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28.12.2014

10:38 Uhr

Ölpreis

„Billigeres Öl wirkt wie Konjunkturprogramm“

Der Ölpreissturz lässt Russland leiden, aber die Weltwirtschaft kaum, ist IfW-Präsident Dennis Snower überzeugt. Bundesbankpräsident Jens Weidmann prognostiziert sogar positive Impulse für die deutsche Wirtschaft.

Pump-Einheiten auf einem Ölfeld bei Los Angeles: Der niedrige Ölpreis belastet die Weltwirtschaft kaum. dpa

Pump-Einheiten auf einem Ölfeld bei Los Angeles: Der niedrige Ölpreis belastet die Weltwirtschaft kaum.

Kiel/FrankfurtDer Preisverfall beim Öl hat aus Sicht des Ökonomen Dennis Snower für die Weltwirtschaft kaum negative Folgen. „Aber es gibt natürlich Verlierer, und der größte Verlierer unter den Öl exportierenden Ländern ist Russland“, sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) der Deutschen Presse-Agentur. In Deutschland trage der niedrige Preis wesentlich dazu bei, dass 2015 das Wirtschaftswachstum um 0,2 Prozentpunkte höher als im Vorjahr erwartet wird. Insgesamt aber seien die direkten Effekte für Deutschland nicht so groß, weil es nicht sehr ölintensiv wirtschafte, so Snower.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann sieht das billigere Erdöl als eine Art Konjunkturprogramm. „Die Verbraucher und Unternehmen müssen dafür weniger ausgeben und können mehr konsumieren und investieren“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Drei Gründe für einen Aufschwung – und drei dagegen

Pro: Jobboom

Alle Experten erwarten eine deutliche Zunahme der Beschäftigung. Hauptgrund dafür ist die enorme Zahl der Zuwanderer: 450.000 werden unter dem Strich im kommenden Jahr erwartet, nach etwa 500.000 in diesem Jahr. Auch der Aufwärtstrend bei Dienstleistungen und der hohe Bedarf an Fachkräften kurbelt die Nachfrage an. „Dadurch wird die Beschäftigung auch 2015 steigen“, sagt Enzo Weber vom IAB-Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte mit durchschnittlich 42,8 Millionen einen Rekord erreichen, sagen Bundesregierung und Sachverständige voraus. Das kurbelt den Konsum an und schirmt die Wirtschaft gegen geopolitische Risiken ab.

Pro: Niedrige Inflation

Die Inflationsrate ist mit 0,6 Prozent derzeit so niedrig wie seit Jahren nicht mehr – vor allem wegen der Ölpreise, die sich seit dem Sommer in etwa halbiert haben. Das entlastet deutsche Verbraucher und Unternehmen im kommenden Jahr um etwa 30 Milliarden Euro, haben die Ökonomen von UniCredit ausgerechnet. „Ein solcher Rückgang wirkt über die Entlastung der Lebenshaltungskosten der Haushalte und der Produktionskosten der Unternehmen wie ein kleines Konjunkturprogramm“, betont Bundesbankchef Jens Weidmann. Nach Schätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages kann das 0,3 Prozentpunkte an zusätzlichem Wachstum bringen.

Pro: Impulse aus Krisenländern

Nach Jahren der Schwäche kommen die Krisenstaaten Portugal, Irland, Griechenland und Spanien (PIGS) immer besser in Schwung. Die Wirtschaft in Griechenland wuchs im abgelaufenen Quartal so schnell wie in keinem anderen Euro-Land. Irland wird 2014 nach Prognose der EU-Kommission mit 4,6 Prozent Wachstums-Europameister. Von der Erholung profitiert auch Deutschland: In den ersten neun Monaten legten die Exporte in die PIGS-Länder um fast neun Prozent zu – zweieinhalb Mal so viel wie die Ausfuhren insgesamt. Da die Erholung nach allen Prognose im kommenden Jahr noch an Schwung gewinnen wird, dürfte die Nachfrage nach Waren „Made in Germany“ noch stärker anziehen.

Contra: Investitionsschwäche

Die deutsche Wirtschaft läuft nur auf zwei von drei Zylindern: Konsum und Exporte wachsen ordentlich, doch die Unternehmen investieren trotz extrem niedriger Zinsen weniger. Grund dafür ist die Krise auf zahlreichen Absatzmärkten – von Russland, über den Nahen Osten bis nach Afrika. Hinzu kommen Unsicherheit über den wirtschaftspolitischen Kurs der Bundesregierung: Mindestlohn, Mietpreisbremse, Rente mit 63. „Die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung wirkt nicht unbedingt vertrauensstärkend“, sagt der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo.

Contra: Russland-Krise

Acht Milliarden Euro verlieren die deutschen Exporteure allein in diesem Jahr im Russland-Geschäft, warnt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht, im Gegenteil: 2015 dürfte die russische Wirtschaft wegen der westlichen Sanktionen und des Ölpreisverfalls kräftig einbrechen. Die Abwertung des Rubel dürfte deutsche Waren für viele Verbraucher und Unternehmen unerschwinglich machen.

Contra: Chinas Schwäche

Der langjährige Motor der Weltwirtschaft läuft nicht mehr so rund wie gewohnt. Die Staats- und Parteiführung dürfte das Wachstumsziel für 2015 auf etwa sieben Prozent drücken. Das wäre das kleinste Plus seit mehr als 25 Jahren. Dem Exportweltmeister macht die globale Konjunkturflaute zu schaffen. Zudem leidet die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt unter einer schwächelnden Binnennachfrage und einem sich abkühlenden Immobilienmarkt. Die deutschen Ausfuhren nach China dürfte das dämpfen.

Die bisherigen Prognosen der Bundesbank zur wirtschaftlichen Entwicklung hätten den Ölpreisrückgang noch nicht im vollen Umfang widergespiegelt. Seit dem Stichtag für die Prognosen sei der Preis noch einmal um rund 25 Prozent gefallen. Das sei enorm und führe dazu, dass die Preise für zahlreiche Güter sinken, denn ihre Produktion werde günstiger. „Gleichzeitig stimuliert das die Wirtschaft.“

Nach derzeitigem Stand - und wenn der Ölpreis so niedrig bleibe - heiße das, 2015 werde die Inflation noch niedriger als gedacht, das Wachstum aber besser. Weidmann betonte aber auch: „Als Notenbanker müssen wir auch immer die Kehrseite der Medaille im Blick behalten. Wir müssen aufpassen, dass die Menschen im Euroraum nicht auch künftig solch eine niedrige Inflation oder gar fallende Preise erwarten.“

Zumal der Preis für den begehrten Rohstoff nicht für immer so niedrig bleiben dürfte. Längerfristig erwartet Snower einen höheren Ölpreis, weil die Umstellung auf erneuerbare Energien lange dauern werde.

Wie dramatisch die Folgen des aktuellen Kursrutsches für Russland sein werden, hängt aus Sicht Snowers wesentlich davon ab, wie die Finanzmärkte reagieren und wie viel Kapital aus dem Land abfließt. Bei einem entsprechenden Ausmaß der Krise könnte es dazu kommen, dass Russland seine Schulden nicht mehr bedienen kann. „Die Frage wird dann sein, wie es damit politisch umgeht“, sagte Snower. Heftige Reaktionen könnten große ökonomische Auswirkungen haben. Dieselbe Überlegung gelte für den Iran.

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