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04.04.2016

14:57 Uhr

Preisentwicklung

Wie Sachsen die Geldpolitik der EZB beeinflusst

Sachsen ist das erste Bundesland Deutschlands, das die monatlichen Verbraucherpreise veröffentlicht. Für Analysten und Händler ist das ein wichtiger Anhaltspunkt für die Gesamtinflation in der Eurozone.

Sachsen veröffentlicht als erstes deutsches Bundesland die monatlichen Verbraucherpreise. Jüngste Daten ließen den Eurokurs um 0,2 Prozent steigen. dpa

Fußgängerzone in Leipzig

Sachsen veröffentlicht als erstes deutsches Bundesland die monatlichen Verbraucherpreise. Jüngste Daten ließen den Eurokurs um 0,2 Prozent steigen.

Frankfurt/EdinburghDie Preisentwicklungen in Sachsen sind für Markt-Analysten und Händler zu einem wichtigen Schwerpunkt geworden, wenn sie versuchen, Anhaltspunkte für die Gesamtinflation im ganzen Land und der Eurozone zu finden. Denn Sachsen ist das erste Bundesland in Deutschland, das die monatlichen Verbraucherpreise veröffentlicht.

In einer Zeit, in der die Inflation die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) dominiert, kommt Sachsen damit eine vergleichsweise hohe Bedeutung zu.

„Je früher man jede Art von Anhaltspunkt für die Daten bekommt, desto besser ist das“, sagt Neil Jones, Chef für Hedgefonds-Verkäufe bei Mizuho Bank Ltd. in London. „Sachsen veröffentlicht als erstes, es befindet sich in Deutschland, was offensichtlich die größte Volkswirtschaft in der Eurozone ist – und das gibt Anhaltspunkte für das Potenzial weiterer Konjunkturmaßnahmen in der Zukunft.“

Die Macht und die Mittel der EZB

Ziele

Die Europäische Zentralbank (EZB) soll Preisstabilität wahren, die Wirtschaftspolitik unterstützen und Finanzstabilität sichern.

Leitzinsanpassung

Leitzinsanpassungen sind das traditionelle Mittel, um die Wirtschaft und die Arbeitsnachfrage zu dämpfen oder zu stimulieren, und so die Lohnentwicklung und die Inflation stabil zu halten.

Negativzinsen

Negativzinsen von 0,1 Prozent berechnet die EZB den Banken für deren Guthaben bei der Notenbank. Jede Bank will ihre überzähligen Guthaben zu einer anderen Bank schieben, indem sie Wertpapiere kauft oder Kredite vergibt.

Langfristkredite

Langfristkredite vergibt die EZB seit Ende 2011 und ergänzt damit die normalen kurzfristigen Kredite. Das hilft den Banken bei der Finanzierung, da Bankanleihen teurer und für manche gar nicht mehr zu haben waren.

Pfandbriefe

Pfandbriefe und Kreditverbriefungen kauft die EZB den Banken seit Herbst 2014 ab. Auch das hilft bei der Refinanzierung und sorgt für mehr Bankguthaben bei der EZB, was die Bereitschaft zur Kreditvergabe erhöhen soll.

Käufe von Staatsanleihen

Käufe von Staatsanleihen als Mittel der Geldpolitik setzte die EZB erstmals 2010 ein, um die Renditen von Anleihen der Peripherieländer zu drücken, die damals kräftig nach oben schossen. Das gelang mit dem relativ kleinen Programm nur bedingt. Im September 2012 ersetzte die EZB dieses SMP-Programm durch das OMT-Programm. Sie erklärte sich dabei unter Bedingungen bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Bisher kam das Programm nicht zum Einsatz. Seit März 2015 erwirbt sie mit einem erweiterten Kaufprogramm im großen Stil Staatsanleihen. Der Gegenwert landet als Bankguthaben bei den Verkäufern, zum Beispiel Fonds, und als überschüssiges Guthaben auf den Zentralbankkonten der Banken. Das treibt vor allem die Kurse von Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen und Immobilien in die Höhe. Indirekt soll das die Wirtschaft ankurbeln.

Notkredite

Notkredite (ELA) können nationale Zentralbanken des Euro-Raums ihren heimischen Banken gewähren, wenn diese nicht mehr genug gute Sicherheiten für normale EZB-Kredite haben. Die EZB muss diese ELA-Kredite genehmigen. Untersagt sie sie, etwa wenn Griechenland sich nicht mit den Gläubigern einigen kann, haben die Banken keinen Zugang zu Euro-Guthaben und Euro-Bargeld mehr, was zur Schließung und letztlich zum erzwungenen Austritt aus der Währungsunion führen kann.

Die Reaktion auf die Zahlen, die am vergangenen Mittwoch von Sachsen veröffentlicht worden sind, verdeutlicht, wie sehr der Finanzmarkt auf die Daten aus dem Freistaat achtet. Der Euro schnellte unmittelbar um 0,2 Prozent gegenüber den Dollar hoch und die zehnjährigen Bundesanleihen bauten ihre Gewinne ab, als die Daten zeigten, dass die Inflation im März wieder an Fahrt gewonnen hatte.

In den vergangenen zwölf Monaten bewegte sich der Euro im Durchschnitt jedes Mal um rund 0,08 Prozent gegenüber dem Dollar in den ersten fünf Minuten nach Veröffentlichung der jeweiligen Teuerungsdaten aus Sachsen.

Das ist zwar kaum ein grundlegender Stimmungswechsel. Und die Daten werden jeweils gesendet, wenn der Aktienmarkt in Frankfurt öffnet. Doch die Reaktion auf die Sachsen-Daten fällt in aller Regel stärker aus als etwa auf die Verbraucherpreise der gesamten Eurozone. Selbst beim jüngsten Ifo-Geschäftsklimaindex, auf den meist stärker geachtet wird, reagierte der Euro nicht derart stark.

Laut Ulrich Leuchtmann, Leiter Devisenstrategie bei der Commerzbank AG in Frankfurt, hatten Überraschungen beim Ifo-Index die Wechselkurse lange Zeit signifikant bewegt. „Doch das ist nicht mehr der Fall.“

Sachsens Bedeutung hängt letztlich mehr vom Zeitpunkt der Veröffentlichung ab von allem anderen. Es ist der erste Indikator für die deutsche Inflationsrate – und weniger ein Richtungsweiser für die deutsche Wirtschaft.

„Ich glaube nicht, dass Sachsen ein guter Indikator für die deutsche Inflation als Ganzes ist“, sagt Stefan Kipar, ein Volkswirt bei der Bayerischen Landesbank in München, im Gespräch mit Bloomberg. Größere Bundesländer würden die Zahlen für Gesamt-Deutschland stärker beeinflussen. Dennoch lasse sich mit Blick auf Sachsen sagen, dass „für gewöhnlich die erste Information jene ist, die die stärkste Reaktion an den Märkten auslöst“, meint Kipar.

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