sich nach wie vor äußerst gering bezahlt und geschätzt fühlen

die rolle der gewerkschaften bei der entstehung des prekären bereichs ist erbärmlich.die gewerkschaftsbosse huber,bsirske,sommer und co. stecken millionen aufsichtsratstantiemen weg und glotzen nur auf die eigenen kontoauszüge.

schöne pfeifen..

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