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02.09.2016

14:41 Uhr

Ökonomie-Nobelpreisträger Reinhard Selten ist tot

Abgang eines großen Denkers

VonNorbert Häring

Reinhard Selten hat die Wirtschaftswissenschaften geprägt – vor allem das Verständnis der menschlichen Komponente. Deutschlands einziger Nobelpreisträger im Feld der Ökonomie ist im Alter von 85 Jahren gestorben.

einhard Selten, der einzige deutsche Träger des Nobelpreises für Wirtschaft, ist tot. Der Wirtschaftswissenschaftler war 1994 für seine Beiträge zur Spieltheorie ausgezeichnet worden. dpa

Reinhard Selten ist tot

einhard Selten, der einzige deutsche Träger des Nobelpreises für Wirtschaft, ist tot. Der Wirtschaftswissenschaftler war 1994 für seine Beiträge zur Spieltheorie ausgezeichnet worden.

DüsseldorfReinhard Selten war so etwas wie der Übervater der deutschen Spieltheoretiker und Verhaltensökonomen. Zusammen mit John Nash, dem „Beautiful Mind“ aus dem gleichnamigen Film von 2001, wurde er 1994 als bisher einziger Deutscher mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet. Selten ist am 23. August im polnischen Posen im Alter von 85 Jahren gestorben. Das gab nun die Universität Bonn bekannt.

Ein Beautiful Mind, ein großer, forschender Geist war Reinhard Selten ohne Zweifel. Der Mathematiker habilitierte in Ökonomie und arbeitete Zeit seines Lebens interdisziplinär mit Mathematikern, Psychologen, Soziologen und Biologen zusammen. Er hatte keine Scheu, frühere Überzeugungen öffentlich über den Haufen zu werfen und engagierte sich für das, was er für richtig hielt – auch wenn man damit kein Ruhmesblatt erwerben konnte. So trat er 2009 bei der Europawahl als Spitzenkandidat der Bewegung „Europa Demokratie Esperanto“ an. Die Gruppe setzt sich für eine Verbreitung der Kunstsprache Esperanto zur leichteren weltweiten Verständigung ein.

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„Reinhard Selten wollte verstehen, wie Menschen Entscheidungen treffen. Ganz unbeeindruckt davon, wie sich die Wirtschaftswissenschaft entwickelte und was die Kollegen dachten, hat er unprätentiös, leidenschaftlich und vor allen Dingen unabhängig sein Ziel verfolgt“, schwärmt der renommierte Verhaltensökonom Axel Ockenfels vom Forschergeist seines akademischen Lehrers und fügt hinzu: „Es gibt Wirtschaftswissenschaftler, die sich für wenig anderes interessieren als Publikationen und Ökonomen-Rankings. Und dann gibt es Wirtschaftswissenschaftler wie Selten, die allein getrieben sind von dem Wunsch, der Wahrheit näher zu kommen.“

Die Spieltheorie, für deren Weiterentwicklung Selten den Nobelpreis erhielt, kommt ursprünglich aus der Mathematik. Sie findet aber heute vor allem in der Ökonomik Anwendung. Dabei geht es darum, Strategien von Akteuren herauszuarbeiten, die in optimaler Weise die Erwartungen und Strategien von Gegenspielern berücksichtigen, ganz wie etwas beim Poker. Das Militär interessierte sich im kalten Krieg sehr für die Spieltheorie, was zu ihrem Durchbruch beitrug. Aber auch in der Wettbewerbstheorie, für die Analyse von Tarifverhandlungen oder Wahlkämpfen wird sie angewendet.

Reinhard Selten hat diese Theorie nicht nur weiterentwickelt, er war auch Pionier bei ihrer Überprüfung und Rückkopplung mit der Realität. Er gründete ein Experimentallabor, in dem er Probanden vor spieltheoretische Entscheidungen stellte, und schaute, wie sie sich genau verhalten und welche Motivationen sie antreiben.

Aus diesen Experimenten haben sich die Disziplinen der experimentellen Ökonomik und der Verhaltensökonomik entwickelt – seither gehören sie zu den am stärksten expandierenden Feldern der Ökonomik. Seine Forschungen führten Selten auch zu persönlichen Einsichten. So verwarf er seine Überzeugung vom Homo Oeconomicus, der Theorie von vollkommen rationalen, eigensüchtigen und informierten Menschen. Stattdessen plädierte er für die Annahme beschränkter Rationalität und die Einbeziehung uneigennütziger Motive.

Den meisten seiner Wurzeln blieb Reinhard Selten aber treu. Er wurde 1930 im heute polnischen Breslau geboren, als Sohn eines jüdischen Ladenbesitzers. Dieser musste unter der Naziherrschaft seinen Laden schließen. Bei Kriegsende flüchtete die Familie nach Westen. Selten engagierte sich für die deutsch israelische Zusammenarbeit in der Wissenschaft, hatte viele Forschungsaufenthalte in Israel und lud israelische Forscher nach Deutschland ein. 1959 heiratete er seine Frau Elisabeth. Wenn er von seiner selbsterklärten Sucht nach Wissenschaft und Denken eine Auszeit nahm, dann meist beim Wandern.

Bis ins hohe Alter blieb er aktiv für die Universität Bonn. Seit 1984 hatte Selten dort einen Lehrauftrag. Noch bis vor kurzem leitete er das Forschungsprojekt „Rationalität im Lichte der experimentellen Wirtschaftsforschung“ und veröffentlichte noch 2015 gemeinsam mit Axel Ockenfels einen verhaltensökonomischen Aufsatz. „Er war einer der bedeutendsten deutschen Wissenschaftler mit höchster internationaler Reputation“, bringt es der Rektor der Universität Bonn, Michael Hoch, auf den Punkt.

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