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18.02.2016

19:44 Uhr

Ölpreis und China

EZB sieht Inflationsziel noch stärker in Gefahr

Ölpreisverfall, Krise in China und Flaute in den Schwellenländern: Die Weltwirtschaft schießt aus allen Rohren gegen das Inflationsziel der EZB. Die Notenbanker sind in Sorge – wollen aber keine Panik verbreiten.

Sinkt die Teuerungsrate unter null Prozent, droht Deflation – also eine Abwärtsspirale, in der sich Preise und Nachfrage gegenseitig unterbieten, bis es zum wirtschaftlichen Stillstand kommt. Reuters

EZB-Chef in Sorge

Sinkt die Teuerungsrate unter null Prozent, droht Deflation – also eine Abwärtsspirale, in der sich Preise und Nachfrage gegenseitig unterbieten, bis es zum wirtschaftlichen Stillstand kommt.

FrankfurtDer Ölpreisverfall und das schwächere Wirtschaftswachstum in wichtigen Schwellenländern bereiten der Europäischen Zentralbank (EZB) immer mehr Sorgen. Die Währungshüter befürchten, dass der Preisrutsch beim Schwarzen Gold weitere Kreise zieht und damit ihr Inflationsziel in weite Ferne rückt. „Die Gefahren haben seit Beginn des laufenden Jahres zugenommen“, heißt es im Protokoll der EZB-Zinssitzung vom 21. Januar, das die Notenbank am Donnerstag veröffentlichte. Zwar schreite die moderate wirtschaftliche Erholung in der Euro-Zone voran. Aber es gebe Anzeichen dafür, dass neben Öl auch der Preis für andere Güter und Dienstleistungen zurückgehen könne.

Die Aussichten für die Preisentwicklung im Euro-Raum seien durch den Ölrutsch erheblich gedämpft worden. Die EZB strebt eigentlich eine Teuerung von knapp zwei Prozent als idealen Wert für die Wirtschaftsentwicklung an. Denn das schafft einen Sicherheitsabstand zu einer gefährlichen Abwärtsspirale aus fallenden Preisen sowie stockenden Investitionen und sinkenden Löhnen. Eine solche Deflation hat beispielsweise die Wirtschaft in Japan lange Zeit gelähmt.

Best of Mario Draghi

3.11.2011

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es.“

(Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)

26.7.2012

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

(Draghi am 26.7.2012 in London)

3.4.2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

(Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)

26.5.2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

(Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

5.6.2014

„Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen.“

(Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)

4.9.2014

„Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht.“

(Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)

22.1.2015

„Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber.“

(Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: „War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?“)

3.9.2015

„Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist.“

(Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)

9.3.2017

„Unsere Geldpolitik war erfolgreich.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Anstieg der Inflation auf zwei Prozent)

9.3.2017

„Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass das Risiko einer Deflation drängend ist.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Erfolg seiner expansiven Geldpolitik)

Im Januar waren die Preise in der Euro-Zone nur um 0,4 Prozent angezogen. Die EZB-Ratsmitglieder warnten aber davor, ein zu düsteres Bild zu zeichnen. Ansonsten würde womöglich die befürchtete Entwicklung zu einem Teil herbeigeredet.

Die Euro-Wächter hatten bei ihrer Zinssitzung im Januar zwar keine weitere Lockerung der Geldpolitik beschlossen. Sie stießen die Tür für mögliche zusätzliche Schritte im März aber weit auf. Den Protokollen zufolge diskutierten die Ratsmitglieder intensiv, wie mit der gestiegenen Unsicherheit umzugehen ist. So gab es Stimmen für ein schnelles Handeln. Experten rechnen damit, dass etwa der Strafzins für Geschäftsbanken weiter verschärft wird. Auch noch umfangreichere Anleihenkäufe stehen im Raum. EZB-Chef Mario Draghi hatte erst vor wenigen Tagen seine Bereitschaft bekräftigt, bei Bedarf die Geldpolitik weiter zu lockern. Die Notenbank besitze genügend Instrumente, so Draghi.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Aus den Protokollen geht zudem hervor, dass die Notenbank insbesondere die sich eintrübende Konjunktur in China im Blick hat. Einige Notenbanker befürchten dort offenbar eine harte Landung. Vergangenes Jahr gab es in der Volksrepublik bereits das schwächste Wachstum seit einem Vierteljahrhundert.

Von

rtr

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