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12.08.2011

16:31 Uhr

Nullwachstum

Frankreich-Flaute trifft Euro-Zone hart

Dämpfer für die Eurozone: Das Wirtschaftswachstum in Frankreich ist im ersten Quartal zum Stillstand gekommen. Paris hält dennoch an seinen Prognosen fest. Doch auch andere Euro-Länder schwächeln.

Frankreichs Finanzminister Francois Baroin. Quelle: dapd

Frankreichs Finanzminister Francois Baroin.

ParisDie überraschende Stagnation der französischen Wirtschaft stellt die Erholung der gesamten Euro-Zone zunehmend infrage. Die zweitgrößte Volkswirtschaft im Währungsraum kam zwischen April und Juni zum Stillstand, nachdem es im ersten Quartal mit 0,9 Prozent noch das stärkste Wachstum seit rund fünf Jahren gab. Die Daten erhöhten am Freitag den Druck auf die Regierung in Paris, mit Sparpaketen den hohen Schuldenberg abzubauen. An den Finanzmärkten wird immer stärker angezweifelt, ob Frankreich sein „AAA“-Top-Rating als Schuldner behalten wird. Während Griechenlands Wirtschaft auch im Frühjahr tief in der Rezession steckte, zollten Portugals Geldgeber von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) der Regierung in Lissabon Fortschritte bei der Sanierung der Staatsfinanzen.

Der IWF und EU-Vertreter empfahlen nach einer Prüfung des Sparkurses die Auszahlung einer zweiten Kredittranche aus dem 78 Milliarden Euro schweren Rettungspaket für Portugal. Allerdings müsse das klamme Land den Kurs beibehalten und die Anstrengungen sogar beschleunigen, mahnte IWF-Delegationsleiter Poul Thomsen in Lissabon: „Trotz eines zweifellos gelungenen Starts liegen die größten Schwierigkeiten noch vor uns.“

Wie die Politik die Schuldenkrise lösen will

Stabilitätsunion

Als jüngste Idee hat Wirtschaftsminister Philipp Rösler eine „Stabilitätsunion“ vorgeschlagen. Ein Stabilitätsrat in der Euro-Zone soll im Krisenfall entscheiden, wie einem Land geholfen werden kann, auch mit Geld aus dem
EU-Strukturhilfetopf. Zudem soll es automatische Sanktionsmechanismen gegen Euro-Staaten geben, die ihre Verpflichtungen nicht einhalten. Der Vorteil: Mit dem Vorschlag signalisiert Deutschland, dass es zu einer engeren
Zusammenarbeit bereit ist. Der Nachteil: Etliche Euroländer-Regierungen wie Frankreich haben automatische Sanktionen für Defizitsünder bereits abgelehnt, so dass mitten in der Krise neuer Streit im Club der 17 Euro-Staaten droht.

EFSF-Aufstockung

Sowohl EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso als auch Frankreichs Finanzminister Francois Baroin haben eine erneute Aufstockung des gerade erst aufgestockten vorläufigen Euro-Rettungsfonds EFSF durch die Eurostaaten über die vereinbarten 440 Milliarden Euro hinaus ins Gespräch gebracht. Damit soll notfalls auch Staaten wie Spanien oder Italien geholfen werden können. Der Vorteil: Auch viele Akteure an den Finanzmärkten fordern eine größtmögliche Flexibilität des Euro-Rettungsschirms, damit sich Besitzer von Staatsanleihen der beiden Länder sicher sein können, dass sie ihr Geld zurückerhalten, und die Risikozuschläge wieder sinken. Der
Nachteil: Die nötige Zustimmung der nationalen Parlamente zu der bisher beschlossenen Aufstockung des EFSF im Herbst würde bei einer weiteren Ausweitung massiv erschwert, weil die anderen Euro-Staaten damit immer mehr Risiken im Falle einer Staatspleite auf sich häufen. Die Bundesregierung hat die Vorschläge deshalb umgehend abgelehnt.

Gold-Verkäufe

Etliche Bundestagsabgeordnete haben gefordert, dass die angeschlagenen Euro-Staaten ihre Goldreserven verkaufen sollen, um damit ihren Schuldenstand zu verringern. Der Vorteil: Euro-Staaten könnten angesichts des
hohen Goldpreises erhebliche Einnahmen erzielen und die Akzeptanz der Geber-Ländern für weitere Hilfen erhöhen. Der Nachteil: Die meisten Staaten haben die Entscheidung über Goldverkäufe den unabhängigen Notenbanken übertragen, die sich gegen eine politische Bevormundung wehren. Experten warnen zudem, dass das Grundproblem, nämlich die Vertrauenskrise, durch den Verkauf der Goldvorräte nicht beseitigt wird - sondern ein solcher Schritt wie eine Panikmaßnahme wirkt.

Umsetzung der EU-Beschlüsse, Nationale Reformen

Grundhaltung der Bundesregierung war bisher, Ruhe zu bewahren und erst einmal die Beschlüsse des Euro-Sondergipfels vom 21. Juli bis Ende September umzusetzen. Sonst stünde nicht einmal die bisher vereinbarte Aufstockung des EFSF auf 440 Milliarden Euro zur Verfügung. Das Vertrauen der Investoren könnten angeschlagene Euro-Staaten ohnehin nur durch nationale Reformen wie Schuldenabbau und eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit erreichen. Der Vorteil: Dies entwertet nicht die bisherigen, noch gar nicht umgesetzten EU-Beschlüsse. Der Nachteil: Vielen Akteuren reicht die bloße Umsetzung der bisherigen Beschlüsse nicht mehr aus, um die Unruhe an den Finanzmärkten einzudämmen.

Zuletzt geriet auch Frankreich immer stärker in den Fokus der Finanzmärkte. Jüngst traten zudem Gerüchte über Zahlungsschwierigkeiten der französischen Großbank Societe Generale eine neue Verkaufslawine an den europäischen Aktienmärkten los, die ohnehin seit gut einer Woche kräftig ins Minus rutschten. Vier Euro-Länder reagierten nun und wollen mit einem Verbot riskanter Aktiengeschäfte dem Ausverkauf von Finanztiteln Einhalt gebieten. Frankreich, Italien, Spanien und Belgien untersagten den Leerverkauf von Finanzwerten. Daraufhin legten zum Wochenausklang die meisten Aktien von Banken und Versicherern in Europa wieder zu. Experten bezweifeln aber, ob die Maßnahmen auf Dauer Wirkung zeigen. Spekulanten könnten einfach auf andere Börsenplätze ausweichen, etwa nach London.

Grund für die Turbulenzen an den Aktienmärkten war auch die Furcht vor einem schwachen Wachstum der USA und der gesamten Weltwirtschaft sowie eine Verschärfung der Schuldenkrise. Die mauen Wirtschaftsdaten aus Frankreich sind deshalb ein Schlag ins Kontor für die Erholung des gesamten Euro-Raums. Denn das Land gilt neben Deutschland bisher als entscheidender Wachstumsmotor, da viele hoch verschuldete Staaten wie Italien, Spanien und Portugal nur mühsam aus der Krise kommen.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

12.08.2011, 13:40 Uhr

Eurobonds = die schlimmste Form von subprime CDOs

Eurobonds nein Danke!

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=18123

Ondoron

12.08.2011, 13:45 Uhr

Eurobonds sind der "Volkssturm" für die "Verteidigung" des Euros. VOLKSSTURM. Mehr nicht.
Nur die Dummen glauben an diese Durchhalteparolen. Es kommt für Deutschland wie 1945. Aber da gab's auch im März noch Dumme, die vom Endsieg quatschten und Gesinnungsschnüffelei betrieben. So wie heute: Euroskeptiker, die ausschließlich volkswirtschaftlich argumentieren und dabei NIE widerlegt wurden, werden als national-chauvinistisch und anti-europäisch stigmatisiert! Besonders von den Grünen und Roten, die nichts Anderes kennen, als optimistisch guten Mutes in die totale Katastrophe zu RENNEN! Mit Eurobonds!

Account gelöscht!

12.08.2011, 13:45 Uhr

Der Kursverlauf der letzten 10 Jahre zeigt was los ist:

http://finanzen.handelsblatt.com/kurse_einzelkurs_uebersicht.htn?u=7034012&k=e_6lzNGAscslTS7YIYdmBA&chart_zeit=100000&i=159096

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