Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.11.2014

09:59 Uhr

Preiskampf um Öl

Das Ölkartell zerfällt

VonJörg Hackhausen, Jan Mallien

Wer hat die Macht über das Öl? Ausgerechnet der wichtigste Ölproduzent drückt die Preise. Das wollen Russland, der Iran und Venezuela nicht hinnehmen. Das heutige Treffen der Opec wird zum Tag der Wahrheit.

Getty Images

DüsseldorfEs wird das wichtigste Treffen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten. Am Donnerstag kommen die Minister der Opec-Staaten in Wien zusammen. Sie stimmen darüber ab, wie viel Erdöl die Mitgliedstaaten künftig fördern sollen. Die Entscheidung stellt das Ölkartell vor eine Zerreißprobe – und könnte für heftige Ausschläge beim Ölpreis sorgen.

„Es wird ein kritischer Tag“, sagt Doug King, Investmentchef des Merchant Commodity Fund. Sollte die Opec nicht handeln, gehe es für den Ölpreis weiter abwärts. Auch Daniel Bathe, Fondsmanager von Lupus Alpha Commodity Invest, meint: „Der Markt würde an der Glaubwürdigkeit der Opec und deren Einfluss auf den globalen Ölmarkt zweifeln.“ Dann könne der Preis für ein Barrel bis auf 60 Dollar sinken.

Seit Wochen befindet sich der Ölpreis im freien Fall. Der Rohstoff ist heute ein Drittel billiger als im Sommer. Am Donnerstag fiel der Preis für ein Barrel (159 Liter) unter 75 Dollar – das ist der tiefste Stand seit vier Jahren.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Beginne der Ölförderung

Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

Vollgas mit Benzin

Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 19. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

Goldene Zeitalter des billigen Öls

Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

Erste Ölkrise

In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

Preisexplosion während des Golfkriegs

Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

Ein rasanter Anstieg

Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg war der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt. Die Finanzkrise ließ den Preis Ende 2008 allerdings wieder abstürzen.

Ölpreis heute

Ein weltweites Überangebot hält die Preise weiterhin auf niedrigem Niveau. Aktuell kostet ein Barrel Brent rund 30 US-Dollar.

Einige Ölstaaten wollen den Preisverfall nicht länger hinnehmen, allen voran Venezuela oder Iran. Diese Länder sind in hohem Maße abhängig von den Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Damit die Preise wieder steigen können, wollen sie das Angebot verknappen. Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro kündigte an, ein Bündnis gegen den Ölpreisverfall schmieden zu wollen. Dabei wollte er auch Nichtmitglieder der Opec einbeziehen, in erster Linie Russland.

Ausgerechnet Saudi-Arabien, das mächtigste Opec-Mitglied, will jedoch die Produktion trotz fallender Preise hochhalten. Die Saudis erklärten vor wenigen Wochen, ein Ölpreis von 70 bis 80 Dollar je Barrel sei für Saudi-Arabien erträglich – und heizten damit den Preiskampf erst recht an. Im Vorfeld der Opec-Sitzung legte der saudische Ölminister Ali al-Naimi nochmals nach, indem er mitteilte, der Preis werde sich „irgendwann von selbst“ stabilisieren. Auch die Vertreter aus Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten bekundeten, der Abwärtstrend sei „keine Katastrophe“. Die Fronten innerhalb des Ölkartells sind verhärtet.

Kommentare (21)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Manfred Zimmer

26.11.2014, 16:31 Uhr

Das ist eine Form des Krieges, den die USA zur Verteidigung des USD brauchen. Wenn die USA diese Schlacht verlieren, dann ist ihre Vorherrschaft vorbei. Es geht also bei diesem Treffen um sehr, sehr viel.

Aber so traurig muss man mit Russland oder besser gesagt, mit Putin auch nicht umgehen.

2001 war es der damalige Kanzler Schröder, der die Unabhängigkeit Rsusslands von USD-notiertem Öl und Gas blockierte und dennoch hat Putin ihn zum Aufsichtsratschef der NORD-STREAM gemacht.

Wer mit solchen Leuten kungelt, der darf sich nachher nicht wundern.

Herr Putin wird sich gewiß den Anlaß seines Besuchs und an seinen Besuch im Hause Schröder erinnern. Es gibt nicht viele Haushalte in Deutschland, in denen die Hausfrau am 2. Advent alle 4 Kerzen anzündet. Bei Schröders war es so und das merkte sogar sogar Herrn Putin an.

Der Ausgang dieses TGreffens wird uns wohl den Weg in die Zukunft zeigen - wirtschaftlich und militärisch. Unterstellt man das, was alle erwarten, ist dies der Startpunkt eines neuen "kalten Kriegs".

Account gelöscht!

26.11.2014, 16:51 Uhr

Es sieht in der Tat nach einem globalen Ölkrieg aus:
USA, Saudi nebst Emiraten und Kuweit auf der einen, der Rest auf der anderen Seite.

Saudi stärkt seine Position in der OPEC, USA die seine weltweit und Rußland leidet unterm niederen Preis ebenso wie Venezuela und Iran.

Das kann im Verlauf der Folgemonate dramatische Ergebnisse zeitigen - vermutlich auch und besonders bei der globalen Wirtschaft und den Börsen.

Herr Delete User Delete User

26.11.2014, 17:12 Uhr

Sie haben Recht... der fallende Preis ist ein gewaltiges Konjunkturprogramm!

Marode, korrupte, heruntergewirtschaftete Staaten oder Bündnisse wie Venezuela oder Russland werden, ziehen die Globalwirtschaft, auch dann wenn sie faktisch bankrott gehen, nicht herunter. Dafür ist Russland eher ein Nischenplayer und hat sich Dank Putins Politik selbst ins abseits manövriert. Deutschland wird allerdings ein Problem bekommen. Aber was ist schon Deutschland. Global gesehen spielen wir heute noch eine Rolle, in Zukunft wird die Musik woanders gespielt. Schaffen wir noch den Euro ab, dann geht es noch schneller...

Der massive Ölpreisverfall zieht ein ganz anderes Problem nach sich: steigende Umweltverschmutzungen durch Freisetzung von CO2 und Giftgasen!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×