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30.11.2012

18:03 Uhr

Neues Forschungszentrum

Wie sich Marktwirtschaften verunsichern lassen

VonThomas Hanke

In Paris vereinen das Max-Planck-Gesellschaft und Sciences Po ihre Kräfte. Ergebnis ihrer Zusammenarbeit ist das neue Forschungszentrum "maxpo". Es erforscht Instabilitäten in marktwirtschaftlichen Gesellschaften.

Die Bankenrettung seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist ein Forschungsthema. dpa

Die Bankenrettung seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist ein Forschungsthema.

ParisGut drei Jahre Vorarbeiten waren nötig, jetzt ist es soweit: Diese Woche wurde "maxpo" eröffnet, das erste gemeinsame Forschungszentrum der Max-Planck-Gesellschaft (MPI) mit der französischen Forschungseinrichtung Sciences Po. Der offizielle Titel von maxpo lautet etwas sperrig "Center on Coping with Instability in Market Societies". Sciences Po-Direktor Hervé Crès witzelte bei der Eröffnungsfeier, "coping with ist ja ein ziemlich unscharfer Begriff, ich glaube wir müssen aufpassen, dass die Instabilität der Wirtschaft nicht auf die Gesellschaften und Staaten durchschlägt, die sich damit auseinandersetzen". Inhaltlich geht es darum, Wandel und Verunsicherung in marktwirtschaftlichen Gesellschaften zu erforschen, die von wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Veränderungen ausgehen.

Studierende können in dem Forschungszentrum einen binationalen Doktorgrad erwerben. Angeschoben haben das Projekt Peter Beckert und Wolfgang Streeck vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung auf deutscher sowie der im April verstorbene Sciences Po-Direktor Richard Descoings und sein Nachfolger Hervé Crès auf französischer Seite. Alle haben oft und lange im Ausland gearbeitet, sind im Denken und in der Arbeitsweise ähnlich gestrickt und waren beziehungsweise sind persönlich gut miteinander bekannt. Gerade im deutsch-französischen Verhältnis, wo meist sehr unterschiedlich nationale Strukturen aufeinander treffen, ist eine Vertrauensbeziehung der Verantwortlichen unverzichtbar.

Den Wandel kapitalistischer Gesellschaften, speziell der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen deutschen Sozialen Marktwirtschaft oder auch Deutschland AG erforschen Streeck und Beckert sowie ihr Vorgänger Fritz W. Scharpf seit Jahrzehnten. Sie haben das Kölner MPI zu einer international anerkannten Größe bei der Analyse moderner Industriegesellschaften gemacht. In der jüngeren Vergangenheit und bereits lange vor der Finanzkrise kritisierten sie scharf eine destruktive Deregulierungspolitik, die gewachsene Strukturen nicht etwa schöpferisch, sondern ersatzlos zerstört.

Direktorinnen des Zentrums, das zunächst auf fünf Jahre angelegt ist, sind die Soziologin Marion Fourcade von Sciences Po und Cornelia Woll, die in Paris und Chicago studiert hat und seit 2006 ebenfalls an der französischen Elite-Uni unterrichtet. Die Arbeitsteilung, was die Forschung angeht, charakterisiert Woll flapsig so: "Marion kümmert sich um die Armen, ich um die Reichen." Ein Körnchen Wahrheit steckt darin: Fourcade hat sich in jüngster Zeit vor allem der Frage gewidmet, wie einkommensschwache Bürger mit wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit umgehen, welche Strategien sie entwickeln, um auf die Gefährdung ihrer Existenz zu reagieren. Das reicht bis zu speziellen Fragen wie dem Umgang mit und den Bedingungen für Konsumkredite.

Woll dagegen untersucht seit einiger Zeit die diversen Ansätze zur Bankenrettung seit dem Ausbruch der Finanzkrise, die Verteilung der dabei entstehenden Kosten auf verschiedene gesellschaftliche Schichten und auch die Frage, welche moralischen Kategorien dabei zum Tragen kommen. Sie kann aber auch aus dem Stegreif über Re-Regulierung und Basel III referieren.

Gerade weil die deutsche und die französische Politik oft sehr unterschiedlich reagieren und weil die beiden Gesellschaften zum Teil völlig anders aufgebaut sind, ist maxpo wohl eines der spannendsten Projekte der jüngsten Zeit. Welches Potenzial darin steckt, hat der Privatsektor schon erkannt – zumindest ein großes Unternehmen: Denn maxpo hat einen privaten Sponsor gefunden, die Versicherungsgesellschaft Axa. Sie finanziert einen Stiftungslehrstuhl. Axa hat ein ausgedehntes Programm zur Erforschung von Risiken, das von Umweltgefährdung bis zu gesellschaftlichen Risiken reicht. Der Forschungsgegenstand von maxpo passt dazu natürlich genau.

Sciences Po ist seit dem Tod von Descoings wachsenden Angriffen ausgesetzt: Die Elite-Uni hat viele Neider, die nach dem Tod des politisch gut vernetzten, aber auch selbstherrlichen Descoings ihre Stunde gekommen sehen.

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