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28.07.2014

17:23 Uhr

Pro und Contra

Mehr Lohn = Mehr Wachstum?

VonJan Mallien, Jessica Schwarzer

Die Bundesbank hat eine Lohndebatte losgetreten, nun steigt auch die EZB ein. Sie plädieren für höhere Tarifabschlüsse. Schwächt das Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit? Oder führt es zu mehr Wachstum? Ein Pro und Contra.

Wären höhere Löhne ein Fluch oder Segen für die deutsche Wirtschaft? Getty Images

Wären höhere Löhne ein Fluch oder Segen für die deutsche Wirtschaft?

DüsseldorfEs sind ungewöhnliche Töne von der Bundesbank. Deren Chefvolkswirt Jens Ulbrich hat eine Debatte über höhere Löhne in Deutschland losgetreten. Dem „Spiegel“ sagte er: Die Lohnentwicklung in Deutschland sei „vor dem Hintergrund der guten konjunkturellen Lage, der niedrigen Arbeitslosigkeit und der günstigen Perspektiven durchaus moderat“. Ein Plus von 3,0 bis 3,5 Prozent sei möglich.

Bundesbank zu Tarifabschlüssen

Was ist der neutrale Verteilungsspielraum?

Darunter verstehen Volkswirte die Summe aus Preissteigerungsrate und Produktivitätszuwachs. Beides sollte nach herrschender Auffassung langfristig bemessen werden, um starke konjunkturelle Schwankungen aus den Tarifverhandlungen herauszuhalten. Als Grundlage gilt daher neben dem trendmäßigen Produktivitätszuwachs von derzeit gut 1 Prozent das Inflationsziel von knapp unter 2 Prozent, bei dem die Europäische Zentralbank (EZB) die Preise als stabil bewertet - zusammen also gut drei Prozent pro Jahr. Treffen die Tarifabschlüsse den neutralen Spielraum, profitieren die Arbeitnehmer im unveränderten Maße am wirtschaftlichen Erfolg. Die aktuellen Abschlüsse liegen meist in diesem Korridor, wie aus einer Auswertung des gewerkschaftlichen WSI-Tarifarchivs hervorgeht.

Wie wirken sich höhere Realeinkommen auf die wirtschaftliche Entwicklung aus?

Die Menschen geben ihr Geld aus, zumal sie derzeit kaum Zinsen für Sparguthaben bekommen. Anders als in den Jahren zuvor stützt die Nachfrage der privaten Haushalte das deutsche Wirtschaftswachstum massiv. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung geht davon aus, dass aktuell etwa die Hälfte des Wachstums von privaten Konsumausgaben getragen wird. Auf der anderen Seite steigen die Arbeitskosten in Deutschland momentan schneller als in den meisten anderen Euroländern. In der Vergangenheit mit Lohnzurückhaltung erreichte Kostenvorteile schmelzen ab, deutsche Exportgüter werden teurer.

Warum kümmert sich die Bundesbank um die Tarifabschlüsse?

Angesichts des schwachen wirtschaftlichen Wachstums im Euroraum fehlt der europäischen Notenbank EZB die sonst übliche Waffe höherer Zinsen gegen die gefürchtete Deflation. Höhere Reallöhne in Deutschland als größter europäischer Volkswirtschaft könnten die Nachfrage auch nach Importen aus anderen Euroländern und damit die gesamteuropäische Preisentwicklung anheizen. Im Euroraum hatte die Inflation zuletzt bei schwachen 0,5 Prozent gelegen.

Hat die Bundesbank früher nicht immer zu moderaten Tarifabschlüssen gemahnt?

Das hat sie, aber unter anderen Vorzeichen. In Zeiten der Bundesrepublik ging es meist darum, die Inflation einzudämmen und die Preise nicht noch mit hohen Abschlüssen anzuheizen. Im Moment soll die Preissteigerung hingegen angefacht werden, nachdem im Juni die deutsche Teuerungsrate nur noch 1,0 Prozent betragen hatte. Für 2014 erwarten die Bundesbanker 1,1 Prozent, für 2015 dann 1,5 Prozent und 2016 nahezu ideale 1,9 Prozent, unter anderem ausgelöst von höheren Tarifabschlüssen und dem gesetzlichen Mindestlohn.

Welche Rolle spielt der Mindestlohn?

Der gesetzliche Mindestlohn hat in klassischen Niedriglohnbranchen wie der Fleischwirtschaft oder dem Friseurhandwerk zu Tarifabschlüssen geführt, mit denen spätestens 2017 die Norm von 8,50 Euro pro Stunde erreicht wird. In den Jahren danach wird er nachträglich der Tarifentwicklung angepasst, hat also für die Lohnfindung in der Spitze keine Bedeutung. Es werden allerdings die Gehälter so vieler Menschen angehoben, dass die Bruttolohnsumme in Deutschland 2015 um ein ganzes Prozent steigen könnte, erwartet das IMK. Dieses Geld dürfte direkt in den Konsum fließen und ebenfalls die Binnennachfrage befeuern.

Wie werden die Einschätzungen bei den Tarifpartnern bewertet?

Vor der auch gesamtwirtschaftlich bedeutsamen Verhandlung um die Gehälter von 3,7 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie hüllt sich die IG Metall zu konkreten Lohnforderung noch in Schweigen. Deutschlands größte Gewerkschaft nimmt aber für sich in Anspruch, in ihrer wichtigsten Branche in den vergangenen Jahren den Verteilungsspielraum ausgeschöpft zu haben. Das sehen auch die Arbeitgeber von Gesamtmetall so, die die Bundesbankäußerungen im Übrigen als „nicht hilfreich“ bewerteten, da sich die Unternehmen bereits um die ausufernden Arbeitskosten sorgten.

Gibt es weitere Argumente gegen höhere Abschlüsse?

Neben der bereits erwähnten Kostensteigerung verweist Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), auf immer noch 2,8 Millionen Arbeitslose, von denen rund 800 000 das kurzfristige Arbeitslosengeld 1 beziehen. „Hier könnte man mit einer zurückhaltenden Lohnpolitik einen Teil zurück ins System holen.“

In die gleiche Kerbe schlägt nun auch EZB-Chefvolkswirt Peter Praet: Hierzulande seien die Inflationsrate niedrig und der Arbeitsmarkt in guter Verfassung, sagte er dem „Spiegel“. In solchen Staaten seien stärkere Verdienststeigerungen angemessen. Dagegen seien in manchen Krisenländern der Euro-Zone mit hoher Arbeitslosigkeit aktuell eher „niedrige Lohnabschlüsse erforderlich, um Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen“.

Die Kritiker höherer Löhne befürchten negative Folgen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen und den Export. Befürworter dagegen sehen darin eine Chance um das lahmende Wachstum anzuschieben und wirtschaftliche Ungleichgewicht auszugleichen.

Sind höhere Löhne nun sinnvoll oder nicht? Ein Pro und Contra von zwei Handelsblatt-Redakteuren.

Kommentare (21)

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Herr Omarius M.

28.07.2014, 17:57 Uhr

Einerseits Jammert man das der EU Automarkt Kollabiert und kleiner wird anderseits hält man die Leute Kurz.....

Paradox....klarer Fall von Gier frißt Hirn...

siehe neue Sparrunden...

dabei haben die Konzerne durchweg gut verdient...

Herr Eberhard Steinweg

28.07.2014, 18:07 Uhr

Die drei Prozent sollte man sich von Schaeuble holen. Dann hatte man den Steigerungs-Betrag auch effektiv verfuegbar.

Herr Peter Brintrup

28.07.2014, 18:14 Uhr

Erst sollte mal die Abzocke bei der Progression beseitigt werden, sonst kassiert Schäuble am meisten von einer Lohnerhöhung, die dann auch nur die Inflation befeuert.

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