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09.12.2014

00:43 Uhr

OECD-Studie

Kluft zwischen Arm und Reich bremst Deutschland

Die OECD stellt fest: Das BIP in Deutschland könnte fast sechs Prozent höher liegen - hätte sich nicht die Einkommensschere zwischen Arm und Reich seit den 80er Jahren so stark geöffnet. Es gibt aber noch einen Ausweg.

Im Innenhof einer deutschen Plattenbau-Wohnsiedlung: Die OECD sieht die besten Wirtschaftsaussichten für Länder, in der alle Bürger von klein auf gleiche Chancen haben. dpa

Im Innenhof einer deutschen Plattenbau-Wohnsiedlung: Die OECD sieht die besten Wirtschaftsaussichten für Länder, in der alle Bürger von klein auf gleiche Chancen haben.

BerlinDie Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland ist der Industriestaaten-Organisation OECD zufolge heute größer als vor 30 Jahren. Verdienten die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung Mitte der 1980er-Jahre fünf Mal so viel wie die ärmsten zehn Prozent, liege das Verhältnis heute bei 7:1, hieß es in einem am Dienstag veröffentlichten Arbeitspapier.

Die OECD fordert die Politik in diesem zum Gegensteuern auf. "Unsere Analyse zeigt, dass wir nur auf starkes und dauerhaftes Wachstum zählen können, wenn wir der hohen und weiter wachsenden Ungleichheit etwas entgegensetzen", sagte Generalsekretär Angel Gurria. "Der Kampf gegen Ungleichheit muss in das Zentrum der politischen Debatte rücken."

Denn die gestiegene Einkommensungleichheit hemme die wirtschaftliche Entwicklung. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland sei zwischen 1990 und 2010 inflationsbereinigt um etwa 26 Prozent gewachsen, so die OECD. Wäre die Ungleichheit auf dem Niveau von Mitte der achtziger Jahre verharrt, hätte das Plus um fast sechs Prozentpunkte höher ausfallen können.

So zeigt sich Armut in Deutschland

Die Gefahr arm zu werden...

... ist gewachsen. Der Schwellenwert für die Armutsgefährdung lag in Deutschland 2009 bei 11.278 Euro und 2010 bei 11.426 Euro pro Jahr. Das entsprach monatlich einem Betrag von 940 Euro (2009) beziehungsweise 952 Euro (2010). Nach Zahlung staatlicher Sozialleistungen waren 2010 insgesamt 15,8 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet gegenüber dem Jahr 2009 (15,6 Prozent). Frauen waren auch 2010 mit 16,8 Prozent stärker armutsgefährdet als Männer mit 14,9 Prozent (Frauen 2009: 16,4 Prozent; Männer 2009: 14,9 Prozent).

Wo Deutsche sparen müssen

5,2 Prozent der Deutschen geben an, ihre Wohnung aus finanziellen Gründen nicht ausreichend warm halten zu können. Mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) fährt nach eigenen Angaben im Jahr nicht mal eine Woche in den Urlaub, weil er oder sie es sich nicht leisten kann. 34,5 Prozent können plötzlich anfallende Kosten von mindestens 930 Euro im Monat nicht aus eigenen Mitteln bestreiten, eine vollwertige Mahlzeit können sich 8,8 Prozent nicht einmal jeden zweiten Tag leisten.

Der höchsten Armutsgefährdung...

... sind mit Abstand Alleinerziehende (37,1 Prozent), Alleinlebende (32,2 Prozent), Arbeitslose (67,8 Prozent) und niedrig Gebildete (25,8 Prozent) ausgesetzt.

Die Armutsgefährdung im mittleren Alter...

... ist dagegen zwischen den Geschlechter fast ausgeglichen. Dennoch ist die Gefahr bei Frauen stets höher. Bei Personen im Alter von 55 bis 64 Jahren war der Abstand zwischen den Armutsgefährdungsquoten 2010 bei Frauen (21,1 Prozent) und Männern (19,5 Prozent) geringer. Auch bei den 25- bis 54-Jährigen fiel der Unterschied mit 0,2 Prozentpunkten (Frauen 2010: 14,9 Prozent; Männer: 14,7 Prozent) viel niedriger aus als bei den Jüngeren. Im Jahr 2009 hatte der Abstand noch 1,5 Prozentpunkte (Frauen: 14,8 Prozent; Männer: 13,3 Prozent) betragen.

Junge Frauen...

... sowie ältere Frauen laufen besonders leicht Gefahr in Armut abzurutschen. Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren (2010: 19,0 Prozent) sowie 55- bis 64-Jährige (2010: 20,4 Prozent) sind in höherem Maße armutsgefährdet sind als andere Altersgruppen. Junge Menschen befinden sich häufig noch in einer Ausbildung oder stehen am Anfang des Berufslebens. In dieser Altersgruppe treten auch die größten Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Mehr als jede fünfte Frau (21,8 Prozent) zwischen 18 und 24 Jahren war 2010 armutsgefährdet, unter den gleichaltrigen Männern waren es dagegen nur 16,2 Prozent. Ähnlich hoch war der Abstand bei 65-Jährigen und Älteren (2010 Frauen: 16,2 Prozent; Männer: 12,0 Prozent).

Obere 20, untere 20

Das Verhältnis der Einkommen der 20 Prozent einkommensstärksten Personen zu dem der 20 Prozent einkommensschwächsten Personen blieb zwischen 2009 und 2010 konstant: Das obere Fünftel der Bevölkerung verfügte
zusammen über ungefähr viereinhalbmal so viel Einkommen wie das untere Fünftel der Bevölkerung.

Arm im Alter...

.. ist ein vergleichsweise häufiger Zustand. In der Untergliederung nach Altersgruppen zeigt sich, dass das mittlere Äquivalenzeinkommen bei Menschen zwischen 25 und 54 Jahren mit 20.703 Euro im Jahr 2010 deutlich über dem
Wert für die Gesamtbevölkerung lag. Menschen in der Altersgruppe 55 bis 64 Jahre verfügten mit 19.087 Euro ebenfalls über ein leicht über dem Durchschnitt liegendes Einkommen. Anders bei den 65-Jährigen und Älteren: Hier lag das mittlere Einkommen mit 17.611 Euro unter dem Bundesdurchschnitt.

Frauen verdienen...

...immer noch weniger als Männer. Zwar war der Einkommenszuwachs bei Frauen zwischen 2009 und 2010 etwas höher (252 Euro) als bei Männern (203 Euro). Allerdings bestehen nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen den Einkommen von Männern und Frauen: Der Median des Nettoäquivalenzeinkommens von Frauen war 2010 mit 18.700 Euro um 689 Euro niedriger als der von Männern (19.389 Euro).

Quelle: „Datenreport 2013. Ein Sozialbericht für Deutschland“.

Dafür sieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor allem einen Grund: Ärmere investieren in der Regel weniger in Bildung. Kinder aus sozial schwächeren Familien haben daher weniger Bildungschancen. "Wachsen und gedeihen werden vor allem jene Länder, die alles daran setzen, dass ihre Bürger von klein auf gleiche Chancen haben."

Eine Umverteilung von oben nach unten mittels Steuern und Transfers sei nicht zwangsläufig wachstumsschädlich, solange entsprechende Maßnahmen zielgenau angewandt werden. Eine solche Verteilungspolitik müsse sich vor allem auf Familien mit Kindern sowie auf junge Menschen konzentrieren und deren Lernchancen verbessern.

Von

rtr

Kommentare (8)

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Herr Arno Nym

09.12.2014, 08:21 Uhr

Unsere Regierung tut doch was gegen die Kluft zwischen arm und reich. Sie fälscht den Armutsbericht. Und zum Bildungsproblem: Ja, das ist offensichtlich, sonst hätten wir nicht die Regierung, die wir haben.

Account gelöscht!

09.12.2014, 08:30 Uhr

Nicht die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt zu. Sondern die zwischen clever, intelligent und dumm. Und die müssen halt sehen wie sie zu recht kommen - und wählen dann AfD (Armut für Deutschland) und andere Nazis.

Herr Johann Brädt

09.12.2014, 08:34 Uhr

„Die Studie liefert Belege dafür, dass steigende Ungleichheit das Wirtschaftswachstum hauptsächlich dadurch bremst, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien weniger Bildungschancen haben. Im OECD-Durchschnitt liegen die Bildungsleistungen von Kindern, deren Eltern geringgebildet sind, unter denen von Eltern mit mittlerer oder hoher formaler Bildung. In Ländern, in denen darüber hinaus die Einkommen ungleicher verteilt sind, verschlechtern sich die Ergebnisse dieser Kinder wesentlich. Für die Bildungsleistungen von Kindern mittelgut oder gut gebildeter Eltern spielt steigende Einkommensungleichheit dagegen kaum eine Rolle.“ (http://www.oecd.org/berlin/presse/einkommensungleichheit-beeintraechtigt-wirtschaftswachstum.htm)
Achso, d.h. wenn die Familien über mehr Einkommen verfügen, dann sind sie automatisch intelligenter? Sehr kritisch zu bewerten, diese Studie. Nur weil relativ niedrige Einkommen und „Dummheit“ am unteren Ende konvergieren, heißt es doch nicht, dass der Grund dafür das Einkommen ist. Bsp. Deutschland, jedes Kind hat von den Bildungseinrichtungen her die selben Möglichkeiten (allg. betrachtet). Das ist einkommensunabhängig, da von der Gesellschaft finanziert. Warum gibt es trotzdem einen Unterschied in der Entwicklung der Kinder? Da gibt es tausend Gründe für (Genetik, persönliche Motivation, Anspruch der Eltern, Wechselwirkung mit Klassenkammeraden, Motivation durch Lehrkräfte, allg. soziales Umfeld (Freundeskreis, Familie), psychologische Konstitution…), die haben nichts mit dem Einkommen zu tun. Warum haben gebildetere Leute höhere Einkommen? Erklärt sich von selbst. Wenn man diesen untergebildeten relativ geringen Einkommensschichten Schecks ausstellen täte, um ihr Einkommen zu heben, so erhöht sich zwar ihre Möglichkeit zu konsumieren und zu sparen. Aber ihr soziales Umfeld bleibt gleich, denn sie werden alle im gleichen Maße erhöht. Die Vorstellung, dass sich dann alles ändert ist doch absurd. Ausbau der Bildungsinstitutionen verspricht mehr.

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