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02.01.2010

13:00 Uhr

Nutzlose Prognosen

Die hohe Kunst des Weghörens

VonOlaf Storbeck

Alle Welt starrt auf Prognosen zur Konjunktur- und Börsenentwicklung – obwohl sie alle wenig taugen. Selbst richtige Prognosen sind mitunter nicht viel wert, dafür sorgen extreme Ereignisse wie die momentane Wirtschaftskrise. Warum sich es nicht lohnt, zuzuhören – selbst bei Forschern, die in der Vergangenheit richtig lagen.

Wirtschaftswissenschaftler wie Hans-Werner Sinn, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo), veröffentlichen regelmäßig Prognosen. Doch gerade das Beispiel der aktuellen Finanzkrise zeigt, dass alle Voraussagen wenig taugen. Quelle: Reuters

Wirtschaftswissenschaftler wie Hans-Werner Sinn, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo), veröffentlichen regelmäßig Prognosen. Doch gerade das Beispiel der aktuellen Finanzkrise zeigt, dass alle Voraussagen wenig taugen.

LONDON. Am 19. April 2007 überraschten die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute Politik und Presse mit einer unerwartet guten Nachricht: Schon ein Jahr später, so prognostizierten die Forscher in ihrem Frühjahrsgutachten, würden Bund, Länder und Gemeinden in Deutschland ohne neue Schulden auskommen. Und die Vorhersage stimmte sogar: 2008 verbuchten die öffentlichen Haushalte tatsächlich einen kleinen Überschuss. Nur: Schon 2009 riss die tiefste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression neue, gigantische Löcher in die Staatskassen.

Das Beispiel zeigt: Selbst Prognosen, die sich als richtig erweisen, sind mitunter nicht viel wert. Schließlich kann die Welt schon morgen völlig anders aussehen. Diese Unsicherheit aber können auch die besten Prognostiker nicht abbilden – ein Umstand, den sie bei der Präsentation ihrer Zahlen gerne unter den Tisch fallen lassen und der den Rezipienten der Prognosen oft nicht bewusst ist.

Der Publizist Nassim Nicholas Taleb, Autor des Bestsellers „Der schwarze Schwan“, ist daher überzeugt: „Unsere Welt wird dominiert durch das Extreme, das Unbekannte, das sehr Unwahrscheinliche.“ Alle Versuche, die Zukunft vorherzusagen, seien zum Scheitern verurteilt: „Trotz – oder vielleicht wegen – des technologischen und wissenschaftlichen Fortschritts wird die Zukunft immer weniger prognostizierbar.“

Extreme Kursausschläge kommen überproportional häufig vor

Tatsächlich spielen Extrem-Events eine viel größere Rolle, als uns gemeinhin bewusst ist. Javier Estrada von der IESE Business School in Barcelona führt dies am Beispiel der langfristigen Kursentwicklung der Aktienbörsen von 15 Ländern vor Augen: Extreme Kursausschläge kommen an den Börsen viel häufiger vor, als die Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung nahelegen, auf denen viele Prognose- und Risikokontrollmodelle basieren. Würde zum Beispiel die Tagesperformance des Dow-Jones-Indexes der berühmten, auf den Mathematiker Carl Friedrich Gauß zurückgehenden Glockenkurve folgen, dann würden die Kurse quasi nie an einem Tag um mehr als drei Prozent steigen oder fallen. Zwischen 1900 und 2006 hätte es solche Ausschläge theoretisch nur 79-mal geben dürfen. Tatsächlich kamen sie aber 461-mal vor – sechsmal häufiger als bei einer Gauß’schen Normalverteilung.  

Und für das, was Aktionäre an der Börse verdienen können, sind gerade die Ausreißer entscheidend, zeigt Estrada. Wer seit 1959 jeden Tag den gleichen Betrag in ein Dax-Portfolio gesteckt hätte und nur vor den zehn schlechtesten Handelstagen ausgestiegen wäre, hätte dadurch fast 140 Prozent mehr verdient als ein Anleger, der kontinuierlich investiert gewesen wäre. Wer dagegen die zehn besten deutschen Börsentage seit 1959 verpasst hätte, der hätte fast 54 Prozent weniger verdient.

Kommentare (6)

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Dirk Elsner

02.01.2010, 14:54 Uhr

Ein Autor, der die Risiken noch besser herausarbeitet als Taleb ist benoit Mandelbrot. ich lese gerade sein buch "Fraktale und Finanzen. Märkte zwischen Risiko, Rendite und Ruin."
Unterstellt man die Richtigkeit der durch die Praxis bestätigten Thesen der Autoren Mandelbrot und Taleb, dann ist es erstaunlich, wie wenig Volkswirte und Finanzmarktanalysten sich fortentwickeln. Als Minimum würde ich erwarten, dass Vorhersagen mit einer Risikokennziffer versehen werden. Warum wieder dies geschieht, noch sich die Prognosemethodik grundlegend ändert, wäre eine interessante Frage an die Wirtschaftswissenschaften.

Dirk Elsner

02.01.2010, 14:55 Uhr

Ein Autor, der die Risiken noch besser herausarbeitet als Taleb ist benoit Mandelbrot. ich lese gerade sein buch "Fraktale und Finanzen. Märkte zwischen Risiko, Rendite und Ruin."
Unterstellt man die Richtigkeit der durch die Praxis bestätigten Thesen der Autoren Mandelbrot und Taleb, dann ist es erstaunlich, wie wenig Volkswirte und Finanzmarktanalysten sich fortentwickeln. Als Minimum würde ich erwarten, dass Vorhersagen mit einer Risikokennziffer versehen werden. Warum wieder dies geschieht, noch sich die Prognosemethodik grundlegend ändert, wäre eine interessante Frage an die Wirtschaftswissenschaften.

aruba

02.01.2010, 18:42 Uhr

Guten Tag.... Wir wissen Alle dass es zu 99 % Schwach " Sinn " ist. Aber sagen Sie es doch um Gottes Willen nicht in der Zeitung. besten Dank

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