Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.11.2014

10:07 Uhr

Preissteigerung in Deutschland

Niedrige Ölpreise drücken Inflationsrate

Niedriger als es der EZB lieb sein kann: Die Teuerungsrate ist in Deutschland so niedrig wie zuletzt während der Finanzkrise. Verantwortlich sind insbesondere fallende Öl- und Energiepreise.

Warnungen an Deutschland

Droht Europa ein verlorenes Jahrzehnt?

Warnungen an Deutschland: Droht Europa ein verlorenes Jahrzehnt?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinDie Inflation in Deutschland bleibt niedrig. Gebremst vom starken Rückgang der Preise für Heizöl und Sprit stiegen die Verbraucherpreise im Oktober auf Jahressicht erneut nur um 0,8 Prozent. Das berichtete das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden und bestätigte eine erste Schätzung. Damit verharrt die Inflation den vierten Monat in Folge auf ihrem Jahrestief und dem niedrigsten Stand seit Februar 2010. Im Vergleich zum Vormonat sanken die Verbraucherpreise im Oktober um 0,3 Prozent.

Seit mehr als einem Jahr dämpft die Preisentwicklung von Mineralölprodukten die Gesamtteuerung: Im Oktober 2014 kosteten sie 5,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Insbesondere die Preise für leichtes Heizöl (- 10,8 Prozent) und Kraftstoffe (- 3,5 Prozent) sanken erneut kräftig. Ohne Berücksichtigung der Preise für Mineralölprodukte hätte die Inflationsrate im Oktober bei 1,1 Prozent gelegen.

Auch dieser Wert liegt allerdings deutlich unter dem Ziel der Europäischen Zentralbank, die Preisstabilität bei einer jährlichen Teuerungsrate von knapp unter 2 Prozent gewahrt sieht. Dieses Ziel verfehlt die Notenbank seit Anfang 2013. Deshalb hat die EZB ihre Geldpolitik zuletzt in mehreren Schritten weiter gelockert und zusätzliche Maßnahmen in Aussicht gestellt.

Denn die geringe Teuerung stärkt zwar die Kaufkraft der Verbraucher. Währungshüter fürchten aber ein Abgleiten in die Deflation, eine gefährliche Spirale aus rückläufigen Preisen und schrumpfender Wirtschaft.

Im Oktober verbilligte sich Energie insgesamt um 2,3 Prozent zum Vorjahr. Denn dem allgemeinen Trend fallender Energiepreise standen erneut steigende Strompreise (+ 1,8 Prozent) gegenüber.

Niedrige Inflation: Fluch oder Segen?

Warum ist Preisstabilität so wichtig?

Bei stabilen Preisen bleibt die Kaufkraft des Geldes erhalten. Das stützt den Konsum. Inflation steht hingegen für Geldentwertung: Bei steigenden Preisen können sich alle, die längerfristig gleichbleibende Einkommen beziehen wie Tarifgehälter, Renten oder Sozialleistungen, immer weniger von ihrem Geld kaufen. Auch für Menschen mit Geldvermögen und Sparer ist Inflation schlecht, weil sie am realen Wert des Vermögens knabbert.

Wie weit ist die Notenbank von ihrem Preisziel entfernt?

Das Statistische Bundesamt errechnete für September auf Jahressicht vorläufig einen Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland um 0,8 Prozent. Im Euroraum fiel die Inflation im September sogar auf 0,3 Prozent - den tiefsten Stand seit Oktober 2009. Insgesamt habe die EZB das Versprechen einer stabilen Währung aber eingehalten, betonte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann erst am Montag: „In den ersten Fünfzehneinhalb Jahren nach der Euro-Einführung lag die durchschnittliche Inflationsrate bei 2,0 Prozent und damit grosso modo im Einklang mit dem Stabilitätsziel des EZB-Rats.“

Warum strebt die EZB eine höhere Teuerung an?

Die EZB sieht Preisstabilität bei einer Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent gewahrt. Damit will die Notenbank ein Abrutschen in eine Deflation verhindern, also einen Preisverfall auf breiter Front. Denn in Erwartung einer weiter nachlassenden Inflation oder gar sinkender Preise könnten Unternehmen und Verbraucher Investitionen und Konsumausgaben zurückstellen. Das würde eine Spirale in Gang setzen, die die Konjunktur abwürgt und Arbeitsplätze kostet. Zudem hat EZB-Präsident Mario Draghi betont, dass der sehr geringe Preisauftrieb schlecht ist für Schuldner: „Ist die Inflation niedrig, sinkt der reale Wert der Schulden von Staaten und Unternehmen langsamer.“ Dadurch werde der Schuldenabbau erschwert.

Wie entwickeln sich die Preise für Nahrungsmittel?

Nach den vorläufigen Zahlen der Statistiker kosteten Nahrungsmittel im September 0,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Seither haben aber Discounter und Supermärkte eine neue Welle für Preissenkungen eingeläutet: So hatte Deutschlands Discount-Marktführer Aldi Anfang Oktober die Preise für Käse-Produkte wie Aufschnitt, Frisch- und Schmelzkäse oder Sahneprodukte zum Teil um mehr als 13 Prozent gesenkt. Der Billiganbieter begründete den Schritt mit gesunkenen Rohstoffpreisen. Seit Monatsmitte sind auch Pommes frites und Zucker billiger.

Was sind die Gründe für die niedrige Teuerung?

Insbesondere weltweit sinkende Energie- und Nahrungsmittelpreise haben die Inflation gedrückt. Zwischenzeitlich verbilligte zudem der starke Euro importierte Waren. Inzwischen hat die EZB eingegriffen und den Euro gegenüber dem Dollar geschwächt. Zwar führe der Rückgang des Ölpreises auch an den Zapfsäulen weiter zu sinkenden Preisen, erklärt der ADAC: Allerdings werde dieser Effekt auf die Spritpreise durch den schwächeren Euro teilweise aufgefangen. Trotzdem: Sprit wird seit Monaten immer billiger. Nach ADAC-Angaben kostete der Liter Diesel im September durchschnittlich 136,2 Cent. Vor einem Jahr mussten Autofahrer demnach noch 144,0 Cent bezahlen, vor zwei Jahren 152,4 Cent. Nach Angaben des Deutschen Mieterbunds sanken auch die Preise für Heizöl von Januar bis Juli um 5,4 Prozent.

Auch die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im Oktober mit 0,7 Prozent auf Jahressicht vergleichsweise schwach. Dabei gab es allerdings sehr unterschiedliche Entwicklungen: Gurken kosteten nach den Angaben 52 Prozent mehr als im Oktober 2013, Kartoffeln 27 Prozent weniger.

Die Preise für Waren insgesamt blieben im Vergleich zum Vorjahresmonat fast stabil. Dabei mussten Verbraucher für Telefone (- 6,6 Prozent) oder Fernsehgeräte (- 9,6 Prozent) weniger bezahlen als im Vorjahr, für Bier und Tabakwaren (jeweils + 3,1 Prozent) sowie Zeitungen und Zeitschriften (+ 4,2 Prozent) hingegen mehr.

Im Dienstleistungssektor stiegen die Preise mit 1,7 Prozent deutlich. Das liegt vor allem an den Nettokaltmieten, für die private Haushalte etwa ein Fünftel ihrer Konsumausgaben aufwenden: Mieter mussten 1,6 Prozent mehr für ihre Wohnung bezahlen als vor einem Jahr.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr wulff baer

13.11.2014, 09:04 Uhr

Kein Mensch braucht Geldentwertung.
Vor allem dann nicht, wenn sich das Einkommen nicht erhöht.
Inflation brauchen nur dilettantische Notenbank-Präsidenten oder Polit-Nullen, die das Geld ihrer Steuerzahler für unnötige Verschwendungen veruntreuen.

Herr Manfred Zimmer

13.11.2014, 09:30 Uhr

Welche Inflation ist gemeint?

Ist die Inflation gemeint, die sich auf den Warenkorb der Rentner, der Bürger bezieht?

Ist die Inflation der öffentlichen Abgaben, der sonstigen privaten Lebensführung gemeint?

Oder ist das billigere 5. Handy, dass sich der Rentner im gleichen Jahr zulegen soll, auch wieder eingerechnet?

Eine einzige Inflationsrate anzugeben ist so, als würde man die Pommesbuden in einen Preisindex für Spezialitätenrestaurants einbeziehen.

Die Leute müssen doch einmal anfangen zu denken oder man muss feststellen, dass diese Leute schon vorher sich ihres gedacht haben.

Es ist an der Zeit, dass diese Propaganda einmal journalistisch aufgearbeitet wird.

Herr Jörg Klapproth

13.11.2014, 10:02 Uhr

Die immer wieder vorgetragene Sorge, dass bei einer Deflation die Menschen ihre Ausgaben in die Zukunft verschieben und dadurch die Wirtschaft schrumpft ist wohl eher unwahrscheinlich so lange die Energiepreise die Inflationsbremser sind. Ich werde definitiv auch in diesem Winter heizen, selbst wenn wenn ich nächstes Jahr vielleicht billiger heizen könnte. Der zwanghafte Wille die Inflation in die Höhe zu treiben dient vermutlich vor allem der Sanierung der öffentlichen Haushalte. Es wäre schön, wenn auch das Handelsblatt die verwegenen Hintergründe der EZB-Politik durchleuchten würde.
Ganz grundsätzlich müsste langsam allen dämmern, dass ein Wirtschaftssystem welches nur mit ständigem Wachstum am leben gehalten werden kann, allmählich eine Runderneuerung braucht. Wäre schön wenn das Handelsblatt dazu beitragen könnte, dieses Thema in den Medien zu besetzen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×