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04.06.2013

14:38 Uhr

Prognose erneut gesenkt

IWF prophezeit Frankreich ein Minus-Jahr

Nachdem der Währungsfonds bereits im April seine Wachstumsprognose für Frankreich senkte, erwartet man für das Land nun sogar ein Minus. Die Reformen müssten stärker vorangetrieben werden, so die Empfehlung.

Der Finanzdistrikt La Defense bei Paris: IWF ermahnt Frankreich zu mehr Reformtempo. dpa

Der Finanzdistrikt La Defense bei Paris: IWF ermahnt Frankreich zu mehr Reformtempo.

ParisDer Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Konjunkturprognose für Frankreich abermals gesenkt und die Regierung zu Reformen aufgefordert. Das Bruttoinlandsprodukt der zweitgrößten Volkswirtschaft in der Euro-Zone werde in diesem Jahr um 0,2 Prozent schrumpfen, hieß es in dem am Dienstag veröffentlichten Länderbericht.

Im Januar hatte der IWF noch ein Wachstum von 0,3 Prozent erwartet, ehe er die Prognose im April auf minus 0,1 Prozent zurücknahm. Auch für das kommende Jahr ist der IWF inzwischen pessimistischer und erwartet nur noch ein Wachstum von 0,8 anstatt wie bislang von 0,9 Prozent. Am Montag hatte der IWF seine Wachstumsprognose für Deutschland auf 0,3 Prozent halbiert.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Die französische Wirtschaft leide unter einem nachlassenden Produktivitätswachstum, niedrigen Gewinnmargen und einem schwächelnden Export, erklärte der Währungsfonds. Das Land hinke in Sachen Wettbewerbsfähigkeit seinen europäischen Handelspartnern hinterher. Selbst die südeuropäischen Krisenstaaten würden inzwischen an Wettbewerbsfähigkeit spürbar gewinnen. "Die Regierung muss die Reformen, die sie in den vergangenen sechs Monaten angestoßen hat, jetzt stärker vorantreiben", so der IWF. "So sollten neue Mittel gefunden werden, um die Kosten für die Beschäftigung junger Arbeitnehmer zu senken."

Verständnis äußerte der Fonds dafür, dass Frankreich den Sparkurs aufgeweicht hat. "Nach drei Jahren mit einer deutlichen Haushaltsanpassung gibt es Raum dafür, dass Tempo der Konsolidierung zu senken", erklärte der IWF.

Von

rtr

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