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29.07.2014

13:40 Uhr

Nach Sanktionen gegen Russland

Londoner City fürchtet Flucht der Oligarchen

Spötter haben London schon den Beinamen „Londongrad“ gegeben – so stark ist der Finanzplatz mit den Öl- und Gasmilliarden aus Russland verbandelt. Die Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise lassen die City zittern.

Der Finanzplatz in London: Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland bereiten der Stadt Sorgen – ziehen etwa die Oligarchen ihr Geld ab? dpa

Der Finanzplatz in London: Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland bereiten der Stadt Sorgen – ziehen etwa die Oligarchen ihr Geld ab?

LondonIn der „Quadratmeile“ geht die Angst um – wieder einmal. Seit 2008 die Finanzkrise mit voller Wucht zuschlug und ein Erdbeben durch die Bankentürme und Glaspaläste in der Londoner City schickte, folgt am wichtigsten Finanzplatz Europas eine Hiobsbotschaft der nächsten. Im Moment, so fürchten Skeptiker, könnten die EU-Sanktionen gegen Russland der City und damit dem wichtigsten Sektor der britischen Volkswirtschaft schaden. Das Geld der Oligarchen und staatlicher russischer Konzerne spielt in London eine große Rolle – auch wenn die reale britische Wirtschaft viel weniger mit Russland verflochten ist, als etwa Deutschland.

113 Firmen aus Russland und den GUS-Staaten sind an der Londoner Börse gelistet. Experten sehen schon seit Tagen Geldflüsse aus London in Richtung Osten. „Ich habe Leute gehört, die sagen, die City of London wird nicht die Schmerzen auszuhalten haben, aber das ist nicht wahr“, sagte Handelsstaatssekretär Ian Livingston der „Mail on Sunday“. „Die besten Sanktionen sind die, die diejenigen treffen, die man sanktionieren will“, fügte er orakelnd hinzu.

Der Ölkonzern BP, aufs Engste mit dem russischen Staatskonzern Rosneft verflochten, war am Dienstag der erste große Player, der sich offen gegen weitere Sanktionen gegen Russland aussprach. Sanktionen könnten „eine stark nachteilige Wirkung“ auf die Geschäftsbeziehungen mit Rosneft und die Finanzlage von BP haben, teilte das Unternehmen im Bericht über das zweite Quartal 2014 am Dienstag in London mit. Nach einem Aktientausch gehören BP rund 20 Prozent des staatlichen russischen Ölkonzerns, den die USA bereits mit Sanktionen belegt haben.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Großbritannien tut sich allgemein schwer mit den Russen. Premierminister David Cameron hat bisher – etwa in der Europapolitik – alles getan, um die Londoner City, den Motor der britischen Wirtschaft, zu schützen. In der Russland-Politik ist es für ihn eine Abwägungssache: Er darf der City nicht zu sehr schaden, um neun Monate vor der Parlamentswahl den noch fragilen Aufschwung nicht zu ersticken. Andererseits muss er sich außenpolitisch auch positionieren – Moskau gilt beim britischen Wahlvolk nicht gerade als Lieblingspartner.

Kommentare (1)

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Herr Thomas Behrends

29.07.2014, 14:04 Uhr

Worum geht´s hier eigentlich?

Jedes EU-Mitglied möchte gern seine Pfründe aus den Russland-Geschäften behalten; gleichzeitig tut jedes Mitgliedsland scheinheilig so, als wenn jetzt die große Sanktionskeule gegen geschwungen werden kann.

Das ist ein Irrglaube und viele Staaten wie Großbritannien und Deutschland werden mehr verlieren als gewinnen.

Gewinnen schon, aber nur an Erfahrung (dass man mit einem so großen Land wie Russland nicht so herumspringen kann, wie man lustig ist!).

Hat´s geschnackelt?

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