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12.11.2013

13:21 Uhr

Ölpreis-Rückgang

Inflationsrate sinkt weiter

Die Verbraucher in Deutschland können sehr günstig tanken, die Inflation steht auf dem tiefsten Punkt seit vier Jahren. EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny geht davon aus, dass die lockere Geldpolitik weitergeführt wird.

Deutsche Verbraucher müssen trotz sinkender Inflation immer mehr für Nahrungsmittel bezahlen. dpa

Deutsche Verbraucher müssen trotz sinkender Inflation immer mehr für Nahrungsmittel bezahlen.

WiesbadenSinkende Heizöl- und Spritpreise haben die Inflationsrate in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit August 2010 gedrückt. Im Oktober stiegen die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 1,2 Prozent nach 1,4 Prozent im September, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Damit bestätigte die Behörde erste Schätzungen. Eine niedrigere Teuerungsrate wurde demnach zuletzt im August 2010 mit plus 1,0 Prozent gemessen.

Deutlich günstiger waren Mineralölprodukte, die sich im Schnitt um 7,0 Prozent verbilligten. Dabei dämpfte der deutliche Preisrückgang binnen Jahresfrist sowohl bei leichtem Heizöl (- 10,4 Prozent) als auch bei Kraftstoffen (- 5,8 Prozent) die Gesamtteuerung: Ohne Berücksichtigung der Mineralölpreise hätte die Teuerungsrate im Oktober bei 1,7 Prozent gelegen. Dass sich Energie insgesamt „nur“ um 0,5 Prozent verbilligte, liegt an der Entwicklung des Strompreises. Infolge der Anfang 2013 erhöhten Ökostromabgabe kostete Strom 11,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Auch für Nahrungsmittel müssen Verbraucher in Deutschland mit plus 4,2 Prozent weiterhin mehr bezahlen als binnen Jahresfrist. Deutlich teurer wurden etwa Kartoffeln (plus 29 Prozent), Butter (plus 28 Prozent), Zwiebeln und Knoblauch (plus 24 Prozent) oder H-Milch (plus 20 Prozent).

Teilweise sei der schwache Preisauftrieb zwar auch durch staatliche Maßnahmen verursacht, analysierte Commerzbank-Ökonom Johannes Werner: „Aber auch ohne Abschaffung der Praxisgebühr und der Studiengebühren in Bayern läge die Kernrate nur bei 1,4 Prozent.“

EU-Kritik am Reformvorbild Deutschland

Krise als Dauerzustand

Viele der jüngsten Empfehlungen zur deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik seitens der EU-Kommission ähneln denen der vorherigen Reformperiode. „Damit hat die schwarz-gelbe Regierung eine Ehrenrunde im Europäischen Semester gedreht und einen Reformstau verursacht“, sagte der Finanz- und Wirtschaftsexperte der Grünen, Sven Giegold, Handelsblatt Online.

Autor: Thomas Ludwig

Haushalt

Die Kommission ist der Meinung , „dass die öffentlichen Finanzen Deutschlands insgesamt solide sind und das mittelfristige Haushaltsziel erreicht worden ist. Das den Haushaltsprojektionen des Programms zugrunde liegende makroökonomische Szenario ist plausibel.“ Weiter so.

Schuldenbremse

Bei der Umsetzung der in der Verfassung niedergelegten Regel des ausgeglichenen Haushalts („Schuldenbremse“) wurden nach Ansicht der Kommission seit der letztjährigen Empfehlung einige Fortschritte erzielt: „Allerdings scheinen in den meisten Bundesländern noch die spezifischen Durchführungsbestimmungen erforderlich zu sein, um eine wirksame Anwendung der Schuldenbremse im jährlichen Haushaltsverfahren sicherzustellen.“

 

Mehrwertsteuer

Brüssel kritisiert, Deutschland schöpfe wachstumsfreundliche Einnahmequellen nicht in ausreichendem Maße aus: „Die Anwendung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes (von derzeit sieben Prozent) auf ein inzwischen recht breit gefächertes Spektrum von Waren und Dienstleistungen könnte eingeschränkt und die MwSt-Verwaltung geprüft werden, um die Effizienz, die Steuererhebung und die Betrugsbekämpfung zu verbessern.“

Öffentliche Aufträge

Was die öffentliche Auftragsvergabe anbelangt, ist der Wert der von den deutschen Behörden gemäß den EU-Vorschriften veröffentlichten Aufträge sehr gering.

Die Kommission empfiehlt der Bundesregierung daher, dass sie im Zeitraum 2013/2014 „dringend Maßnahmen ergreift, um den Wert der im öffentlichen Auftragswesen vergebenen Aufträge signifikant zu steigern.“

Gesundheit

Die  Effizienz bei der Verwendung der öffentlichen Ausgaben für Gesundheit und Pflege lässt nach Ansicht der Kommission zu wünschen übrig. Zwar gebe es Fortschritte. Diese seien aber begrenzt: „Die bisherigen Reformanstrengungen im Gesundheitssektor und die diesjährige Pflegereform scheinen nicht ausreichend, um die erwarteten künftigen Kostensteigerungen zu dämpfen.“

Bildung

Die Kommission sieht Deutschland auf einem gutem Wege, das nationale Ziel für Bildungs- und Forschungsausgaben einzuhalten. Aber: „Deutschland sollte sich noch ehrgeizigere Folgeziele setzen, um mit den innovativsten Volkswirtschaften gleichzuziehen.“ Bei der Anhebung des Bildungsniveaus benachteiligter Menschen sei die Bundesrepublik voran gekommen. Doch alle Bundesländer sollten weiter ehrgeizig daran arbeiten, ein Schulsystem zu schaffen, das gleiche Chancen für alle bietet, fordert die Kommission.

Berufstätige Frauen

Zufriedenheit klingt anders. „Deutschland hat keine Maßnahmen ergriffen, um die signifikanten Fehlanreize für Zweitverdiener abzuschaffen, und die Fortschritte beim Ausbau der Verfügbarkeit von Ganztagskindertagesstätten und -schulen bleiben begrenzt“, schreibt die Kommission der Bundesregierung ins Arbeitsheft.

Arbeitsmarkt

Die politischen Maßnahmen zur Verringerung der hohen Steuer- und Abgabenlast für Geringverdiener und zur Verbesserung der Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt halten die Experten in Brüssel für begrenzt. „Deutschland sollte mehr tun, um die auf Niedriglöhne erhobenen hohen Steuern und Sozialabgaben zu verringern. Es sind weitere Anstrengungen notwendig, um die Umwandlung von bestimmten Beschäftigungsverhältnissen, z. B. Minijobs, in nachhaltigere Beschäftigungsformen zu verbessern und damit eine Segmentierung des Arbeitsmarkts zu vermeiden.“

Löhne

Die Reallöhne liegen der Kommissionsanalyse zufolge unter dem Stand von 2000. Das habe zum strukturellen Rückgang der Arbeitslosenquote von acht Prozent auf 5,5 Prozent beigetragen. Zuletzt aber habe bei den Reallöhnen ein dynamisches Wachstum eingesetzt, ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt würde. Gleichzeitig aber wächst die Schere bei den Einkommen: „Die Lohndisparitäten haben zugenommen“, schreibt die EU-Kommission.

Energie

Hier sieht Brüssel enormen Handlungsbedarf. „Deutschland strebt an, die gesamtwirtschaftlichen Kosten des Umbaus des Energiesystems so gering wie möglich zu halten. Bislang hat dies keine greifbaren Ergebnisse gezeitigt und nach wie vor bestehen größere Risiken und potenzielle Ineffizienzen. Die Koordinierung seiner nationalen Energiepolitik mit den Energiepolitiken der Nachbarländer ist unzureichend.“

Finanzsektor

Der Regulierungs- und Aufsichtsrahmen wurde gestärkt. Brüssel würdigt das als „signifikante Anpassungen“. Die Entscheidungen der Kommission über staatliche Beihilfen, unter anderem der WestLB, hätten die Umstrukturierung der Landesbanken weiter vorangetrieben. „Nach wie vor scheinen jedoch einer marktgetriebenen Konsolidierung im Bankensektor Governance-Hindernisse entgegenzustehen, die die Gesamteffizienz des Finanzsektors beeinträchtigen.“

Dienstleistungen

In diesem Sektor hat sich die Situation seit dem vergangenen Jahr nicht signifikant verändert. Im Hinblick auf den Zugang zu bestimmten Berufen und deren Ausübung gibt es nach wie vor zahlreiche Beschränkungen. Rat der Kommission: „Deutschland sollte stärker an der Öffnung des Dienstleistungssektors arbeiten, indem ungerechtfertigte Beschränkungen und Marktzutrittsschranken abgeschafft werden, was das Preisniveau senken und Dienstleistungen für die unteren Einkommensgruppen bezahlbarer machen wird.“

Freie Berufe

Viele freiberufliche Dienstleistungen unterliegen Anforderungen an die Rechtsform und in Bezug auf die Gesellschafter. Deshalb fordert die Kommission Deutschland dazu auf, zu prüfen, ob sich die gleichen im öffentlichen Interesse liegenden Ziele nicht durch eine weniger strikte Reglementierung erreichen ließen: „Die verschiedenen Regelungen auf Länderebene weisen ebenfalls darauf hin, dass Spielraum für weitere Anstrengungen besteht, um die mit dem geringsten Aufwand verbundenen regulatorischen Ansätze zu ermitteln und deren Anwendung bundesweit auszudehnen und auf diese Weise den Verwaltungsaufwand für Unternehmen zu verringern.“

Diese Kernrate habe seit Anfang 2011 im Trend leicht zugelegt, sei zuletzt aber wieder etwas gefallen: „Dies ändert aber nichts an unserer Einschätzung, dass sie im kommenden Jahr im Trend weiter zulegen wird. Denn die Lohnstückkosten werden weiter steigen - im ersten Halbjahr 2013 waren sie etwa 2,5 Prozent höher als im ersten Halbjahr 2012.“ Dennoch werde die Teuerungsrate insgesamt noch einige Zeit unter 2 Prozent liegen.

Während Verbraucher sich über den insgesamt geringen Preisauftrieb freuen dürften, sehen Europas Währungshüter die Entwicklung mit Sorge. Weil die Inflation im Euroraum im Oktober deutlich auf 0,7 Prozent und damit auf den tiefsten Stand seit vier Jahren gesunken war, senkte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf das Rekordtief von 0,25 Prozent. Die EZB strebt eine Inflationsrate von knapp unter 2,0 Prozent an. In vielen Euro-Ländern und im gesamten Währungsraum liegt die Inflation allerdings noch wesentlich tiefer als in Deutschland. Dies schürte die Sorgen vor einer Deflation - also einem Preisverfall auf breiter Front.

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