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13.01.2012

20:35 Uhr

Ökonomen-Umfrage

Verschärft ein neuer Rating-Schock die Euro-Krise?

ExklusivFrankreich hat sein Top-Rating verloren. Was bedeutet die Abstufung durch S&P für die Rettungsbemühungen in der Schuldenkrise? Ökonomen bewerten die Folgen unterschiedlich.

Europa-Flagge. ap

Europa-Flagge.

DüsseldorfFührende Ökonomen in Deutschland bewerten die Folgen des Top-Rating-Verlusts für Frankreich unterschiedlich. Der Chefvolkswirt von Barclays Capital Deutschland, Thorsten Polleit, sieht darin einen Rückschlag für die Rettungsbemühungen in der Schuldenkrise. „Die Schultern der vermeintlichen finanzstarken Länder sind zu schwach, als dass sie die Lasten der maroden Länder übernehmen könnten“, sagte Polleit Handelsblatt Online.

Frankreichs Finanzminister François Baroin hat am Freitagabend im französischen Fernsehen die Abstufung bestätigt. Die zweitgrößte Volkswirtschaft im Euroraum fällt demnach von „AAA“ auf „AA+“. Das sei keine Katastrophe, betonte Baroin. „Es sind nicht die Ratingagenturen, die Frankreichs Politik diktieren.“

Frankreich ist eine zentrale Figur in den Rettungsbemühungen für die gesamte Eurozone. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa steht auch Österreich vor dem Verlust der Topnote. Die Abstufung dürfte es für beide Länder schwerer und teurer machen, sich frisches Geld am Kapitalmarkt zu leihen. Die offizielle Entscheidung der Ratingagentur S&P sollte noch am Abend verkündet werden.

Die Herabstufungen signalisierten, dass sich die miserable Finanzlage der Staaten „nicht durch neue Kredittöpfe und Schuldenkollektivierung bereinigen“ lasse, sagte Polleit.

Der Druck der Ratingagenturen verschärfe generell "die Notwendigkeit zu Strukturreformen für mehr Leistungsfähigkeit, die nicht zuletzt die EZB in Europa immer wieder anmahnt", sagte auch der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, Handelsblatt Online. Die Auswirkungen der Rating-Abstufung einiger Länder seien aber überschaubar, weil sie an den Kapitalmärkten in den vergangenen Wochen "mehr und mehr erwartet worden ist und bereits langsam Eingang in die Preise gefunden hat", fügte er hinzu. Der Drei-Jahres-Tender der Europäischen Zentralbank (EZB) habe überdies "Stabilität in den Markt gebracht, die die Effekte einer Ratingveränderung kompensieren würde".

Wieso das Rating Frankreichs so wichtig ist

Kreditaufnahme wird erschwert

Wenn die Ratingagenturen die Bonität von Euro-Staaten herabstufen, ist das zunächst einmal schmerzlich für diese Länder selbst: Es wird für sie schwieriger werden, an frisches Geld zu kommen. Die Zinsen, die sie für neue Anleihen zahlen müssen, ziehen in der Regel an.

Auswirkung auf Euro-Rettungsfonds

Doch für die Euro-Rettung gibt es noch einen anderen Aspekt, der mindestens genau so wichtig ist: Von der Bonität der einzelnen Länder hängt auch das Rating der Rettungsinstrumente wie des EFSF und künftig des ESM ab, die Krisenstaaten mit Kredithilfen vor dem Staatsbankrott bewahren sollen.

Bestnote des EFSF gefährdet

Frankreich trägt zu etwa 20 Prozent die Finanzierungslast des EFSF. Wird Frankreich herabgestuft, wackelt auch die Bonität des EFSF.

Finanzkraft könnte schrumpfen

Ein Verlust der Bestnote des EFSF würde die Finanzierung der Rettungspakete für angeschlagene Euroländer verteuern. Denn die Zinssätze für frische Anleihen dürften weiter anziehen. Als Alternative wäre es denkbar, dass der EFSF sein "AAA"-Rating verteidigt, indem er seine Finanzkraft einschränkt.

Geplanter Nachfolger des EFSF auch betroffen

Damit der Rettungsfonds EFSF effektiv 440 Milliarden Euro verleihen kann, müssen die Euroländer Garantien in Höhe von 780 Milliarden Euro bereitstellen. Diese Summe würde sich im Fall einer Herabstufung wohl deutlich erhöhen. Auch der geplante dauerhafte Rettungsschirm ESM, der schon im Juli und damit ein Jahr früher als geplant starten soll, könnte betroffen sein. Er soll anders als der EFSF selbst mit Kapital ausgestattet werden, das die Mitgliedsstaaten nun schneller bereitstellen müssen. Dafür müssten sie selbst neue Schulden machen, was im Falle einer Herabstufung teurer würde.

Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sieht gar die Bedeutung von Länder-Ratings schwinden. Unter Marktteilnehmern spreche sich allmählich herum, dass der „Informationsgehalt von Ratings gering“ sei. „Insbesondere ist aber nunmehr klar, dass  die EZB aus dem Hintergrund die Kurse durch hohe Liquiditätszufuhr an Banken und durch Aufkäufe stabilisiert“, sagte Horn Handelsblatt Online. „Damit ist der Markt de facto nicht mehr auf Ratings angewiesen. Ihre Bedeutung schmilzt dahin und dies dient der Stabilität.“

Kommentare (3)

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Zutexter

13.01.2012, 18:19 Uhr

Warum wohl versetzen US-Ratingagenturen Europa einen Schlag und warum gerade jetzt, als der EURO sich erholen wollte? Es wird Nichts nützen, ab ~2022 wird China den Ton angeben, deren Investment in den EURO lassen die sich nicht von den Amis zunichte machen.

Account gelöscht!

13.01.2012, 22:54 Uhr

PisaPisa träumte von einem 17köpfigen Anglerverein, bei dem 12 oder 13 Mitglieder nachts die Fische aus'm Teich geklaut haben, und nach Singapur und in die Schweiz geschafft haben. Die Missetäter setzten zum Ausgleich selbstgebastelte Plastikkaulquappen ein, und der Verein wundert sich, dass die so rasch an Wert verlieren, und sie keiner haben will, obwohl sie so schön sonnig schmecken. Tun darf man den Frevlern übrigens nix, weil ein Europäer den andern unterstützen muß, so steht es jedenfalls in der Vereinssatzung, und wenn's sein muß, verkaufen die Übeltäter sogar Billionen von Plastikkaulquappen an den Verein, der sie dann entsprechend deren Anweisungen in den Teich einsetzt.
So steht es in der Satzung. Über Sanktionen, wie Strafen, Austritt oder Hinauswurf findet sich in der Vereinssatzung übrigens nix, denn dann hätte man ja die lieben europäischen Anglerfreunde gleich zu Anfang verprellt, und Frau Roth und ihre ganze Gut-Partei hätte dicke Tränen vergossen ob dieser Inhumanität. Jetzt ist es leider zu spät, und man kann gar nichts mehr machen, ausser Kaulquappen ankaufen. Selbst wenn die Missetäter das plastikkaulquappenverseuchte Teichwasser austrinken würden, und sich dadurch gewaltige Gedärmwinde holen würden, müsste der Anglerverein gutmenschlich bleiben, diese einschnaufen, und auch noch die Arztrechnungen bezahlen.

PisaPisa erwacht schweißgebadet, Dank sei dem Allmächtigen, einen Verein mit solch einer skurrilen Satzung kann's ja in Wirklichkeit gar nicht geben; da würde ja schon ein Notar noch als Refendar das große Darmsausen kriegen -- alles nur ein böser, realitätsfremder Traum... oder?

Mazi

14.01.2012, 21:24 Uhr

Es ist die Frage, ob die Ratingagenturen die Eurokrise verschärfen oder ob die Eurokrise ohne die Ratingagenturen beschönigt würde.

Sicher agieren die Ratingagenturen aus unserer Sicht nicht so ganz geschickt, aber aus anderem Blickwinkel ums so geschickter.

Wie dem auch sei, ohne die Ratingagenturen würde in Europa nichts passieren. Denken wir an Griechenland, Spanien, Portugal, Irland und ganz besonders Italien. Man kann vielleicht sogar behaupten, dass ohne die Ratingagenturen Berlusconi immer noch im Amt wäre. Ohne die Aktionen der Ratingagenturen wären deren Problem auch nicht gelöst worden.

Vielleicht helfen sie uns auch einmal.

Kern der Frage sollte vielmehr sein, die "Feuerwehr" mehr zur Brandprävention als zur Brandbekämpfung einzusetzen.

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