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23.11.2013

08:25 Uhr

„Nicht euphorisch werden“

Forschungsinstitute dämpfen Konjunktureuphorie

VonDietmar Neuerer

ExklusivDeutsche Firmen sind in bester Stimmung. Zu Recht? Führende Ökonomen warnen: der jüngste unerwartete Anstieg des wichtigen Ifo-Index sollte nicht überbewertet werden. Es gebe noch zu viele Risiken.

Container im Hamburger Hafen: der deutsche Export gilt als Konjunkturtreiber. dpa

Container im Hamburger Hafen: der deutsche Export gilt als Konjunkturtreiber.

BerlinDas Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) sehen trotz des überraschend starken Anstiegs des Ifo-Index keinen Anlass für Konjunkturoptimismus. „Ich würde davor warnen, jetzt euphorisch zu werden. Die Stimmung ist zwar tatsächlich gut, in den harten Zahlen, zum Beispiel in der Auftragslage oder der Produktion, sieht es aber eigentlich noch nicht so gut aus“, sagte DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner Handelsblatt Online. Auch die Investitionstätigkeit der Unternehmen sei weiterhin recht zurückhaltend. „Das weist darauf hin, dass viele Unternehmen ihre künftigen wirtschaftlichen Aussichten eher nicht so günstig einschätzen.“

IW-Direktor Michael Hüther warnte davor, das Ifo-Geschäftsklima über zu bewerten. „Zwar sind die konjunkturellen Aussichten global aufwärts gerichtet, doch nirgends sprudelt es wirklich kräftig“, sagte Hüther Handelsblatt Online. Mit drei Prozent Zuwachs beim Welt-Bruttoinlandsprodukt bleibe Deutschland noch unter seinen Möglichkeiten. „Die Unsicherheiten sind vielfach: Ungeklärte Budgetentwicklung in den USA, politische Risiken in China, vor allem aber die fatalen Perspektiven für das Regierungsprogramm der Großen Koalition“, so Hüther.

Deutschlands Exportüberschüsse

Seit wann erzielt Deutschland Exportüberschüsse?

Seit 1952. Nur in den ersten Nachkriegsjahren wurde mehr importiert als exportiert. 1950 gab es ein Handelsdefizit von umgerechnet 1,54 Milliarden Euro, das aber schon 1951 auf 76 Millionen Euro schrumpfte. Seither gibt es Überschüsse.

Mit welchen Ländern erzielt Deutschland Überschüsse?

Mit den meisten. Den größten Überschuss erzielt Deutschland im Handel mit Frankreich. Dorthin wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 39,7 Milliarden Euro mehr exportiert als von dort eingeführt. Auf Rang zwei folgen die USA mit (36,3 Milliarden Euro) und Großbritannien (28,6 Milliarden Euro). Das größte Defizit macht Deutschland im Handel mit dem ölreichen Norwegen (-17,7 Milliarden Euro), gefolgt von den Niederlanden (-15,6 Milliarden) und China (-10,7 Milliarden.)

Wie hoch ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss?

In den ersten acht Monaten 2013 wurden Waren im Wert von 726 Milliarden Euro ausgeführt, aber nur im Wert von 599 Milliarden Euro importiert. Das ergibt einen Exportüberschuss von 127 Milliarden Euro. In die Leistungsbilanz fließen zudem der Austausch von Dienstleistungen mit dem Ausland ein, aber beispielsweise auch Entwicklungshilfe und Vermögenseinkommen. Von Januar bis August summierte sich der Leitungsbilanzüberschuss damit auf rund 115 Milliarden Euro.

Welche Länder haben einen höheren Exportüberschuss?

Derzeit kein anderes, nicht einmal Exportweltmeister China. 2012 lag der deutsche Überschuss mit umgerechnet 238 Milliarden US-Dollar sowohl über dem von China (193 Mrd) als auch dem des ölreichen Saudi-Arabien (165 Mrd). Mit der Erholung der Weltkonjunktur dürfte sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in diesem Jahr auf die 200-Milliarden-Euro-Marke zubewegen, prognostiziert das Münchner Ifo-Institut. Das wäre ein Rekord.

Warum werden die Überschüsse kritisiert?

Die USA, aber auch der Internationale Währungsfonds zählen sie zu den großen Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft, die für die globale Finanz- und die Schuldenkrise in Europa mitverantwortlich sind. Denn Ländern mit Exportüberschüssen stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Die EU-Kommission stuft einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Mahnverfahren, an dessen Ende ein Bußgeld stehen könnte. Im ersten Halbjahr lag der deutsche Überschuss bei 7,2 Prozent.

Was kann dagegen getan werden?

Der IWF und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern seit längerem von Deutschland, mehr für die Binnennachfrage zu tun, um die Unwucht zu beheben. Höhere Importe schmelzen nicht nur den deutschen Überschuss, sondern erhöhen die Exporte anderer Länder – die damit ihre Defizite verringern können. Ein Schlüssel dazu können stärkere Lohnerhöhungen sein. „Das stimuliert die Binnennachfrage, wodurch mehr importiert und der Außenhandel wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht wird“, sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn. Steigen die Löhne hierzulande, werden deutsche Produkte teurer – womit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit etwa der Euro-Länder steigen würde und dort den Export ankurbeln könnte.

Was sagt die Wirtschaft?

Sie argumentiert ganz anders. Der deutsche Erfolg helfe den Krisenländern. Ihr Argument: Deutsche Exporte bestehen zu rund 40 Prozent aus zuvor importieren Vorprodukten, sagt etwa der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Somit profitiere auch das Ausland. Zudem steigen die deutschen Importe wegen des anziehenden Konsums bereits: Die führenden Wirtschaftsinstitute erwarten sowohl für dieses als auch das kommende Jahr ein höheres Importtempo.

Wird Deutschland immer Überschüsse erzielen?

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bezweifelt das. Ab 2028 erwartet es keine Exportüberschüsse mehr in Deutschland. Wenige Jahre später sollen Leistungsbilanzdefizite folgen. „Die Ursache dieser Entwicklung ist der demografische Wandel, die Schrumpfung und Alterung der deutschen Bevölkerung“, heißt es in der Studie. Weil es in wenigen Jahren schon weniger Erwerbstätige geben werde, könne auch weniger exportiert werden. Gleichzeitig müsse der Konsum der Älteren durch höhere Importe gedeckt werden.

Vor allem aber gebe es keine Hinweise auf eine starke Investitionsbelebung. Aus dem Geschäftsklima lasse sich auch nicht ableiten, ob aus verbesserten Umsätzen eine stärkere Investitionsaktivität folge, betonte der IW-Chef. Das hänge vielmehr an den nachhaltigen Ertragsperspektiven. „Diese bleiben im Umfeld von ungelöster Energiewende und Rückabwicklung der Arbeitsmarktreformen belastet.“ Die Investitionszurückhaltung werde sich daher nicht so schnell auflösen.

Nach Einschätzung von IMK-Direktor Gustav Horn neigen Stimmungsindikatoren, darunter auch der Ifo Index, zur „Überzeichnung der wirtschaftlichen Lage“. Das gelte im Guten wie im Schlechten. „Insofern ist der Anstieg mit Vorsicht zu interpretieren“, sagte Horn Handelsblatt Online. Zudem gingen ja alle gegenwärtigen Prognosen von einer leichten bis durchaus kräftigen Beschleunigung der Konjunktur aus. „Daher ist ein Anstieg des Ifo-Indikators bereits eingepreist“, betonte Horn. Unter diesen Voraussetzungen erscheine ein Wachstum der deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr von gut einem Prozent als wahrscheinlich. „Ein Boom ist aber nicht zu erwarten, solange die Krise des Euro-Raums weiter schwelt.“

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