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06.06.2012

08:29 Uhr

Notenbankkredite

EZB-Bilanz übersteigt drei Billionen Euro

VonNorbert Häring

Mit Riesenkrediten will die EZB das Bankensystem in der Euro-Zone stabilisieren. Davon machten die Geldinstitute gehörig Gebrauch. Erstmals schoss die Bilanzsumme der Zentralbank auf über drei Billionen Euro.

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt. dpa

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt.

Die gemeinsame Bilanzsumme der Europäischen Zentralbank (EZB) und der 17 angeschlossenen nationalen Zentralbanken des Euro-Raums hat in der vergangenen Woche die Marke von drei Billionen Euro überschritten. Das geht aus dem „Konsolidierten Wochenausweis“ zum Stichtag 1. Juni hervor, den die EZB veröffentlichte.

Vor einem Jahr hatte die Bilanzsumme des „Eurosystems“, wie sich der Notenbankzusammenschluss offiziell nennt, noch bei knapp 1,9 Billionen Euro gelegen. Die massive Aufblähung der Bilanzsumme resultiert vor allem aus dem Angebot der EZB an die Banken, sie unbegrenzt mit Notenbankkrediten mit einer ungewöhnlich langen Laufzeit von drei Jahren zu versorgen. Von diesem Angebot, das die EZB den Banken im Dezember und im Februar unterbreitet hatte, machten die Banken im Umfang von fast einer Billion Euro Gebrauch.

Zuvor hatte die EZB es nur als ihre Aufgabe betrachtet, die Banken mit kurzfristiger Liquidität zu versorgen. Dass sie ihnen nun auch in großem Umfang mittelfristige Finanzierung über die Notenbank bereitstellt, hat vor allem den Hintergrund, dass es vielen Banken wegen ihrer angeschlagenen Verfassung immer schwerer fällt, zu vernünftigen Konditionen Mittel am Markt aufzunehmen. Geldmenge wächst kaum.

Eine Ausweitung der Notenbankbilanz bedeutet, dass mehr Geld in Umlauf kommt. Denn die Notenbankguthaben der Banken bei der EZB sind Zahlungsmittel. Sie können jederzeit gegen Bargeld eingetauscht oder für Überweisungen verwendet werden. Bisher wird die Ausdehnung der Geldmenge durch die EZB allerdings dadurch kompensiert, dass die Banken im Euro-Raum bei der eigenen Kreditvergabe immer zurückhaltender werden.

So lag die Geldmenge M3 im April nur noch 2,5 Prozent über dem Vorjahreswert. Bereinigt um den Kaufkraftverlust bedeutet das Stagnation. Die Geldmenge M3 misst Bargeld, Giroguthaben und kurzfristige Einlageformen, von denen man annimmt, dass sie für den Zahlungsverkehr zur Verfügung stehen. Im Vergleich zur Vorwoche ist die EZB-Bilanzsumme zum 1. Juni um 22 Milliarden Euro gestiegen. Davon gingen 13 Milliarden Euro auf vermehrte Ausleihungen an die Banken im Rahmen der üblichen geldpolitischen Operationen zurück, vier Milliarden auf „Andere Forderungen an Banken“ und drei Milliarden auf „Andere Assets“.

Das sind zwei Bilanzpositionen, in denen die nationalen Notenbanken ihre Notfallkredite an Banken verstecken, die nicht mehr genug Sicherheiten aufbieten können, um bei den normalen EZB-Finanzierungen zum Zuge zu kommen, die man aber auch nicht pleitegehen lassen will.

Auf der Gegenseite der Bilanz stieg der Bargeldumlauf gegenüber der Vorwoche um 5,1 Milliarden Euro auf 885 Milliarden Euro. Dieser Anstieg ist für den Sommerbeginn nicht ungewöhnlich. Im Vorjahresvergleich nahm der Bargeldumlauf, den man als Indiz für Misstrauen gegen die Banken deuten könnte, allerdings um beträchtliche 43 Milliarden Euro oder fünf Prozent zu.

Die Instrumente der EZB

Senkung des Leitzinses unter ein Prozent

Aktuell steht der Leitzins der EZB bei einem Prozent. Die Notenbank kann natürlich jederzeit an dieser in normalen Zeiten wichtigsten Stellschraube drehen. Es wäre ein historischer Schritt: Noch nie seit Bestehen der Währungsunion lag der Schlüsselzins für die Versorgung des Finanzsystems mit frischer Liquidität niedriger. Allerdings nimmt der Spielraum der EZB mit jeder weiteren Leitzinssenkung ab - schließlich rückt damit die Nulllinie unausweichlich immer näher. Fachleute erwarten, dass die Zentralbank mit weiteren Zinssenkungen so lange wartet wie nur möglich, um für den Fall echter Verwerfungen an den Finanzmärkten, wie sie etwa bei einem Austritt der Griechen aus der Euro-Zone drohen würden, noch Munition zu haben.

Absenken des Einlagezinssatzes auf Null

Um den Geldmarkt wiederzubeleben und die Banken zu ermuntern mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf zu geben, könnte die EZB den so genannten Einlagezinssatz auf null Prozent kappen. Dieser Zins liegt aktuell bei 0,25 Prozent. Das bedeutet, dass Banken, die keiner anderen Bank mehr trauen, immerhin noch ein paar Euro dafür bekommen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken. Bei einem Einlagezinssatz von einem Prozent entfiele der Anreiz dies zu tun. Doch ob die Banken der EZB den Gefallen tun oder das Geld dann lieber horten, ist fraglich. Aktuell parken sie jedenfalls knapp 800 Milliarden Euro in Frankfurt.

Weitere Langfrist-Refinanzierung der Banken

Im Dezember und im Februar ist es der EZB gelungen, mit zwei jeweils drei Jahre laufenden Refinanzierungsgeschäften die Gemüter der Banker wenigstens für eine Zeit lang zu beruhigen. Damals sicherten sich die Geldhäuser insgesamt rund eine Billion Euro bei der Zentralbank zum Billigtarif von nur einem Prozent. Einige Experten glauben, dass weitere langlaufende Geschäfte dieser Art das durch die Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone untergrabene Vertrauen wieder zurückbringen könnten. Die Banken, die sich um den Jahreswechsel bei der EZB bedient haben, sind allerdings ohnehin bis mindestens Ende 2014 abgesichert. Außerdem kann jede Bank darüber hinaus bei ein wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften der Notenbank aus dem Vollen schöpfen.

Verlängerung der Vollzuteilung durch die Banken

Diese im Fachjargon Vollzuteilung genannte Freigiebigkeit der Zentralbank dürfte angesichts der nicht enden wollenden Krise noch lange fortbestehen. Es ist nämlich davon auszugehen, dass der EZB-Rat diese formal im Juli auslaufende Politik bis auf weiteres verlängern wird. Damit bleibt es dabei, dass alle solventen Institute in der Euro-Zone immer soviel Liquidität in Frankfurt ordern können, wie sie wollen - vorausgesetzt, sie können im Gegenzug genug Sicherheiten stellen.

Weitere Erleichterungen durch das Bankensystem

Damit diese den Banken nicht ausgehen, kann die EZB weitere Erleichterungen bei den Anforderungen an solche Sicherheiten beschließen. Sie kann dabei auch selektiv nach Ländern vorgehen, um etwa gezielter spanischen Banken zu helfen. Allerdings sind Erleichterungen bei den Sicherheiten immer auch ein Politikum, weil dadurch die Risiken steigen, die die Zentralbank durch die Refinanzierung in ihrer Bilanz ansammelt. Im Fall der Fälle müssten diese von den Steuerzahlern der Mitgliedsländer getragen werden.

Erneuter Start der Staatsanleihenkäufe

Die EZB hat seit Mai 2010 Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder für mehr als 200 Milliarden Euro gekauft. Das im Fachjargon SMP (Securities Markets Programme) genannte Programm ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen in Deutschland und einigen anderen nord- und mitteleuropäischen Ländern umstritten. Es ruht seit drei Monaten, kann allerdings jederzeit wieder vom EZB-Rat in Kraft gesetzt werden. Ob es allerdings noch seine erhofften positiven Wirkungen am Bondmarkt entfalten kann, ist unklar. Wegen der Erfahrungen bei der Umschuldung Griechenlands im Frühjahr dürften wenige private Investoren wie Banken oder Versicherungen der EZB folgen und wieder in den Markt gehen, weil sie fürchten, dass die Zentralbank erneut einen Sonderstatus als Gläubiger durchsetzen könnte, wie sie es im Fall Griechenland getan hat.

Zusätzlicher Kauf anderer Wertpapiere

Theoretisch kann die EZB neben Staatsanleihen auch alle andere Arten von Wertpapieren kaufen und auf diese Weise Geld schaffen: zum Beispiel Bankschuldverschreibungen, Aktien und Unternehmensanleihen. Während der Ankauf von Bank-Bonds eine durchaus denkbare Möglichkeit wäre, Liquidität bei den Banken zu schaffen, scheinen andere Wege wenig erfolgversprechend. So könnte die EZB wohl schlecht erklären, warum sie etwa Aktien von Banken kauft, nicht aber von Auto- oder Chemiekonzernen. Oder sie setzt sich dem Verdacht aus, der einen Bank mehr Aktien abzukaufen als anderen oder zum Beispiel spanische Institute vor deutschen oder österreichischen Banken zu bevorzugen.

Kommentare (6)

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Eddie

06.06.2012, 09:35 Uhr

"Dass sie ihnen nun auch in großem Umfang mittelfristige Finanzierung über die Notenbank bereitstellt, hat vor allem den Hintergrund, dass es vielen Banken wegen ihrer angeschlagenen Verfassung immer schwerer fällt, zu vernünftigen Konditionen Mittel am Markt aufzunehmen."

Das ist ja wieder mal eine nette Interpretation... Der Autor hat scheinbar nicht mitbekommen, dass die EUR-Zone und der EUR seit ueber 2 Jahren von Spekulanten angegriffen wird, die sich an der EUR-Krise dumm und daemlich verdienen (z.B. CDS, short-selling von Aktien, Bonds, EUR). Die Rating-Agenturen als deren maechtigste Waffe (neben den Medien) haben im Zuge dieses Waehrungskrieges nicht nur EUR-Laender sondern auch die Banken laufend herabgestuft, um die Krise anzufachen bzw. am laufen zu halten, diese Downgrades fuehrten wiederum zu hoeheren Zinsen. Dazu kamen auch noch diverse Stress-Tests und hoehere EK-Anforderungen (z.B. EBA), die die Banken zwangen, ihre Risiken (d.h. Kredite) zu reduzieren. Weniger und teurere Kredite = weniger Investitionen = weniger Wachstum oder Rezession = Wirtschaftskrise. Dem versucht die EZB mit Recht entgegen zu steuern. Ein positiver Nebeneffekt ist natuerlich auch, dass die Banken mit der zusaetzlichen Liquiditaet auch europ. Bonds kaufen und damit die stark unter Druck stehenden europ. Bondmaerkte entlasten.

Account gelöscht!

06.06.2012, 10:55 Uhr

Natürlich ist es 3 Bill. Das ist der Handelsbaltt oder? Hier sollte man Berichte von Menschen mit Wirtschaftskentniss lesen. Die Bilanzsumme der Banken in der EU ist 31 Bill und die Eurozone macht 76% dieser Bilnaz aus. Als Lehman kollabiert ist, musste die Fed ein Bankensystem von 16-17 Bill auffangen. Wenn man die Zahlen vergleicht wird jedem klar, dass die Billanz der EZB viel größer sein wird als die der Fed sollte in Europa ein Bankenkollaps verhindert werden. Das Bankensystem der EU ist doppelt so groß, wie das der USA. Sollte etwas vergleichbares wie Lehman in Europa passieren muss man ein Rettungspaket erfinden, welches 50% des globalen BIP ausmachen muss-liegt bei ungefähr 60 Bill. Die EU ist der größte Wirtschaftsblock der Welt und trotzdem deckt das ganze BIP Europas nicht mal 60% der Billanz des Bankensektors.Die EU und die Nationalstaaten haben es zugelassen, dass die EU Banken so extrem gigantisch wurden und jetzt zittert die ganze Welt und man wird Berlin und Paris dazu zwingen alles zu unterschreiben und abzusichern, weil die Banken der EU 52% der Kredite auf dem Planeten vergeben und alle BRICS und Entwicklungsländer sonst sofort bei 2% Wachstum landen werden.Merkel wird Rom und Madrid abweisen aber bei der nächten G20 wird sie einknicken, weil Amerika,China,Indien,Russland,etc. schon massiv am 'ausrutschen' sind.

Tebs

06.06.2012, 11:14 Uhr

Wer leitet die EZB? Wo hat Herr Draghi vorher gearbeitet? Richtig, bei der Firma Goldman & Sachs. Da wo Herr Venizelos und Herr Monti, die beide nie gewählt wurden, auch gearbeitet haben. Vergessen in der Sammlung habe ich noch einen Herrn Assmussen aus Deutschland, auch dieser kommt aus diesem Stall. Ein Schelm, der böses dabei denkt.

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